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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.03.2013

Neues Projekt für alten Störenfried

Mit seinem Web-Format "Stoersender.tv" erfindet Dieter Hildebrandt das politische Kabarett noch einmal neu

Von Andre Zantow

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt während einer Lesung in Hamburg (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Der Kabarettist Dieter Hildebrandt während einer Lesung in Hamburg (picture alliance / dpa / Markus Scholz)

Dieter Hildebrandt ist zurück auf der Mattscheibe. Aber nicht im Fernsehen - der 85-jährige Kabarettist sendet jetzt im Internet. Über Crowdfunding hat er über 150.000 Euro von Fans eingesammelt. Nun hat er die erste Sendung ins Netz gestellt. Und Deutschlands Kabarettisten stehen bereits Schlange.

Stoersender.tv kommt subversiv daher. Dieter Hildebrandt sitzt in einem dunklen Büro. Über sein Headset spricht er mit einem geheimnisvollen Mann in schwarzem Anzug. Der schleicht sich langsam in den Reichstag.

Angela Merkel hält gerade eine Rede. Plötzlich entrollt der Mann in dunklem Anzug ein riesiges Plakat direkt über dem Bundesadler - mit dem Schriftzug "Goldman Sachs".

"Fantastisch gemacht. Erledigt."

Erster Störauftrag erledigt für Dieter Hildebrandt. Goldman Sachs ist eine große US-amerikanische Bank. Ihre ehemaligen Mitarbeiter sitzen inzwischen – wie EZB-Chef Draghi – weltweit auf Schlüsselpositionen. Nun fragen sich alle, ob der Bundestag auch schon von Goldman Sachs geleitet wird. So sieht die fiktive, aber typische Störsender-Aktion aus. Das neue Magazin soll im Kleinen aufrütteln und anstoßen.

"Ich habe die Vermutung, wenn ich der Zuschauer wäre, mir würde es gefallen. Das ist ja schon mal eine Stimme."

Etwa 2000 zahlende Abonnenten hat Stoersender.tv zum Sendestart. Über ein Jahr Vorbereitung liegt hinter den Machern. Das ist vor allem Stefan Hanitzsch. Der 35-jährige mit den wüst verwuschelten Haaren - kommt aus einem Münchner Vorort. Sein Vater Dieter Hanitzsch – in Bayern ein bekannter Karikaturist – ist seit gut 50 Jahren mit Dieter Hildebrandt befreundet. Und so wächst Stefan mit dem Onkel Dieter auf und vor über einem Jahr will er dem älteren Herren eine neue Homepage verpassen. Beide kommen ins Reden – gerade tobt der Occupy-Protest.

"Was passiert eigentlich mit der Occupy-Bewegung? Was passiert, wenn man sich an der Wiese wund gelegen hat, wie Mehmet Scholl sagen würde. Aus diesem Gespräch kam dann die Idee: Lass uns doch eine Plattform machen! Für mehr Demokratie, gegen antidemokratische Tendenzen. Und dann sagte der Hildebrandt: Ach, ja, so eine Art Störsender."

Der Name ist geboren. Wobei Stoersender nicht nur ein Internet-Magazin ist. Von Anfang an hat Stefan Hanitzsch es als vielseitige Plattform konzipiert. Hier können sich die Menschen amüsieren, empören, vernetzen und Projekte unterstützen, die zuvor im Magazin vorgestellt wurden:

"Die Innovation besteht darin, dass wir Kabarett, Journalismus, Wissenschaft und soziales Engagement verbinden."

Die nächste Szene steht auf dem Drehplan. Zwei Kameras und zwei Scheinwerfer sind auf Dieter Hildebrandt gerichtet. Der 85-jährige kennt die Situation. Aber hier ist er nicht in einem Studio, sondern im Arbeitszimmer des Vaters von Stefan Hanitzsch - die Schaltzentrale des Stoersenders. Hildebrandt sitzt an einem Tisch, lehnt sich nach vorne und erklärt in die Kamera warum es so viel russisches Schwarzgeld in Zypern gibt.

"Das liegt an der Strömung. Die kommt aus dem Schwarzgeldmeer, bzw., Schwarzmeer - durch die Dardanellen durch und durch die Bank in den Schrank von Nikosia schwimmt es. Es ist also gar nicht wahr, dass der Rubel rollt. Der Rubel schwimmt."

Dieter Hildebrandt ist nicht der Gastgeber der Sendung. Er und andere Kabarettisten wie Sigi Zimmerschid, Georg Schramm, H.G. Butzko oder Ecco Meineke sollen in kleinen Einspielern auftauchen. Auch Freunde von Dieter Hildebrandt - wie Roger Willemsen und Konstantin Wecker sind für künftige Folgen eingeplant. Visuelle Highlights liefert Stefan Hanitzsch mit seinen animierten Karikaturen von Politikern. Angela Merkel freut sich zum Beispiel, dass sie endlich die richtigen Fragen der Krise kennt.

"Wann schickt die Deutsche Bank die neue Gesetzesvorlage zu ihrer eigenen Rettung? Haben wir schon genug Steuergeld in Bad Banks verbrannt, damit die privaten Verluste möglichst gering bleiben? In jeder Krise geht’s voran, durch teuren Rat vom Ackermann."

Die erste Folge Stoersender.tv dreht sich um den "Finanz-Casino-Kapitalismus". Die zweite Folge um die Liberalisierung im europäischen Wassersektor. Große Themen - die mit den Mitteln von Satire, Kabarett und Komik bearbeitet werden, aber auch journalistisch. Stefan Hanitzsch moderiert und führt lange Interviews zum Beispiel mit Helge Peukert - Professor an der Uni Erfurt - Finanzwissenschaftler, der Alternativen zu unserem Geldsystem benennt.

"Also eine Alternative, die ich auch für richtig halte, besteht im sogenannten Vollgeld. Es ist das Geldsystem, von dem die meisten Menschen glauben, dass wir schon darin leben würden. Dass nämlich die Banken nur mit dem Geld arbeiten können, was als Spareinlage vorher dort eingelegt wurde, aber das ist ein grundsätzlicher Irrtum."

Die Tonqualität ist manchmal mangelhaft. Der Inhalt von Stoersender.tv überzeugt dagegen schon eher. Deutlich, scharf, persönlich, geistreich und das Magazin hat eine Haltung, die aus jedem Pixel springt. "Empört Euch" könnte der Leitspruch lauten - Stephan Hessel wäre sicher gern mal zum Interview gekommen. Ohne Quoten, Werbekunden und Lachzwang könnte hier ein Anarcho-Format entstehen, das es im deutschen Fernsehen nicht gibt.


Mehr Infos direkt auf der Website:

Stoersender.tv - Neues Webprojekt von Dieter Hildebrandt

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Kabarett mit Schwarmfinanzierung

Externe Links:

Stoersender.tv - Neues Webprojekt von Dieter Hildebrandt

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