Lesart / Archiv /

Neues jüdisches Selbstbewusstsein

Michael Wolffsohn / Thomas Brechenmacher: "Deutschland, jüdisch Heimatland"

Rezensiert von Ayala Goldmann

Blick in die Haupthalle der Synagoge in der Rykestraße in Berlin
Blick in die Haupthalle der Synagoge in der Rykestraße in Berlin (AP)

Bis 1938 gaben jüdische Eltern in Deutschland ihren Kindern gerne "urdeutsche" Vornamen, nach dem Holocaust änderte sich der Trend radikal: Jüdische Vornamen wurden bevorzugt. - Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher analysieren in "Deutschland, jüdisch Heimatland" die Vergabe von Vornamen in deutsch-jüdischen Familien und schließen daraus auf historische Meinungen und Trends.

"Im Jahr 1926 stellt Fräulein Müller ihrer Mutter ihren Bräutigam Siegfried vor. Nachdem Siegfried sich verabschiedet hat, sagt Mutter Müller zu Fräulein Müller: Siegfried ist ja ein netter Kerl, aber muss es denn unbedingt ein Jude sein?"

Den alten jüdischen Witz zitieren die Historiker Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher nicht von ungefähr. Der Name Siegfried stand zwischen 1860 und 1938 auf der Hitliste der zehn beliebtesten Vornamen unter Juden in Deutschland. In ihrem Buch vergleichen die Autoren Daten der letzten Volkszählung im Deutschen Reich aus dem Jahr 1939 mit Mitgliederlisten der jüdischen Gemeinden von 1999. Das Ergebnis: Bis 1938 waren die beliebtesten Vornamen für jüdische Jungen klassisch-deutsch - Max, Julius, Hermann und Alfred. Nach dem Holocaust kam die Wende: Seit 1945 führen David, Daniel, Michael und Benjamin die Hitliste für jüdische Jungennamen an.

Wolffsohn: "Die Namen sind interessant, aber sie sind nur ein Instrument. Es sagt uns, dass die deutschen Juden sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr viel heftiger, sehr viel früher von der jüdischen Welt abgewandt haben als bisher in allen wissenschaftlichen Darstellungen dargestellt."

Jüdische Eltern nannten ihre Töchter zwischen 1860 und 1938 am liebsten Rosa, Bertha, Johanna oder Else. Nach 1945 standen vor allem biblisch-jüdische Namen an der Spitze der Hitliste: Miriam, Sara, Ester und – ein Ausreißer – Natalie. Ein Zeichen dafür, so Wolffsohn und Brechenmacher, dass sich die Juden in Deutschland nicht mehr von ihrem Judentum distanzieren.

"Ja, wir sind hier, wir sind auch politisch keine Duckmäuserjuden. Wir verbiegen uns nicht. Anders als Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Kurt Tucholsky oder Victor Klemperer dächten wir nicht im Traume daran, durch Taufe oder andere Fluchtwege die jüdische Gemeinschaft zu verlassen. Das ist die neujüdische Botschaft."

Auch der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy hätte heutzutage die Taufe nicht mehr nötig.

"Deutschland, jüdisch Heimatland""Deutschland, jüdisch Heimatland" (Piper Verlag)Um ihre These vom neuen jüdischen Selbstbewusstsein zu untermauern, berufen sich Wolffsohn und Brechenmacher auf eine von ihnen entwickelte Methode: Die "historische Demoskopie". Sie analysieren Vornamen und schließen daraus auf historische Meinungen und Trends. Seit 1945 wählten fast die Hälfte der deutschen Juden traditionell-jüdische oder israelische Namen für ihre Kinder. Das sei nicht nur eine Modeerscheinung, sondern ein Zeichen für ein neues jüdisches Bewusstsein. Das allerdings werde auch von der deutschen Gesellschaft gefördert:

Wolffsohn: "Die nichtjüdische Gesellschaft hat sich zum ersten Mal in der modernen Geschichte auch vorher, der jüdischen Welt, den jüdischen Menschen gegenüber geöffnet. Umgekehrt ... haben die hier lebenden Juden eine stärkere Selbstsicherheit, die zusätzlich durch die Existenz Israels gestärkt wird, sie also daher ermutigt, ihr Jüdisch-Sein-Wollen weiter auszubauen."

Heute wollen mehr Juden nach Deutschland als nach Israel einwandern. Vor der Zuwanderungswelle aus der früheren Sowjetunion lebten in Deutschland etwa 30.000 Juden – heute sind es über 200.000. Doch Zweifel bleiben: Handelt es sich um eine wirkliche Auferstehung – oder nur um eine Scheinblüte? Auch Wolffsohn stellt sich diese Frage. Denn trotz ihres neuen Selbstbewusstseins besuchen die meisten Juden in Deutschland nur selten eine Synagoge.

Wolffsohn: "Ich nenne dies Möchtegern-Juden, und zwar nicht im anklagenden Sinne, sondern beschreibend. Sie möchten gerne Juden sein, aber wie sie das inhaltlich füllen, das wissen viele nicht."

Große Teile des Buchs widmen sich prominenten deutschen Juden des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Autoren geben Einblick in die Gedankenwelt jüdischer Literaten: Paul Celan, Nelly Sachs, Rose Ausländer, Hilde Domin und Marcel Reich-Ranicki. Michael Wolffsohn nimmt allerdings für seine Studie in Anspruch, zum ersten Mal ALLE in Deutschland lebenden Juden seit 1860 in ihren Meinungen und Trends erfasst zu haben - nicht nur Prominente in Einzelstudien.

Wolffsohn: "Es ist zum ersten und einzigen Mal bisher eine empirisch-repräsentative Untersuchung, die Aussagen trifft über alle, aber nicht über jeden."

Aber reicht die vergleichende Analyse von Vornamen wirklich aus, um Trends und Meinungen aller deutschen Juden seit dem Kaiserreich bis heute zu erfassen? Kritiker könnten einwenden: Nein. In jedem Fall aber ist "Deutschland, jüdisch Heimatland" ein Buch, das sich gut und flüssig liest – ein Überblick über die Geschichte des Judentums in Deutschland, ein spannender Einblick in die Wolffsohnsche Familiengeschichte und eine aufschlussreiche Standortbestimmung des Autors. Als sich Wolffsohn, Historiker an der Hochschule der Bundeswehr München vor 20 Jahren als "deutsch-jüdischer Patriot" outete, erntete er Spott und Kritik. Inzwischen ist seine Position unter Juden salonfähiger als früher – und Wolffsohn Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde München. Seine eigenen Kinder tragen übrigens keine jüdischen Vornamen.

"Sein Deutschtum und Judentum waren stets universalistisch, kosmopolitisch. Daher die bildungsbürgerlich-universalistischen Vornamensignale Philip, Katrin und Andreas."

Michael Wolffsohn / Thomas Brechenmacher: Deutschland, jüdisch Heimatland - Die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute
Piper Verlag, München 2008

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Lesart

LektüretippLest Chatwin!

Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, lebt heute in Berlin. 2013 gewann sie mit "Vielleicht Esther" den "Ingeborg-Bachmann-Preis". Sie empfiehlt die Lektüre von Charles Bruce Chatwin.

Lese-EmpfehlungenKurz und kritisch

Eine schwangere Frau hält ihren Bauch.

In Deutschland sind viele Frauen von Altersarmut bedroht, warnen die Autorinnen Christina Bylow und Kristina Vaillant. Und Antje Schmelcher beklagt in ihrem Buch einen Generalangriff auf die Weiblichkeit.

Außergewöhnliche MilizIndiens Frauen wehren sich

Die indische Frauenaktivistin Sampat Pal

Amana Fontanella-Khan schildert die spannende Lebensgeschichte der Inderin Sampat Pal. Sie ist die Anführerin der "Gulabi Gang" - einer Bürgerwehr aus Frauen, die sich dort gegen Unrecht wehrt, wo der Staat versagt.

 

Kritik

KriminalromanErmittlungen in Afrika

Der Nakuru Nationalpark in Kenia

Ein vermeintlicher "schwarzer Oskar Schindler" macht Geschäfte mit dem schlechten Gewissen der Welt: Der Krimi von Mukoma Wa Ngugi ist mehr als Unterhaltung. Er ist ein Nachdenken über die afroamerikanische Identität.