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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

Neues Bauen am See Genezareth

"Kibbuz und Bauhaus" - eine Ausstellung in der Stiftung Bauhaus Dessau

Von Adolf Stock

Ein Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv (AP Archiv)
Ein Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv (AP Archiv)

Die ersten Kibbuzzim enstanden vor rund 100 Jahren in Palästina. Es waren kleine Dörfer, deren Bewohner sich als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verstanden und die auf Privatbesitz weitgehend verzichteten. Diese Haltung drückt sich auch in der frühen Kibbuzarchitelktur aus, die sich stark an den Ideen des Baushauses orientierte.

Wenn das Bauhaus-Gebäude zum Kibbuz wird, ist mit Überraschungen zu rechnen. Es ist eine gute Idee, die Räume des Bauhaus-Gründers Walter Gropius mit der Bauaufgabe Kibbuz in Beziehung zu setzen. So lässt sich spielend lernen, was ein Kibbuz ist und wie er funktioniert. Philipp Oswalt, Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau:

"An sich muss man konstatieren, dass im Kibbuz sich in einer Weise die Ideen der Moderne und auch des Bauhauses umgesetzt haben wie nirgendwo sonst. Wo man wirklich ernst gemacht hat, einen neuen Menschen zu schaffen, das Privateigentum abzuschaffen, eine wirklich funktionale Architektur zu formen, das ist dort passiert."

Eine Station des Kibbuz-Rundgangs ist die Kantine, die mit der Küche und der Bauhaus-Bühne den sozialen Mittelpunkt des Gebäudes bildet. Jetzt sind auf langen Tischen historische Baupläne für Kibbuzim zu sehen. Es war neue Architektur für neue Menschen, der architektonische Aufbruch in eine bessere und gerechtere Welt. Kurator Werner Möller weist auf den zentralen Punkt, er zeigt auf die sogenannte Dining Hall.

"Das ist viel mehr als ein Speisesaal, es ist eigentlich der Ort der Gemeinschaft, es fanden dort die Gemeinschaftsversammlungen statt. Es ist ein fast basisdemokratisches Leben. Es fanden dort das Essen statt, Kulturveranstaltungen. Es war eigentlich das Kulturhaus des Kibbuz. Auf der nächsten Ebene die Produktionszonen, landwirtschaftliche Zonen am Anfang, später dann auch Industrie noch mit dazu. In diesem Gemeinschaftsgedanken war es so angedacht am Anfang, dass die Kinder in einem Kinderhaus leben, also dort unterrichtet werden, dort auch schlafen und jede Familie hatte so einen Raum, also zwei Erwachsene ein Raum, die Kinder waren im Kinderhaus."

Dining Hall, Wasserturm und Futtersilo sind die markantesten Punkte in jeder Siedlung. Im ersten Stock des Dessauer Bauhaus-Gebäudes führt das Kibbuz-Hopping zu den Anfängen der Bewegung. Vor 100 Jahren wurde in Degania, südlich vom See Genezareth, der erste Kibbuz gegründet. Architektonisch macht die erste Siedlung noch nicht viel her, die Häuser waren bescheiden, und im Gemeinschaftraum roch es nach Stall wird berichtet. Es bestand Handlungsbedarf, da kamen das Bauhaus und die Prinzipien des neuen Bauens gerade recht. Werner Möller:

"Für unser Thema waren drei Figuren wichtig, Arieh Sharon, Shmuel Mestchkin und Munio Gitai Weinraub. Einer der wichtigsten Figuren war Arieh Sharon, der aus Osteuropa kam, aus Galizien. Mit einer Jugendbewegung ist er runter nach Palästina um 1920. Er hat dort erst in der Landwirtschaft gearbeitet, dann in einem Kibbuz und ist dann '26 von dort unten über Berlin ans Bauhaus, hat bis '29 hier studiert, und er war dann halt in Israel als Architekt sehr, sehr wichtig."

Fünf Kibbuzim werden vorgestellt, und es lassen sich die Biografien von Architekten verfolgen, die mit dem Bauhaus verbunden waren. Ein Stockwerk höher wenden sich die Fotografin Stephanie Kloss und die Politologin Antonia Blau mit einer Installation der Gegenwart zu.

Großflächige Bilder werden mit Zitaten von Kibbuzbewohnern konfrontiert. Stephanie Kloss wollten erkunden, ob das Modell Kibbuz in der Wirklichkeit von heute noch spürbar ist. Stephanie Kloss:

"Als ich das erste Mal in Israel war und auch in einem Kibbuz gewohnt habe, war ich halt total erstaunt, diese Betonensemble mit den ganzen Ornamentiken, eben auch so Pionieren und Arbeitern, was man eben aus der DDR oder anderen sozialistischen Ländern eben kannte, und hat das dort eben überhaupt nicht vermutet, und das fand ich sehr interessant und auf eine gewisse Weise auch lustig."

Heute sind fast 90 Prozent der Kibbuzim privatisiert. Der Kapitalismus ist auch hier heimisch geworden. Die schöne Utopie hat unübersehbar Schrammen bekommen. Stephanie Kloss und Antonia Blau dokumentieren eine brisante Mischung aus Zionismus, Sozialromantik und Utopieverfall.

100 Jahre Kibbuz: Das Land wurde erfolgreich besiedelt, kultiviert und fruchtbar gemacht. Malaria gibt es nicht mehr. Auftrag erledigt, könnte man meinen. Doch so wie die Bauhaus-Idee ist auch der Kibbuz nicht unterzukriegen. Solch großen Utopien wachsen stets neue Energien zu. Noch einmal Philipp Oswalt, Direktor der Dessauer Bauhaus Stiftung:

"Nach zwanzig, dreißig Jahren Debatte, die sich zunehmend auf neoliberale Modelle verständigt hat, kommt ja plötzlich wieder ein neues soziales Bewusstsein zutage. Es verschiebt sich etwas, und es gibt wieder die Idee vom sozialen Ausgleich, und da würd' ich sagen, ist die Kibbuz-Idee eigentlich aktueller, als sie vielleicht vor zehn Jahren gesehen worden ist, und das man das heute in neuer Form diskutieren muss, nicht um zu den alten Modellen zurückzukommen, davon redet in Israel keiner und auch bei uns keiner, aber die Werte, die damit verbunden sind, dass die doch eine deutliche Aufwertung erfahren haben."

Kulturpresseschau

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