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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2010

Neues aus grauer Vorzeit

Martin Kuckenburg: "Das Zeitalter der Keltenfürsten – Eine europäische Hochkultur", Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2010, 320 Seiten

Keltischer Goldschmuck aus dem späten 6. bis 5. Jahrhundert vor Christus.
Keltischer Goldschmuck aus dem späten 6. bis 5. Jahrhundert vor Christus. (Siegfried Kurz/ Uni Tübingen)

Vor 3000 Jahren lebten die Kelten nicht nur in Frankreich und England, sondern auch im gesamten süddeutschen Raum. Diese und andere Wissenslücken will Autor Martin Kuckenburg mit seinem Buch schließen.

In den 1960er-Jahren kam ein Verlag auf die Idee, Asterix und Obelix in Germanen namens Siggi und Barbarras zu verwandeln, weil für Kelten in Deutschland vermeintlich zu wenig öffentliches Interesse bestand.

Heute wissen wir, dass Asterix und Obelix Kelten waren und ihre Medizinmänner Druiden hießen. Dass aber die Kelten nicht nur in Frankreich und England lebten, sondern vor 3000 Jahren auch den ganzen süddeutschen Raum bewohnten, ist eher wenigen bewusst.

Diese Lücke zu schließen, hat sich Martin Kuckenburg in seinem neuen Buch "Das Zeitalter der Keltenfürsten – Eine europäische Hochkultur" aufgemacht. Kuckenburg öffnet ein Zeitfenster von 800 bis ca. 400 v. Chr.

Untersuchungsstand des Buches ist in erster Linie der süddeutsche Raum, während das Ausbreitungsgebiet dieser keltischen Vielvölkerkultur paneuropäisch von Irland, England, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Österreich über Slowenien bis nach Istanbul reichte. Der Mittelmeerraum wurde von den Griechen bestimmt, nördlich davon regierten die Kelten.

Dass heute die historische Bezeichnung "Germanen" eigentlich ersatzlos zu streichen und offensiv durch "Kelten" zu ersetzen wäre – zum Beispiel für Frankreichs Keltenforscher Jean-Louis Brunaux, Leiter aller archäologischen Ausgrabungen in Frankreich, seit Jahrzehnten eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit – lässt Autor Kuckenburg leider defensiv außen vor, um nicht einen Sturm im Begrifflichkeits-Wasserglas deutscher Historiker-Traditionen auszulösen.

Nichtsdestotrotz schildert Kuckenburg lebendig und detailliert die Ignoranz deutscher Geschichtswissenschaft gegenüber der Keltenforschung (das erste Keltenmuseum in Deutschland wurde erst 1991 eröffnet!) bis hin zu jenem archäologisch-entdeckungsgeschichtlichen Umbruch, der 1978 einsetzte, als der Archäologe Jörg Biel bei Hochdorf, nordwestlich von Stuttgart, ein Keltengrab fand, das an Prunk und Reichtum alles übertraf, was man je aus dieser Epoche auf deutschem Boden gefunden hatte.

1996 wurde bei Glauberg, nordöstlich von Frankfurt, eine 1.86 Meter große Steinfigur gefunden, die tausendfach durch die Presse ging: ein Mann mit Mickey Maus-Ohren. Endlich war die Keltenforschung auch im Bewusstsein des letzten Deutschen angekommen.

Die archäologischen Schlüsselfunde in Süddeutschland, Gründungsmomente deutscher Keltenforschung, stammen aus der Zeit zwischen 620 und 470 v. Chr., die der Autor "das Zeitalter der Keltenfürsten" nennt. Mächtige Burgen und kostbare Preziosen – etwa der größte je gefundene Metallkessel der antiken Welt mit 1100 Litern Fassungsvermögen – zeugen von Macht und Reichtum.

"Das Zeitalter der Keltenfürsten" bietet nicht den großen Mantelwurf, ist aber ein hervorragender Einstieg in das Keltenthema, eine profunde Bestandsaufnahme und eine übersichtliche Zusammenschau archäologischer Forschung und Informationen.

Besprochen von Lutz Bunk

Martin Kuckenburg: Das Zeitalter der Keltenfürsten – Eine europäische Hochkultur
Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2010
320 Seiten, 24,90 Euro