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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 23.06.2005

Neue Vermittlungsformen entwickeln

Staatsministerin zum 3. Kulturpolitischen Kongress

Moderation: Gabi Wuttke

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (AP)
Kulturstaatsministerin Christina Weiss (AP)

Nach Ansicht von Staatsministerin Christina Weiss muss Kulturpolitik mehr als früher neue Vermittlungsformen von Kunst und Kultur entwickeln. Mit Blick auf einen möglichen Regierungswechsel betonte sie die Wichtigkeit ihres Amtes als Kulturstaatsministerin.

Wuttke: Heute und morgen also "publikum.macht.kultur.". Am Mittag wird der Kongress von Kulturstaatsministerin Christina Weiss eröffnet. Guten Morgen, Frau Weiss.

Weiss: Guten Morgen.

Wuttke: Macht das Publikum wirklich Kultur oder ist das Publikum in der Hand der Kultur? Für wie vieldeutig halten Sie den Titel?

Weiss: Es geht natürlich in beide Richtungen. Die Kunst braucht, um lebendig zu werden, ihr Publikum. Das Publikum aber seinerseits hat natürlich eine Machtposition, weil das Publikum, wenn es sich verweigert, sehr wohl bestimmen kann, wie das Angebot aussieht.

Wuttke: Nun heißt es in der Einladung zum Kongress, kulturelles Interesse sei ein knappes Gut. Worauf fußt denn diese für mich doch bemerkenswerte Einschätzung, um welche Art von Anerkennung muss denn die Kultur ringen?

Weiss: Auch das ist sehr zwiespältig. Die Besucherzahlen sind nicht fallend, sondern sie sind steigend. Das heißt, es gibt offensichtlich ein großes Interesse. Aber man muss feststellen, dass es sich eben doch auch immer sehr stark an ganz spezielle Zielgruppen richtet. Und das ist etwas, was fehlt. Die Institutionen müssen heute sehr viel stärker klar definieren, wen sie mit welchem Programm erreichen wollen und sie müssen auch eine ganze Menge dafür tun.

Wuttke: Meinen Sie damit auch den Unterschied zwischen den Institutionen staatlicher Art und Veranstaltungsagenturen, Events auf der anderen Seite?

Weiss: Ich würde mich da sehr gerne ganz ausschließlich auf das Angebot von Kunst beschränken und Kunst im wahren Sinne des Wortes - also nicht Events, sondern künstlerische Angebote, die auf den Theaterbühnen, in Konzertveranstaltungen überall, das sind ja nicht mehr nur die Konzertsäle, stattfinden. Aber man muss glaube ich sehr genau unterscheiden, wo ist ein reines Event, das für den Konsum gedacht ist, und wo ist ein richtig kulturelles Angebot, was Kunst zum Publikum bringt, was nicht immer ganz nur schlürfend zu genießen ist, sage ich jetzt mal.


Wuttke: Aber Kultur im weitesten Sinne ist doch nicht immer gleich Konsum?

Weiss: Nein, aber Event ist gleich Konsum.

Wuttke: Tatsächlich?

Weiss: Das Wort Event ist natürlich etwas, was eindeutig auf den Markt zielt. Und der Markt hat natürlich nur dann große Erfolgsaussichten, wenn er eben Erwartungen befriedigt. Und Erwartungen befriedigen heißt, die Leute nicht am Schlawittchen packen und anders denken lassen.

Wuttke: Das heißt also, der Kunde darf - Ihrer Definition nach - nicht König sein, und man muss ihm ein bisschen Niveau beibiegen, wenn er denn nicht selbst drauf kommt?

Weiss: Ich denke, dass wir unser Publikum immer ein bisschen zu schnell für einfach gestrickt erklären. Die Menschen suchen ja auch Auseinandersetzung, sie suchen Orientierung, sie suchen ja Orte, wo sie sich ja auch ihrer selbst vergewissern können, wo sie etwas mitnehmen, für sich Dauerhaftes, was bleibt. Die Menschen suchen schon auch die Kunst und alles das, was die Kunst an Auseinandersetzung bietet.

Wuttke: Aber ein Problem in Deutschland scheint doch zu sein, dass die Kunst, dass die Kultur besonders in die Ballungsräume getragen wird. Da wo viele Menschen zusammen leben, da gibt es einen großen Kuchen. Schaut man in die Regionen, die dünner besiedelt sind, dann bleiben da in vielen Fällen nur die Krümel übrig. Warum kann man diesen Kuchen nicht anders, gerechter, vielleicht auch niveauvoller verteilen?

Weiss: Sagen wir mal so, die großen Metropolen haben immer ein so reiches Angebot, dass sie einfach ihr Publikum durch die Vielfalt auch sehr leicht - in Anführungszeichen - "erziehen" können. Das heißt, sie können ein Publikum heranbilden von Kindheitsbeinen an, was dann in der Lage ist, auch wirklich mit den Künsten entsprechend umzugehen. Aber man darf das nicht verachten. Ich habe eine Theaterreise durch die Provinz gemacht in diesem Jahr. Gerade in Städten, wo es nur ein Kulturhaus, ein Theater gibt, da sind die Leute fast existentiell bezogen auf diesen Kommunikationsort. Also, da kriegen Sie vielleicht ein etwas geringeres Angebot, aber die Intensität der Nutzung, die liegt wiederum in der Aufgabe der Institution, wie sie sich öffnet für ihr Publikum.

Wuttke: Ja, aber warum haben diese Institutionen weiterhin ihren Geltungsbereich vor allem in den Ballungsgebieten? Warum lassen sie eben mit einem so geringen Angebot, auch manchmal nicht sehr niveauvollem, die Leute in der Region, auf dem Land einfach auf der Strecke und allein im Regen stehen?

Weiss: Naja, wir leben in einem Land, wo glaube ich die Breite des Angebotes in den Regionen, auch in den ländlichen Regionen, am größten und am dichtesten und am interessantesten ist weltweit. Ich denke, gerade in Deutschland - das ist das, was wir dem föderalen System am meisten zu verdanken haben - gibt es ja eine sehr, sehr lebendige Kulturlandschaft, wirklich in die Tiefe. Die ländlichen Regionen haben zum Teil in den letzten Jahren, und ich finde sehr erfolgreich, feste Institutionsaufgaben in Festivalprogramme verlagert, was ich für sehr gut halte, weil natürlich die ländlichen Regionen ein ganz anderes Nutzerverhalten brauchen. Das heißt, man reist weiter, um zur Veranstaltung zu kommen, man muss es irgendwie verbinden mit Ausflugssituationen oder ähnlichem.

Wuttke: Jetzt stellt sich die Frage, welche Macht Sie als Kulturstaatsministerin haben, möglicherweise auch mit Blick auf den Bundeskongress 2001, der sich ja mit der Macht der Kulturpolitik beschäftigt hat.

Weiss: Ja, die Kulturpolitik muss nach wie vor, wie sie das immer getan hat, zwar die Spielräume für die Entwicklung, Entfaltung der Künste bereithalten, sie muss aber, ganz anders als früher, sehr viel mehr auf Vermittlungsformen pochen und auch Geld bereitstellen, damit andere, neue Vermittlungsformen entwickelt werden können. Es wächst nicht ganz von alleine. Das ist natürlich die kleine Schattenseite. Wir haben sicherlich nicht weniger Bildung in unserer Gesellschaft als früher, aber die Bildung ist sehr viel differenzierter. Das heißt, wir können nicht voraussetzen, dass der Theaterbesucher, der sich "Don Carlos" von Schiller anschaut, dass der schon fünfmal den "Don Carlos" gesehen hat. Es sind sehr, sehr oft die ersten Begegnungen mit einem Stück, mit einem Autor. Das heißt, man muss Basisinformationen vermitteln können, man muss das Jahrhundert benennen, man muss das Umfeld benennen können. Und man muss sich ein paar witzige Formen überlegen, wie vermittele ich dem Theaterbesucher am Abend auf eine sehr leichte Form den Zusammenhang, in dem er sich befindet, wenn er auf die Bühne schaut.

Wuttke: "Man" ist in diesem Falle der Bund? Oder sind es eben doch die Länder und die sind arm?

Weiss: Das hat noch nicht einmal sehr viel mit Armut oder Reichtum zu tun. Das hat mit Phantasie zu tun. Sie haben Recht, der Bund hat zwar Kulturinstitutionen, große, schöne, strahlende, wie die Berlinale oder die Berliner Festspiele, aber die Länder haben natürlich auch ihre Theater und ihre Museen. Wir müssen das gemeinsam machen, diese Vermittlungsformen gemeinsam entwickeln und wir müssen gemeinsam natürlich auch für die Finanzierung sorgen. Das können wir mit Hilfe der Stiftungen, die wir haben. Das können wir aber auch mit dem ganz normalen Haushalt der Institutionen, von dem er immer - gemeinsam oder alleine - getragen wird.

Wuttke: "publikum.macht.kultur." Wie viel Macht - Sie erlauben mir die Frage, aber sie liegt nun mal auf der Hand - wird das Amt des Kulturstaatsministers nach dem 18. September haben?

Weiss: Ich kann Ihnen nur sagen, welche Position ich dazu habe. Ich kann diese Position nur verteidigen, es wird dann anderen obliegen zu sagen, wie sie das einschätzen. Also, dass es das Amt gibt, hat in der kulturpolitischen Debatte in unserem Land sehr viel verändert. Fast mehr als 40 Jahre fand Bundespolitik ohne Kultur statt, das heißt ohne Debatte über Kultur. Das war falsch. Die Macht dieses Amtes wird sich immer daran bemessen, wie das Verhältnis zu den Ländern gestaltbar ist. Wir haben hervorragende Modelle entwickelt in den ostdeutschen Bundesländern. Ich würde mir wünschen, dass die alten Bundesländer das nachmachen, möglichst schnell, denn nur dann können sie ihre Kultur schützen. Wie es jetzt aussieht in Schleswig-Holstein und natürlich auch in Nordrhein-Westfalen, dass es dann plötzlich gar keine Kunstressorts mehr gibt, sondern dass das irgendwo in der Zentrale der Staatskanzlei angesiedelt ist, das scheint mir garantiert nicht die Lösung für eine bessere Debatte über Kultur und eine bessere kulturelle Entwicklung in unserem Land zu sein.

Service:

Der 3. Kulturpolitische Bundeskongress findet am 23. und 24. Juni 2005 unter dem Motto "publikum.macht.kultur." in Berlin statt.

Link:

3. Kulturpolitischer Bundeskongress

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Externe Links:

3. Kulturpolitischer Bundeskongress

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