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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.06.2014

Neue MedienWir als Komplizen unserer eigenen Gehirnwäsche

Das Internet führt ein nicht durchschaubares Eigenleben

Von Sieglinde Geisel

(dpa/picture-alliance)
"Mit der Spielwiese der neuen Medien ist es vorbei", sagt Sieglinde Geisel. (Foto: dpa picture alliance) (dpa/picture-alliance)

Das Internet und die dazugehörige Technik machen uns abhängig. Aber was geschieht dadurch mit uns? Wir wissen es nicht, liefern uns aber trotzdem aus, kritisiert die Journalistin Sieglinde Geisel.

Technik an sich ist weder gut noch böse - es hängt allein davon ab, wozu der Mensch sie verwendet. Diese Vorstellung einer Unschuld der Technik beruhigt, denn sie lässt uns glauben, dass der Mensch die Kontrolle über seine Maschinen habe. Spätestens seit den Enthüllungen über Datenmissbrauch und Überwachung im Internet jedoch dürfte es mit diesem Märchen vorbei sein.

Technik stellt etwas mit uns an, bevor wir etwas mit ihr anstellen können. Zu diesem Schluss kam der Kulturphilosoph Günther Anders bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert. Seine Essaysammlung von 1956 trägt den Titel "Die Antiquiertheit des Menschen". Aus heutiger Perspektive wirkt seine Analyse geradezu visionär. Angesichts der Medienrevolution durch Funk und Fernsehen befürchtete er seinerzeit die "Liquidierung des Menschlichen": Die Seele des Menschen hinke der technischen Entwicklung hinterher.

Behalten die Geister die Oberhand über ihre Erschaffer?

Jede neue Technologie stellt den Menschen vor die Aufgabe, sich gegenüber den Geistern zu behaupten, die er sich geschaffen hat. Doch gegenwärtig sieht es so aus, als behielten die Geister die Oberhand. Aus dem Internet kann man nicht auswandern. Das liegt nicht nur daran, dass wir glauben, ohne Google kein Hotelzimmer mehr buchen zu können. Was für ein Schreck, wenn man sein Smartphone zu Hause vergessen hat! Wie wird man nun durch den Tag kommen?

Was stellen Internet, Smartphone und iPad mit uns an? Wir wissen es nicht. Mit wachsendem Schrecken begreifen wir allmählich, wie wenig wir das Internet verstehen. Wer kauft welche Daten, zu welchem Preis und für welchen Zweck? Wer herrscht über die Riesenserver, und was genau hat es mit den Algorithmen auf sich?

Beim Googeln füttern sie uns mit Webseiten, die uns das bieten, was wir ohnehin schon denken. Wer sich etwa für rechtsextremes Gedankengut interessiert, kann sich in den Glauben googeln, die ganze Welt habe etwas gegen Ausländer. Ohne dass wir es wollen oder auch nur bemerken, werden wir zu Komplizen bei der Gehirnwäsche durch unser eigenes Denken.

Algorithmen haben höchst politische Folgen

Die Algorithmen sind ein apolitisches Instrument, allerdings mit höchst politischen Folgen: Mit jeder Suchanfrage beteiligen wir uns an der Aufhebung des politischen Gemeinwesens. Unserer Gesellschaft gelingt das Kunststück, sich selbst zu unterwandern.

Mit der Spielwiese der neuen Medien ist es vorbei. Allmählich werden wir erwachsen, immerhin sind wir seit einiger Zeit daran, den digitalen Raum als Sphäre des Politischen zu begreifen. Doch von der digitalen Mündigkeit sind wir noch weit entfernt. Nach Immanuel Kant ist Unmündigkeit dann selbst verschuldet, wenn man durch bloße Feigheit oder Faulheit daran gehindert wird, sich aus ihr zu befreien.

Doch Mut und Fleiß allein genügen nicht, um dem globalen Biest beizukommen. Denn diese Maschine führt ein Eigenleben. Kürzlich hat der Europäische Gerichtshof das Recht auf Datenlöschung gesetzlich festgeschrieben. Doch was für Folgen wird dieses Gesetz haben? Digitale Spuren aus dem Internet zu tilgen, ist bekanntlich so schwierig, wie ein Smartphone abhörsicher auszuschalten.

Wie verführbar und konform wir doch sind!

Der Schriftsteller Christoph Brumme hat das Internet "die unheimlichste Maschine" genannt, die der Mensch je erfunden habe. Doch unheimlich ist nicht nur die Maschine, die sich der Steuerung durch ihre Nutzer entzieht. Unheimlich sind auch wir selbst: Ohne jeden äußeren Zwang haben wir uns von einem Netzwerk abhängig gemacht, das vor zwanzig Jahren noch niemandem fehlte. Wie verführbar und konform wir doch sind!

Die Emanzipation von dieser Maschine wird uns weder durch Technik noch Justiz gelingen - das können nur wir selbst.

Sieglinde Geisel, 1965 im schweizerischen Rüti/ZH geboren, studierte in Zürich Germanistik und Theologie. Als Journalistin zog sie 1988 nach Berlin-Kreuzberg. Nach dem Mauerfall schrieb sie Porträts über die Metropolen Ostmitteleuropas und lebte vorübergehend in Lublin (Polen). Für die Neue Zürcher Zeitung war sie von 1994 bis 1998 Kulturkorrespondentin in New York, seit 1999 ist sie es in Berlin. 2008 erschien ihr Buch "Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert", 2010 der Band "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille".

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