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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.01.2006

Neue Kuratoren des Deutschen Pavillons

"Meta-City" ist Motto der Architektur-Biennale 2006

Von Carsten Probst

Almut Ernst: die Innenstädte wieder interessanter machen.  (Stock.XCHNG / Cemal Kurtuluş)
Almut Ernst: die Innenstädte wieder interessanter machen. (Stock.XCHNG / Cemal Kurtuluş)

Der Deutsche Pavillon auf der 10. Architektur-Biennale in Venedig wird 2006 von dem Berliner Architekturbüro Almut Ernst und Armand Grüntuch kuratiert. Die Berufung ist eine Auszeichnung für das junge und vergleichsweise kleine Büro, das bislang mit Gebäuden am Berliner Hackeschen Markt oder im Hamburger Hafen von sich Reden machte.

Selten genug kommt es vor, Architekten in ihrem von ihnen selbst entworfenen Wohn- und Bürohaus anzutreffen. Es fällt auf, wie es da steht, direkt am Hackeschen Markt, Berlins touristischem Hot Spot im Ostteil der Stadt. In den Jahren nach der Wiedervereinigung wurde der ganze Platz mehr oder weniger historisierend wiederhergestellt. Doch Armand Grüntuch und Almut Ernst sind ihren eigenen Weg gegangen und haben ihrem fünfgeschossigen Haus mit riesiger Dachetage in dieser Umgebung eine sehr einprägsame, individuelle Fassade gegeben. Sofort fallen die großen, durchgezogenen Fensterflächen auf, durch die man von außen in die noblen, weiträumigen Büros blicken kann und von innen ein Panorama des gesamten Platzes erhält. Das Spiel zwischen innen und außen reizt die beiden noch jungen Architekten in ihren Entwürfen immer wieder.

Almut Ernst: " Wir sitzen ja hier gerade in einem der ersten Gebäude, die wir in Berlin realisieren konnten, das ist das Wohn- und Geschäftshaus am Hackeschen Markt, und der Besprechungsraum blickt auf der einen Seite auf diesen belebten Stadtplatz am Hackeschen Markt, und auf der anderen Seite eben in dieses Atrium, das ist nur wenige Meter breit, aber 22 Meter hoch und wird jetzt gerade bei Einbruch der Dunkelheit von den Lichtbändern gegliedert, die sich eben auch so weich in die Tiefe schwingen, und durch die Reflexion auf der gegenüberliegenden Wand entsteht so eine eigentümliche Sogwirkung, die dem Haus einfach eine ganz klare Besonderheit geben. "

Nach außen hin distinguiert, nach hinten heraus dagegen wird die Architektur zu einer Art begehbaren Skulptur, die mit geschickter Lichtregie fast ein wenig mysteriös wirkt. Almut Ernst, gebürtige Stuttgarterin, die gleich nach der Wiedervereinigung in die Stadt kam, betont immer wieder, wie wichtig es ist, die Innenstädte wieder interessant zu machen. Man soll sich gern dort aufhalten und gern wiederkommen. Und das bezieht sich ausdrücklich nicht allein auf Neubauten, sondern gerade auch darauf...

" ...das gebaute Erbe, was wir so vorfinden, nicht mit so einer Wegwerfmentalität immer gleich abzureißen und neu zu bauen, sondern auch vorher anzusetzen und auch ungeliebtere oder unpopulärere Gebäude durch eine geschickte Umnutzung einfach wieder zum spannenden Baukörper werden zu lassen. Wie auch eine Verdichtung der Innenstädte eine lebendige Enge erzeugen kann, die dem entgegenwirkt, was auch viel über Innenstädte zu beklagen ist, so eine gewisse Verödung zu denkmalgeschützten Freilichtmuseen, die von Leuten nur in ihrer Freizeit aufgesucht werden – einfach, daß so etwas gut in den Innenstädten sich auch widerspiegelt. "

Genau um diese Themen der urbanen Qualitäten von Großstädten wird es auch gehen, wenn die beiden im September nächsten Jahres den Deutschen Pavillon auf der 10. Architektur-Biennale 2006 in Venedig kuratieren und gestalten werden. Die Berufung zu Kommissaren des Deutschen Pavillons ist sicher die wichtigste Auszeichnung für das junge und mit 16 Mitarbeitern noch vergleichsweise kleine Architekturbüro aus Berlin.

Im Gegensatz zu Francesca Ferguson und ihrem Projekt "urban drift", das bei der letzten Architekturbiennale 2004 einen famosen Erfolg mit ihrem leicht ironisch getönten Überblick über die junge deutsche Architekturszene gefeiert hat, und dabei gerade auch die Provinz nicht aussparte, geht es Grüntuch und Ernst entschieden um die Zukunft der Städte, womit sie sich dem Motto der nächste Biennale, "Meta-City", bestens einfügen.

Armand Grüntuch: " Es geht darum, wie Städte sich in der Zukunft entwickeln, viele Leute zieht es wieder in die Stadt aus der Peripherie, sie geben ihren Bungalow auf, und umgekehrt ist es so, daß die Städte dort auch in einem gewissen Konkurrenzkampf miteinander haben. Und gerade unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist es umso wichtiger, die Ressourcen innerhalb der Städte wiederzuentdecken und nicht neue, energieverschwenderische Baumaßnahmen außerhalb, in der Peripherie, zu forcieren. Insofern können wir das nur unterstützen, auch durch diese politischen Signale im Fall der Eigenheimzulage, daß man sich wieder von der Peripherie in die Stadt orientiert. "

In ihren bislang wohl bekanntesten Projekten zeigt sich, was damit gemeint sein könnte, neben dem eigenen Haus am Hackeschen Markt ein markantes, gläsernes Bürogebäude am Hamburger Hafen oder ein großes, weich geschwungenes Eckhaus am Berliner Monbijouplatz. Für die Großstadtarchitektur der Zukunft wird nach Auffassung des gebürtigen Rigaers Armand Grüntuch nicht allein die wirtschaftliche Effizienz von Gebäuden entscheidend sein, wie lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute geht es um ein sehr komplexes Bündel an Anforderungen im Umweltschutz, Energiehaushalt, Ressourcenschutz und Familienfreundlichkeit. Über allem aber steht für Grüntuch das Zauberwort der Individualität:

" Wir finden es spannend, Gebäudekonzepte zu entwickeln, wo die Gebäude schrumpfen und wachsen können, wo die Gebäude durchsichtig und undurchsichtig erscheinen, wo man das individuell regeln kann, wieviel Transparenz, Transluzenz, Undurchsichtigkeit man herstellt. Und je nachdem, wie ein Grundstück liegt oder wie die Aufgabe gestellt ist, lehnen wir es ab, dafür eine uniformierte allgemeingültige Lösung immer vorzuschlagen. Eine gewisse emotionale Bindung mit Architektur ist für uns ein nicht unwichtiges Element. Wir wollen keine kalte, anonyme Architektur propagieren. "

Zweifellos wird die Stimmung im Deutschen Pavillon wieder ein wenig gesetzter, distinguierter sein als 2004 unter der lebenslustigen Kulturmanagerin Francesca Ferguson, die inhaltlich und persönlich mit befreiender Unbefangenheit auf die architektonische Selbstdarstellung der "Berliner Republik" geblickt hat. Aber an spielerischen Freiheiten wird es der deutschen Präsentation unter Grüntuch und Ernst gewiss auch im Jahr 2006 nicht fehlen.

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Externe Links:

Architektur-Biennale 2006

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