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Vollbild | Beitrag vom 12.03.2016

Neu im KinoSehnsucht nach dem Verlies

Von Christian Berndt

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Brie Larson als Ma und Jacob Tremblay als Jack in seiner Szene des Films "Raum" ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei Urheber-Nennung (picture alliance / dpa / George Kraychyk/Universal Pictures)
Brie Larson als Ma und Jacob Tremblay als Jack in seiner Szene des Films "Raum" (picture alliance / dpa / George Kraychyk/Universal Pictures)

Sein ganzes Leben hat der fünfjährige Jack im selben Zimmer verbracht – eingesperrt mit seiner Mutter. Jetzt plant sie den Ausbruch. "Raum" erzählt die Geschichte einer alptraumhaften Gefangenschaft - einfühlsam, klug und ohne Kitsch. Einer der Filme in unserer Kurzkritik.

Fesselndes psychologisches Drama

Joy singt ihrem Sohn ein Gutenachtlied. Der fünfjährige Jack wirkt glücklich, aber das dürfte er eigentlich nicht sein. Die kanadisch-irische Romanverfilmung "Raum" erzählt die Geschichte einer altraumhaften Gefangenschaft. Sieben Jahre zuvor war die inzwischen 24 Jahre alte Joy von einem Mann entführt worden. Seitdem lebt sie in einem kleinen fensterlosen Raum und wird von ihrem Entführer missbraucht. Jack wurde in Gefangenschaft geboren, aber Joy hat dem Kind, um ihm das Leben erträglich zu machen, vorgegaukelt, dass nur die Welt diese Raumes real ist – und nicht die im Fernseher. Jetzt will Joy den Jungen auf die Realität vorbereiten.

"Du weißt doch, dass Alice nicht immer im Wunderland war."

"Sie fiel, fiel, fiel in ein ganz tiefes Loch."

"Genau, und ich war nicht immer hier im Raum, ich bin wie Alice. Ich war ein kleines Mädchen namens Joy."

"Nein."

Jack will nichts von einer anderen Welt wissen. Aber Joy bringt ihm die Wahrheit bei, denn sie hat einen riskanten Fluchtplan erdacht. Und der gelingt. So spielt die zweite Hälfte des Films in Freiheit, wie in der Romanvorlage von Emma Donoghue, die auch das Drehbuch für "Raum" geschrieben hat. Die beiden kehren zurück zu Joys Eltern, aber die Umstellung wird schwierig.

"Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich müsste doch eigentlich glücklich sein."
"Du brauchst nur Ruhe, okay?"
"Nein, brauche ich nicht."
"Der Arzt hat gesagt…"
"Du weißt nicht, was der Arzt gesagt hat, das war ein vertrauliches Gespräch."
"Ist gut, mit Dir ist im Moment ja nicht zu reden."
"Du hast keine Ahnung, was in meinem Kopf vor sich geht."

Joy verfällt in Depressionen und Jack wünscht sich mitunter zurück in die Geborgenheit des Verlieses. Wie Regisseur Lenny Abrahamson, der 2014 mit seiner originellen Indie-Tragikomödie "Frank" bekannt wurde, nicht nur die schwierige Rückkehr in die Normalität, sondern auch die Gefangenschaft einfühlsam, klug und ohne Kitsch und Gruseleffekte beschreibt, ist atemberaubend. So erlebt man "Raum" nicht als Horrorgeschichte, sondern fesselndes psychologisches Drama – mit einer eindrucksvollen Brie Larson, die für die Rolle der Joy den Oscar erhalten hat.

Römischer Skeptiker untersucht den Fall Jesus

Vom Aufbruch in ein neues Leben handelt auch der amerikanische Bibelfilm "Auferstanden" von Kevin Reynolds. Die Geschichte beginnt mit der Kreuzigung Christi. Das Volk murrt, es gibt Gerüchte, dass Jesus wiederauferstehen soll, und tatsächlich verschwindet die Leiche aus dem bewachten Grab. Der römische Militärtribun Clavius, gespielt von Joseph Fiennes, soll der Sache nachgehen, und der Skeptiker startet eine detektivische Untersuchung der rätselhaften Vorfälle.

Was mit einer interessanten Grundidee beginnt und – in atmosphärischer Antikenkulisse – nach einer Auseinandersetzung mit historischer und mythischer Überlieferung ausschaut, entwickelt sich leider in der zweiten Hälfte zum christlichen Erbauungsfilm. Hatte "Hail Caesar" kürzlich noch eine tolle Parodie auf die Bibelfilmmanie des Fünfzigerjahre-Hollywood abgeliefert, fällt "Auferstanden" mit Szenen wie etwa einer wundersamen Lepraheilung auf den religiösen Stand von "Ben Hur" und "Quo Vadis" zurück.

Demütigungen beim Bewerbungstrainig

Das Gegenteil einer Bekehrung erlebt der Held des französischen Spielfilms "Der Wert des Menschen". Thierry, ein gelernter Maschinist und Familienvater, ist seit Längerem arbeitslos. Der Film beginnt auf dem Arbeitsamt, nachdem Thierry eine dort empfohlene Umschulung absolviert hat.

"Hören Sie, wir machen Folgendes: Wir gucken, welche Firmen Sie mit Ihrem Lebenslauf kontaktieren können und dann versuchen wir es weiter."
"Also, dann fange ich wieder von vorne an oder was?"
"Wenn Sie so wollen, ja."
"Dann war alles umsonst?"
"Naja, diese Umschulung hätten Sie tatsächlich nicht machen brauchen."

Der Dialog wirkt echt. Regisseur Stéphane Brizé hat – außer der Hauptfigur – alle Rollen mit Laien besetzt und schildert nüchtern im Stil eines Dokumentarfilms den Weg der Beratungen und Bewerbungstrainings, in denen Thierry regelrecht zerpflückt wird.

"Was meinen Sie zu Thierrys Körperhaltung?"
"Nicht sehr dynamisch, offen gesagt, ein bisschen zusammengesunken."
"Ganz genau Thierry, Sie saßen da ein bisschen schlapp im Stuhl. Und wie sieht es mit dem Sympathiefaktor aus?"
"Etwas kühl, finde ich. Distanziert, nicht sehr freundlich."
"Ganz genau." 

"Der Wert des Menschen" führt die demütigenden Erfahrungen mit brutaler Ausführlichkeit, aber wirkungsvoll vor. Und Vincent Lindon, der für die Rolle Thierrys in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, macht den Druck, der auf dem ruhigen, aber innerlich brodelnden Thierry lastet, physisch bis in die kleinste Geste sichtbar. Das Drama der Arbeitslosigkeit bekommt hier ein einprägsames Gesicht.

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