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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2014

Neu im KinoDie letzte Hürde ist im Kopf

Emotionale Komödie aus Frankreich - "Mit ganzer Kraft"

Von Hans-Ulrich Pönack

(© Pathé / polyband)
Der behinderte Junge Julien und sein Vater nehmen am Ironman France teil. (© Pathé / polyband)

"Mit ganzer Kraft" ist ein Film, in dem Barrieren durchbrochen werden - die zwischen Vater und Sohn und die eines behinderten Jungen, der am Ironman teilnehmen möchte. Glaubhaft, überzeugend, sympathisch.

Es ist mit die älteste Kino-Geschichte überhaupt: Menschen möchten etwas machen, wozu sie eigentlich nicht imstande sind. Eigentlich, wenn man ihre Umstände betrachtet. Individuell. Und doch haben sie dazu Lust, nehmen Unmengen von Widrigkeiten dafür in Kauf, wollen dafür über sich hinauswachsen. Ihr Dasein, ihr Name, soll mit dieser ungeheuerlichen wie triumphalen Energieleistung in Verbindung stehen. Und bleiben.

Julien (Fabien Héraud) ist von Geburt an behindert und sitzt im Rollstuhl. Doch daran hat sich der inzwischen 17-Jährige längst gewöhnt. Zumal sich seine Schwester um ihn ebenso entspannt kümmert wie liebevoll seine Mutter. Diese in ihrer Sorge und Liebe inzwischen ein bisschen zu sehr. Und da sind ja noch die Freunde. Nur Vater Paul (Jacques Gamblin) hat sich sozusagen abgenabelt, hat nie eine richtige Beziehung zu ihm aufgebaut und, im Gegenteil, viel Distanz zu seinem Sohn geschaffen.

Hindernisse aus dem Weg räumen

Der ehemalige Hobby-Leichtathlet kam und kommt ganz offensichtlich damit nicht klar, dass sein zweites Kind mit einer Körperbehinderung zur Welt gekommen ist. Was seine Frau Claire (Alexandra Lamy) immer wütender und verbitterter betrachtet. Paul ist als Wartungsingenieur für Skilifte viel außer Haus. Doch nun hat er diesen Job verloren und Ausreden gelten nicht mehr. Denn der Bengel hat sich etwas völlig Verrücktes in den Kopf gesetzt: Er will mit seinem Vater, inspiriert von einem amerikanischen Vater-Sohn-Triathlon-Team, am Ironman France teilnehmen.  

Während er natürlich zunächst mit dieser Idee auf Granit stößt, beginnt Julien, die persönlichen wie amtlichen Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Was schon alles andere als einfach für den sehr energischen wie engagierten jungen Mann ist. Doch Julien weiß genau, was er unbedingt erreichen will und vermag auch seine Eltern damit anzustecken und sie einzubinden.

Auf Klischees verzichtet

Das erzählerische Baukastenschema ist bekannt, geht aber amerikanischen Kraft-Klischees diskret aus dem Weg, indem er sich die verbalen Brüll-Kanonaden und die übermenschlichen Schweißausbrüche schenkt. In einer einzigen, eher nebensächlich formulierten und doch so deutungsvollen Szene beschreibt der Co-Autor und Regisseur Nils Tavernier seine liebevolle Geschichte: Julien zuhause in seinem Zimmer, vor einem größeren Fernglas (James Stewart und das berühmte "Das Fenster zum Hof"-Hitchcock-Motiv) blickt durch dieses auf die Welt draußen, sieht zuerst Vögel am Himmel fliegen, entdeckt gegenüber (wohl nicht zum ersten Mal) eine junge, sich ausziehende Frau und betrachtet seinen Vater, der mit Kumpels joggt. Der ewige Menschheitstraum vom losgelösten, befreiten Fliegen; der verständliche Wunsch des 17-Jährigen nach sexueller Erfüllung, die für ihn nicht mögliche Betätigung von Sport. Diesen Sport-Versuch wird er nun angehen. Mit seinem Vater.

Starke Sympathiepunkte

Der Regisseur, der am 1. September 1965 geborene Nils Tavernier, stand schon als Kind vor der Kamera seines berühmten Regie-Papas Bertrand Tavernier. 2003 gab er die Schauspielerei auf und wandte sich dem Kurzfilm und dem Dokumentarfilm zu. Sein erster eigener Langspielfilm entstand 2006 und thematisierte seine große Leidenschaft, dem Tanz

In der abendfüllenden Dokumentation "Destins de familles, face à la maladie d’un enfant" beschäftigte er sich 2011 mit dem Thema Kindheit und Behinderung. Sein aktueller Film ist stimmig für Erwachsene besetzt und besitzt mit der Entdeckung Fabien Hérauds, einem behinderten jungen Mann, eine mental verbundene Julien-Seele. Dessen Spiel ist glaubhaft, unverkrampft, überzeugend, gelöst und setzt starke Sympathiepunkte.

Der deutsche Untertitel bringt es auf den Punkt: "Hürden gibt es nur im Kopf". Was fein emotional bestätigt wird. 

"Mit ganzer Kraft" von Nils Tavernier (Buch und Regie). Frankreich / Belgien 2013; Co-Buch: Pierre Leyssieux, Laurent Berton. Mit Jacques Gamblin, Alexandra Lamy, Fabien Héraud. Laufzeit 89 Minuten.

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