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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 04.07.2014

NestléJeder blamiert sich so gut er kann

Wie der Lebensmittelkonzern seine Innovationen bewirbt

Von Udo Pollmer

Die Zentrale des weltweit größten Lebensmittelkonzerns Nestlé im Schweizerischen Vevey (AFP / FABRICE COFFRINI)
Die Zentrale des weltweit größten Lebensmittelkonzerns Nestlé im Schweizerischen Vevey (AFP / FABRICE COFFRINI)

Firmenzeitungen sind meistens nicht so aufregend, versuchen sie doch nur, das Unternehmen im besten Licht erscheinen zu lassen. Im Fall von Nestlé gelingt das nicht. Ein Blick ins Kundenmagazin "Good".

Vor mir liegt "Good – Das Magazin für Zukunftsfragen" – eine aufwendige Broschüre aus dem Hause Nestlé, entwickelt von der Springerpresse. Thema der aktuellen Ausgabe ist das "Vertrauen". Doch das Magazin lässt nichts unversucht, jedes Vertrauen zu verspielen.

Darinnen erklären Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführer, Chief Technology Officers, Manager – samt Fürstin Gloria von Thurn & Taxis, – den geneigten Lesern, wo's in Zukunft langgeht. "Qualität nehmen wir persönlich", lautet eine der sinnfreien Phrasen, die der Vorstandsvorsitzende im Editorial mit dem professionellen Ernst eines Pfaffen bei einer Beerdigung absetzt. Ergebnis sei ein "geschmackvolles Markenerlebnis".

Nestlé sorgt sich um die "Kochkompetenz" und unkt: "Droht eine Generation von Kochanalphabeten?" Die Antwort auf die scheinheilige Frage folgt ein paar Seiten später: Da versucht die Firma, die Jugend für ihre Tütensuppen zu gewinnen – jeder Kochanalphabet mehrt den Umsatz des Hauses.

Der Vorsitzende des Tütensuppen-Subkonzerns verspricht den Lesern "Kochen mit Leidenschaft." Wie bitte? Pulversuppen sind High Tech, mit Kochen hat das herzlich wenig zu tun. Und Maschinen kennen keine Leidenschaft.

Wie die Kamera das Kochen preist

Anscheinend hat das Image der Fertigsuppen ein wenig gelitten. Die bisherigen Werbefilmchen aus dem "Kochstudio" haben sich überlebt, jetzt wird "Kochen aus neuen Blickwinkeln"  gefilmt: "Beim Drehen der Spaghetti windet sich die Kamera gleich mit – sie ist am Griff der Gabel befestigt". Wahnsinn! Das fasziniert die You-tube-Generation. Sich winden wirkt stets überzeugend.

Und weiter: "Klares Wasser rauscht über leuchtend gelbe Paprikaschoten in die Spüle, wo eine Kamera die Szene aus der Froschperspektive einfängt". Ja, die Froschperspektive zeichnet das neue Marketing-Konzept aus.

Die braucht man auch, um folgenden Satz zu glauben: "Die Zusammensetzung der Produkte soll gut nachvollziehbar sein." Studiert man die Zutatenlisten der neuen Produktlinien, wird das Bemühen erkennbar, die Worte so zu wählen, dass nur noch das geschulte Auge des Lebensmitteltechnologen erahnt, wo sich die Geschmacksverstärker verbergen.

Beispielsweise hinter so unverdächtigen Begriffen wie Aroma, namentlich wenn es aus Soja hergestellt ist – das ist vermutlich die klassische "Würze". Aber die kann sich auch hinter Begriffen wie "biologisch aufgeschlossenes" Weizengluten verbergen. Rätselhaft bleibt, warum Produkte, die als Bouillon verkauft werden, teilweise ohne jede tierische Zutaten synthetisiert werden.

Die Entdeckung "krabbelnder Nährstoffbomben"

Schließlich widmet sich Nestlé dem "Öko-Fleisch der Zukunft": "Schon in 20 Jahren könnten Insekten von den europäischen Fleischtheken nicht mehr wegzudenken sein" – bisher kannten wir Speisemotten und Käfer nur aus der Müslitüte und einigen Bäckereien, in denen immer wieder mal Kakerlaken in den Teig fielen. Bei Nestle werden daraus "krabbelnde Nährstoffbomben".

Das Kleinvieh sei ja so nahrhaft und hätte eine tolle Ökobilanz, lese ich. Ein Rind müsse sich erst auf den Weiden sattfressen, aber Insekten seien viel genügsamer und schmackhaft dazu. Das ist natürlich Unfug, Insekten brauchen Wärme, damit sie wachsen – in unseren Breiten wären dafür energiefressende Treibhäuser erforderlich. Zwar macht eine Fliege weniger Mist als eine Kuh. Zusammengenommen scheiden Insekten je nach Art aber gewaltige Mengen an Kot, Ammoniak und Methan aus. Dazu kommt ein erhebliches allergenes Potential bei Verzehr.

Hunde gezielt fördern!

Während ich mir die Phrasen der alten Dackel so durchlese, fällt mein Blick auf Seite 23 auf eine faszinierende Meldung. Hier lässt Nestlé die Katze aus dem Sack: "Anti-Aging für Hunde": "Eine Studie von Nestle … ergab, dass Hundebesitzer die kognitive Leistung ihrer Vierbeiner durch eine spezielle Ernährung ab dem siebten Lebensjahr gezielt fördern können".

Ich frag mich jetzt, ob die Hunde damit bessere Noten in der Hundeschule erzielen – oder  einfach nicht soviel Mist schreiben, wie die Redaktion von "Good". Meine Ernährungsempfehlung der Zukunft lautet: Hundefutter statt Tütensuppen - für die Chefetage. Mahlzeit!

 

Literatur:

Nestle AG Deutschland (Ed): Good – Das Magazin für Zukunftsfragen.

Nestlé Ernährungsstudio: Zutatenliste, Stand: Januar 2014

Fock A et al: Dicke Brummer, fette Maden, scharfe Käfer. EU.L.E.N-Spiegel 2010; H.3-4: 3-31

Mehr zum Thema:

Wasser für Millionen - Schweizer Filmemacher durchleuchtet die Wassersparte von Nestlé (Deutschlandradio Kultur, Interview, 11.03.2013)

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