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Kompressor | Beitrag vom 02.01.2015

Neoromantik des Online-DatingsDie Liebe ist tot, es lebe die Liebe

Gespräch mit Lydia Heller

Eine Tastatur mit Herz-Taste (imago / Westend61)
Liebe per Mausklick: Inzwischen die dritthäufigste Art, sich kennenzulernen. (imago / Westend61)

Die große Liebe sucht man schon lange nicht mehr nur in Bars oder dem Bekanntenkreis, sondern auch im Internet. Dank zahlreicher Apps geht das heute ganz einfach. Allerdings verändert die Onlinesuche nach der Liebe unsere Vorstellung von Beziehungen, Romantik und Sex.

Wie Flirt-Apps unsere Vorstellungen von Liebe, Romantik und Sex verändern – darüber sprechen wir mit Lydia Heller, die Dating-Plattformen im Selbstversuch getestet und Teilnehmer, Psychologen und Soziologen zum Thema interviewt hat.

Welche Apps hast Du ausprobiert und warum eigentlich?

Es gibt inzwischen unzählige dieser Apps, zwei haben wir selbst ausprobiert: Lovoo, die größte deutschsprachige App mit rund 16 Millionen Nutzern, zeigt wie auf einem Radar flirtbereite Leute an, die sich in unmittelbarer Nähe zu Dir befinden. Wenn man möchte, kann man sie anschreiben. Und: Tinder, eine App aus den USA und auch hier sehr populär. Da bekommt man Fotos präsentiert und entscheidet: interessiert mich oder nicht. Und an interessante Personen kann man dann ein Herzchen verteilen und wenn diejenigen einen auch interessant fanden, kommt es zu einem sogenannten Match – und man kann in Kontakt treten.

Klingt ein bisschen wie Shopping – man blättert durch einen Katalog und kreuzt an: Der hier gefällt mir, die möchte ich mal ausprobieren...?

Das Bild trifft es in der Tat ganz gut, denn jeder, der sich ein Profil anlegt auf einer dieser Flirt-Plattformen, der muss alle möglichen Fragen beantworten, je nach Plattform mehr oder weniger ausführlich. Man gibt zum Beispiel die Augenfarbe an, seine Größe, ob man Vegetarier ist, mitunter auch was man für sexuelle Vorlieben hat und wo man sich politisch einordnen würde – bis hin zum Jahreseinkommen. Das heißt, man präsentiert sich sozusagen als Summe einzelner Eigenschaften, die mehr oder weniger ausgeprägt sind.

Das geht auch gar nicht anders, weil sonst könnten die Algorithmen, mit denen diese Apps arbeiten, einen gar nicht sozusagen einsortieren und ein passendes Match für jemanden finden. Aber das heißt natürlich auch: Man wird heruntergebrochen auf standardisierte Kriterien, man wird vergleichbar und bewertbar, also, man wird warenförmig. Soziologen benutzen auch den netten Begriff "Gefühlsunternehmer" dafür.

Und will man so einen anderen Gefühlsunternehmer, so ein anderes Produkt dann einfach nur haben – oder kann man sich wirklich verlieben?

Also – ich würde auf jeden Fall sagen: man kann ganz gut ausblenden, dass es ein Algorithmus war, der dafür gesorgt hat, dass man jetzt eine Nachricht von einer bestimmten Person erhält. Man fühlt sich dann wirklich gemeint und – ja, geschmeichelt natürlich. Das verschafft uns einen narzisstischen Triumph, sagt der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker:

"Über das Interesse, das andere an einem ausdrücken, fühlt man sich bestätigt: Ich bin begehrt. Das kennt man aus der Realität auch, nur: da kann man nicht zwanzig anklicken, in einer Zeiteinheit. Oder auf drei Portalen verkehren. Insofern kommt es zu einer narzisstischen Expansion, die verständlich ist."

Aber eine narzisstische Bestätigung ist noch keine Liebe! Im Gegenteil, viele vertreten ja die These, dass gerade weil unsere Partner heute möglichst passen und uns bestätigen sollen statt herausfordern, weil wir Liebe nur noch konsumieren wollen, weil sie nicht wehtun soll und so weiter, dass gerade deswegen die romantische Liebe tot ist!

Ja – und deswegen ist es auch umso überraschender, wenn man hört, mit welchem Überschwang viele Online-Dater uns von ihren Online-Liebesgeschichten erzählt haben. Und auch die Forscher, mit denen wir über ihre Studien zu Online-Dating gesprochen haben, haben übereinstimmend berichtet, dass sie wirklich erstaunt darüber waren, wie ernsthaft die Menschen, die sie zu Online-Dating befragt haben, wie heftig die sich da zum Teil verliebt haben.

Da gibt es alle Gefühle – von Schwärmereien über Begehren und Eifersucht bis hin zur großen Liebe – ganz genau wie bei Beziehungen, die im sogenannten realen Leben stattfinden. Also auch online kann ein enormes Ausmaß an Nähe und Vertrautheit entstehen. Und unter anderem, der Ansicht ist zumindest der Soziologe Kai Dröge, hat das mit einem ganz klassischen Element des alten romantischen Liebesideals zu tun, das im Netz offenbar gerade wieder auflebt:

"Wir haben ja eine lange Tradition des Liebesbriefs und der romantischen Literatur, die in Form eines Briefromanes daherkommt und so weiter. Und da sehen wir, wie die Distanz und der medial vermittelte Kontakt – wie das dazu führen kann, dass sich die Gefühle intensivieren. Dass unsere Fantasie angeregt wird, dass wir uns überlegen, wie wird der andere reagieren auf das, was ich hier schreibe und so weiter. Und solche Phänomene finden wir heute eben auch im Internet. Eine Renaissance des Schriftlichen, muss man wirklich sagen. Das hier wieder ins Zentrum rückt – und der Liebesbrief in elektronischer Form eine ganz zentrale Rolle spielt."

Und es ist natürlich nicht nur der Liebesbrief – oder eben: Liebes-Chat, man schreibt zum Beispiel auch sehr schnell und sehr explizit über sexuelle Fantasien, weil unter anderem Schamgefühle bei so einer Online-Begegnung viel geringer sind, als wenn man sich wirklich einem anderen Menschen körperlich gegenüber sieht. Aber auch das erzeugt natürlich ein Gefühl von Intimität.

Und wie beeinflussen diese Apps Beziehungen, die bereits bestehen? Werden die nicht oberflächlicher dadurch, dass man weiß, dass das nächste – und potenziell bessere – Match immer nur einen Klick oder einen Wisch auf dem Handy entfernt ist? Verführt das nicht dazu, zu schnell aufzugeben, wenn es mal schwierig wird?

Diese Gefahr sehen die Soziologen in der Tat: Die eigene Beziehung immer im Lichte der anderen Möglichkeiten zu interpretieren, das ist ganz sicher eine große Herausforderung für Beziehungen. Und klar, es ist auf jeden Fall verführerisch, immer mal wieder in die App zu schauen – in diesen unerschöpflichen Katalog an Versprechungen sozusagen – und dann zu chatten und sich die genannte narzisstische Bestätigung abzuholen und so weiter. Da kann es schon sein, dass uns die Fähigkeit ein bisschen verlorengeht, uns wirklich an eine Person zu binden.

Aber lustigerweise hängen offenbar gerade Online-Dater – also Leute, die sich für die ökonomischste und rationalste Methode der Partnersuche entschieden haben, die wir derzeit kennen – offenbar hängen gerade die besonders dem Ideal der romantischen Liebe nach. Viele melden sich von den Portalen zum Beispiel sofort ab, wenn sie jemanden gefunden haben. Und – das zeigen zum Beispiel sowohl Studien von Kai Dröge als auch der Soziologin Kornelia Hahn: Wenn die Leute darauf angesprochen werden, dass es doch ein Algorithmus war, der sie füreinander ausgewählt hat – dann bereitet ihnen das Probleme.

Hahn: "In unserer Forschung sieht es so aus, dass obwohl die Leute Suchstrategien entwickeln, sie am Ende erklären, das Netz hat uns irgendwie zusammengefügt. Diese Mystifizierung, dieses Schicksalhafte, dieses klassische Konzept der Romantik wird der formalen Suchstrategie, die stattgefunden hat, quasi übergestülpt."

Dröge: "Sie erzählen dann: Sie hatten es schon aufgegeben, dann kam noch diese eine Mail und da haben sie dann doch noch reingeschaut. Und dann war's das plötzlich. Und das hätten sie dann auch sofort gespürt."

Also diese klassische, romantische Erzählung, dass wir irgendwann und irgendwo, ganz zufällig, diesen einen, einzigen, richtigen Menschen getroffen haben – die trifft man bei Leuten, die sich übers Netz kennengelernt haben, ganz besonders häufig an. Wir haben bei unseren Recherchen auch so eine Geschichte gehört, von einem Paar, dass sich online kennengelernt hat und inzwischen seit fünf Jahren verheiratet ist:

"Wir haben uns überhaupt nur kennengelernt, weil Du Dein Profil verändert hast. Eines Tages hattest Du die Intuition, jetzt den Alterskreis noch ein bisschen größer..." / „Ich hatte immer so acht Jahre." / „Ja, und dann hast Du es auf zehn Jahre erweitert und dadurch gab es überhaupt ein Bling, dass wir uns überhaupt kennengelernt haben. Und ich bin ja der Meinung, das wurde gesteuert von oben."

Das Netz ist ein neo-romantisches Medium, sagt Kai Dröge.

Also: Die romantische Liebe ist tot – es lebe die neo-romantische Online-Liebe.

 

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