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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.01.2007

Nebenprodukte der Geschichte

Ausstellung "Kunst und Propaganda" in Berlin

Von Carsten Probst

Das Deutsche Historische Museum bietet derzeit eine Gegenüberstellung von Propagandawerken der NS-Zeit mit denen anderer totalitärer Staaten wie dem faschistischen Italien oder der kommunistischen Sowjetunion. Zu sehen sind pathetische Führer-, Familien- und Kriegsinszenierungen. Bewusst hat man die Schau nicht ästhetisch veredelt, sondern als Kramladen der Geschichte inszeniert.

Natürlich sind sich die Macher dieser Ausstellung bewusst, dass sie sich auf heiklem Terrain bewegen. Denn wie bereits 1996, beim großen Ausstellungsprojekt "Kunst und Macht", versucht sich das Deutsche Historische Museum in der Gegenüberstellung von Propagandawerken der NS-Zeit mit denen anderer totalitärer Staaten, insbesondere der Sowjetunion. Das hatte damals bei einigen Opferverbänden und in Teilen der Presse zum Vorwurf der Gleichmacherei und auch der Verharmlosung des Dritten Reiches geführt. Diesmal hat man nun nichts dem Zufall überlassen, und doch ist die fast schon nervöse Vorsicht bei der Pressekonferenz von DHM-Direktor Hans Ottomeyer zu spüren, wenn er beinahe beschwörend versichert:

" Durch einen umfangreichen Katalog, mehrsprachigen Katalog, der so gründlich wie ausführlich ist mit 536 Seiten bleibt hier nichts, aber auch gar nichts unerläutert, unkommentiert oder nur so dahingestellt. Es ist besonders wichtig, diese komplexen Inhalte zu vermitteln und auch diskursiv zu diskutieren, das geschieht in einer Hörführung, das haben wir in den vielen Texttafeln … "

Bei dieser Ausstellung hat man nun sogar noch den Kreis der Vergleichsstaaten erweitert, und zwar bewusst um eine demokratische Nation, nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich aber speziell für die Zeit zwischen 1930 und 1945 ganz besonders zur vergleichenden Betrachtung mit Europa eignen, wie Kurator Hans-Jörg Czech erklärt:

" Sie boten sich deshalb an, weil mit den dirigistischen Staatsprogrammen des New Deal, die die Regierung unter Präsident Roosevelt ab 1933 erließ, auch eine Reihe von Kunstförderungs- und Kunstausstellungsprogrammen verbunden war, die dazu geführt haben, dass vom Staat beeinflusste Programme zur Entstehung von Propaganda, die direkt gedacht waren als Werbemittel, entstanden. Es gibt zunächst einmal grundsätzlich eine Vergleichbarkeit, aber gleichzeitig haben diese Werke, die in vielen Bildelementen, in ihren Botschaften natürlich den demokratischen Anliegen der USA verpflichtet sind, dann auch massive Unterschiede zu den NS-Bildwerken und zu den Bildwerken der anderen totalitären Staaten."

Vergleichen bedeute aber eben nicht gleichsetzen, so Czech weiter. Vielmehr sei die direkte Gegenüberstellung der verschiedenen Propagandamittel einzelner Staaten besonders dazu geeignet, den Blick für die Besonderheiten der NS-Propaganda und ihren zutiefst intoleranten, rassistischen und antisemitischen Charakter zu schärfen – nicht, ihn zu nivellieren. Dasselbe gelte auch für die Propaganda der Faschisten in Italien und der Kommunisten in der Sowjetunion.

Nur für diese drei: Nazideutschland, das faschistische Italien und die Sowjetunion lassen sich gemeinsame, typisch totalitäre Bildformeln herauslösen, die allen in der Grundstruktur irgendwie gemeinsam sind, so Hans Ottomeyer:

" Das sind Objekte, die eine starke Bildsprache sprechen, die sich aller Tricks und Strategien staatlicher Propaganda bedienen und die versuchen, die Ziele des Staates gegenüber dem Individuum heraufzuführen und gegen es durchzusetzen. Das ist einmal eine stark hierarchische Architektur, die versucht, zu überwältigen durch schiere Masse, es ist immer wieder die Familie als Nukleus des Staates, die in Anführungszeichen gesunde Kleinfamilie, die die Zelle des großen Staatswesens bildet. Sie verteidigt der Industriearbeiter, der Soldat, und alles wird dominiert von einer politischen Führergestalt."

Gleichwohl ziehen aber auch die USA thematisch immer durchaus mit, obwohl sie für eine ganz andere Staatsform werben. Auch ihr Präsident wird als freundlicher, volksnaher Mann gezeigt, wie man es durchaus auch aus der Stalin-Propaganda kennt. Der markige Feldherr, den Hitler und Mussolini und mitunter auch Stalin geben, ist dagegen für die USA-Propaganda völlig undenkbar.

Der Krieg wird mit Technikfaszination und heroischen Inszenierungen begleitet, was auf der Oberfläche wiederum gar nicht so verschieden ist zu den europäischen Diktaturen. Doch artikuliert die US-Propaganda den Krieg als Kampf für Freiheit, ein Wort, das in Deutschland und der Sowjetunion wohlweislich vermieden wird. Stattdessen ist der Sieg, der Endsieg das Ziel, die Zerschlagung der Feinde, die in Schreckensfiguren als Untermenschen dargestellt werden. Die Verhöhnung der Feinde freilich kennt man auch in den USA.

" Das ist ein Verhalten, das insbesondere die Zeit vor und nach und während des Zweiten Weltkriegs kennzeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben diese Art der staatspolitischen Propaganda nur noch wenige Staaten weitergetrieben. Der einzige Staat, der heute ein solches Gebaren noch zeigt, ist Nordkorea, sonst kennen wir diese Bildsprache nicht mehr ... "

… ergänzt Hans Ottomeyer und ist bemüht, das gezeigte Material von immerhin rund 400 Bildwerken als eine Art Nebenprodukt der Geschichte zu betrachten, dem man sich nun mit wenig Begeisterung, mehr aus Chronistenpflicht widmet. Denn im Jahr 2000 waren dem Museum durch die Bundesregierung rund 700 Propagandawerke aus NS-Staatsbesitz übergeben worden, verbunden mit der Auflage, daraus eine wissenschaftlich aufgearbeitete Ausstellung zu formen. Es ist aber ein "schwieriger Nachlaß", den man da übernommen hat und benennt so such ganz freimütig den letzten Raum der Ausstellung.

Bewusst hat man die Ausstellung nicht ästhetisch veredelt, sondern gewissermaßen als Kramladen der Geschichte inszeniert, mit einer rauhen Depot-Architektur. Gewiss handelt es sich bei den pathetischen Führer-, Familien- und Kriegsinszenierungen um ausgedient habende Motive. Aber ganz so lässig lässt sich die Historisierung dieser Bilder dann doch nicht betreiben. Manipulierender Bildgebrauch ist schließlich kein Privileg der dreißiger und vierziger Jahre und auch heute nicht nur auf Nordkorea begrenzt. Aber den Bezug zu heutigen Formen von Bildmanipulation hat man hier strikt ausgeklammert oder in den Katalog verbannt. Ein Versäumnis, das dieser Ausstellung eine beklommenen, letztlich unausgereiften Charakter gibt, als habe man auch sechzig Jahre danach noch keinen souveränen Umgang damit gefunden.

Service:

Die Ausstellung "Kunst und Propaganda" ist im Deutschen Historischen Museum vom 26. Januar bis 29. April 2007 zu sehen.

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