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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.01.2012

Naturschutz in Braun

Wie Rechtsextreme in der Ökoszene mitmischen

Toralf Staud im Gespräch mit Katrin Heise

Journalist Toralf Staud (Gerrit Hahn)
Journalist Toralf Staud (Gerrit Hahn)

Gegen Atomkraft, gegen Gentechnik und für den deutschen Wald: Nicht nur Linke und Alternative engagieren sich für den Umweltschutz - sondern auch Neonazis. Der Journalist Toralf Staud erklärt das mit Bezügen zur völkischen Blut-und-Boden-Ideologie.

Katrin Heise: Dass Rechtsextreme nicht ständig die reine Rassenlehre verkünden, Ausländerhass predigen und gewalttätig sind, sondern sich in der Gesellschaft festsetzen, indem sie sich zum Beispiel in der freiwilligen Feuerwehr oder in der Elternvertretung im Kindergarten engagieren, das ist vor allem in Gegenden aufgefallen, in denen andere gesellschaftliche Gruppen nicht mehr so ausreichend anwesend sind. Rechte organisieren dort die Jugendfreizeit, die Stadtteilfeste, aber auch die Demo gegen Atomkraft oder den Biolandbau. Da wundert man sich, aber offenbar ist Umwelt und Naturschutz und auch der Anti-Atom-Protest, den wir gemeinhin ja eher in die linke Ecke legen, auch in der rechten Ecke zu Hause. Der Journalist und Autor Toralf Staud hat sich sowohl mit den Rechtsextremen als auch mit Klima und Naturschutz auseinandergesetzt, und er hat bei einer Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, die "Braune Ökologen" heißt, mitgewirkt. Herr Staud, ich grüße Sie, schönen guten Tag!

Toralf Staud: Guten Tag!

Heise: Biologische Landwirtschaft, Anti-Atom-Protest, Demos gegen Genforschung – all das habe ich eher im linken oder christlich-gesellschaftlichen Spektrum verortet. Braune Ökos – gibt es da wirklich so viel Schnittmenge?

Staud: Es gibt Schnittmengen in der darunter liegenden Ideologie, also wirklich im Weltbild und in den konkreten Forderungen, die dann daraus abgeleitet werden. Man muss aber schon zu Dimensionen klar sagen: Die braunen Ökologen sind eine Teilströmung der ja nicht sehr großen rechtsextremistischen Szene. Also von der Bedeutung her ist natürlich die Umweltbewegung in Deutschland eher links geprägt. Wir reden hier über Unterwanderungsversuche und zum Teil aber auch Einflussversuche und gerade zur Gründung der Umweltbewegung und auch der Grünen teilweise gewonnene kleine Schlachten, wo es Rechtsextremisten gelang, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Heise: Lassen Sie uns mal die Schnittmengen noch mal aufzählen. Also: Liebe zum Wald, Liebe zur Natur - ist das so einfach zu sagen?

Staud: Genau. Ein Rechtsextremist muss sich gar nicht verstellen, dass er sagt, der deutsche Wald soll doch erhalten bleiben. Wenn man sich vorstellt, ein Blut-und-Boden-Ideologe, der sagt, der Charakter eines Volkes, eines Stammes, einer Rasse wird geprägt durch den Boden, durch das Territorium, auf dem es lebt, dann ist es ganz wichtig, dieses Territorium natürlich auch zu schützen und zu bewahren. Bei den Rechtsextremisten, bei der NPD heißt der Slogan "Umweltschutz ist Heimatschutz", das ist dann ganz klar: Es geht um ein instrumentelles Verhältnis zur Umwelt, nämlich Umwelt als Lebensraum des natürlich deutschen Menschen, und der ist zu schützen.

Und wenn man es dann mal weiterdenkt, dann muss ein überzeugter völkischer Ideologe natürlich gegen Atomkraft sein, weil es wäre für die Überlebensmöglichkeit der Deutschen – ich zitiere jetzt mal –, der "deutschen Rasse" eine Katastrophe, wenn in Deutschland ein Atomkraftwerk in die Luft flöge, weil dann wären die schönen deutschen Lande, die sanften Hügel, die deutschen Eichen wären alle verstrahlt, die Deutschen müssten auswandern und könnten für einen Blut-und-Boden-Ideologen keine Deutschen mehr sein, weil der Boden weg ist. Deshalb sozusagen aus der Ideologie folgt bei denen tatsächlich eine ehrliche Anti-Atom-Haltung. Das ist nicht bei allen nur eine Camouflage oder eine Verstellung, um Wählerstimmen zu gewinnen, sondern einige von denen meinen das wirklich ernst und leiten es aus ihrer rechtsextremistischen Ideologie ab.

Heise: Sie haben gerade schon was gesagt zu den Dimensionen. Ich würde das aber trotzdem gerne noch mal aufgreifen: Wie verbreitet ist das Phänomen der braunen Ökologen? Ich vermute es ja eher im Osten der Bundesrepublik.

Staud: Man kann es eher im Osten beobachten, ganz praktisch, weil es in Sachsen und in Mecklenburg-Vorpommern Landtagsfraktionen gibt und dort ein gewisser professioneller Parteiapparat da ist. Und wenn man sich die Anträge, die Arbeit dieser Fraktion anschaut, dann ist schon klar, dass Umweltschutz, Landwirtschaft, Naturschutz, Landschaftsschutz ein wichtiges Thema ist, häufig natürlich auch – ich habe es schon erwähnt –, um bei Wählern anzukommen.

Es gab nach der ersten Wahl 2005 in Sachsen eine Rede von Holger Apfel, damals Fraktionschef, jetzt Parteichef, der sagte auf einem Parteitag: Die Tierschutzpartei hat in Sachsen – ich glaube – zwei oder drei Prozent der Stimmen geholt, die wollen wir beim nächsten Mal haben. Deshalb ist für uns Tierschutz ein Thema in der Propaganda. Also sie haben schon instrumentell sehr genau geschaut, wo kann man die Wähler erreichen und haben dann tatsächlich in den Anträgen, in den Reden, auf Publikationen, versucht, dieses Thema zu besetzen. In Mecklenburg-Vorpommern ist es der NPD und ihren Leuten am Anfang wirklich gelungen, in der dortigen Anti-Gentechnik-Bewegung in einigen Gruppen wirklich Vorstandsposten oder Sprecherposten zu erringen.

Heise: Und Sie haben ja gesagt, das ist nicht nur eine reine Unterwanderungsstrategie, sondern Herzensangelegenheit, also ideologische Herzensangelegenheit. Und was wird gleichzeitig damit transportiert? Also auch trotzdem die Abgrenzung?

Staud: Na ja, es ist auf jeden Fall erst mal ein Weichzeichnen des NPD-Images oder des rechtsextremistischen Images, und die Grundideologie ist natürlich rassistisch, völkisch, aggressiv, antisemitisch, und dadurch, dass man eben auch diese weichen Themen – Umweltschutz, Naturschutz, Alleenschutz, die NPD in Mecklenburg hat dann Petitionen zum Schutz der schönen Alleen eingebracht –, dadurch kommt man natürlich beim Wähler erst mal freundlicher und lebenspraktischer rüber.

Heise: Lebenspraktischer – eben, genau. Am Alltag orientiert.

Staud: Genau.

Heise: Genau da eingreifen.

Staud: Es ist im Osten besser sichtbar, aber im Westen auch verbreitet. Es gibt seit 2007 eine rechtsextremistische Umweltzeitschrift, "Umwelt & Aktiv" heißt die, die erscheint im Westen. Es gibt in Westdeutschland genau so Leute, die versuchen, Rechtsextremismus und Ökologie zu verbinden – sie fallen im Osten mehr auf.

Heise: Die Heinrich-Böll-Stiftung – die Schrift habe ich eben erwähnt, "Braune Ökologen", in Zusammenarbeit mit der politischen Bildung und der Evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern – haben sich vor allem Mecklenburg-Vorpommern genommen, und da werden jetzt auch verschiedene Veranstaltungen stattfinden. Braune Ökos ist unser Thema hier im Deutschlandradio Kultur mit Autor und Journalist Toralf Staud. Herr Staud, wie erfolgreich – also Sie haben ja eben geschildert, was so auch dahintersteht, und dass es eben an den Alltag der Leute andockt und bestimmte Dinge eben einfach erfüllt –, wie erfolgreich sind die Rechten denn in den vorhandenen Ökogruppen?

Staud: Das kommt auf die Ökogruppen an. Also es gibt Leute, die ein sensibles Sensorium haben und dann schon sehr früh merken: Moment, so wie der jetzt redet, da ist ein antiamerikanischer Zungenschlag dabei, da stimmt doch was nicht. Also wenn man hinhören will, dann bemerkt man sie, und viele Umweltgruppen bemerken das und drängen die Leute dann auch raus. Aber gerade wenn es Neugründungen von Bürgerinitiativen sind oder in Landstrichen wie Mecklenburg-Vorpommern, wo es nicht viele Aktive gibt, keine große Zivilgesellschaft gibt, da passiert es dann eben, dass die Rechtsextremisten viele von denen sind, die da bereit sind, aktiv zu werden.

Ich habe mit Leuten in Mecklenburg gesprochen, die sagten: Wir haben eine Weile gebraucht, um überhaupt mitzukriegen, was wollen die, und dann waren wir natürlich auch naiv, konnten uns gar nicht vorstellen, dass so ein NPD-Funktionär jetzt kommt und zum Beispiel gegen einen Braunkohletagebau aktiv wird. Die Aktivisten dort aus der Region haben es aus Naturschutz-, aber auch aus Klimaschutzgründen gemacht, und sie wunderten sich, Moment, dieser hier redet immer vom amerikanischen Großkonzern, der hier Profite machen will – irgendwas stimmt doch da nicht, und daran merkten sie dann letztendlich, Moment, das ist ein Rechtsextremist, weil dem ging es darum: Okay, hier kommt der Amerikaner, die fremde Macht, die unsere heimische Energie sich aneignen will. Und dadurch haben sie es dann gemerkt und sind dann halt auch aktiv geworden.

Heise: Und was sind so andere Anhaltspunkte? Also die biologistische Argumentation der Rechten beispielsweise?

Staud: Genau, was Rechtsextremisten gerne versuchen, ist Parallelen der Tierwelt in die menschliche Gesellschaft zu ziehen, die dann sagen: Na ja, Esel und Pferd kreuzen sich auch nicht, oder verschiedene Rassen unter Hunden soll man ja auch rein halten, deshalb soll man auch die menschlichen Rassen rein halten – was völliger Quatsch ist, wie jeder Anthropologe, Biologe sagt, diese Parallelen. Aber erst mal klingt es ja durchaus auf die Schnelle gesagt plausibel. Oder beim Tierschutz wird dann auf das Schächten insbesondere abgestellt, zufälligerweise eine Praxis, die unter Muslimen und Juden verbreitet ist. Und so kriegen dann die Rechtsextremisten mit auf den ersten Blick tierschützerischen Argumenten einen antisemitischen oder einen antimuslimischen Unterton rein. Und wenn man aber tiefer schaut, das ist natürlich ein Erbe, dieses sich um die Natur kümmern, das ist tief in der Bewegung verankert, und man muss schon auch sagen, nicht alle Umweltverbände haben sich leicht getan, das auch zu reflektieren und das aufzuarbeiten.

Heise: Beschäftigt sich denn die Ökobewegung überhaupt damit? Ist das als Problem erkannt?

Staud: Bei manchen ja – mir scheint es, dass das eher eine private Sache ist von einigen Leuten in den Umweltverbänden, wirklich das auf dem Schirm zu haben. Es gab beim Naturschutzbund, als der 100 Jahre wurde, auch dann Bestrebungen, das aufzuarbeiten und öffentlich zu machen, um eben auch die eigenen Mitglieder zu sensibilisieren, aber so was ... wenn man liest, was 1940 der Geschäftsführer des Bundesnaturschutzes – das war der Verband, der viel später im BUND aufgegangen ist –, der formulierte damals als Aufgabe dieses Verbandes, die Heimat und die Natur sauber und schmuck zu erhalten und zu gestalten an dem Tag, wo das Heer der deutschen Soldaten aus Blut und Krieg heimkehrt in das gerettete Vaterland. Und das ist eine Strömung oder eine Traditionslinie eines Verbandes, mit dem muss sich so ein Verband auseinandersetzen und darf nicht hoffen: Na ja, es weiß ja keiner mehr.

Heise: Ja, ja, genau.

Staud: Und das waren Leute, die dann auch später im Bund Naturschutz nach dem Krieg relevante Positionen eingenommen haben. Also das war nicht nur in der westdeutschen Politik so, dass NSDAP- oder Nazi-Leute auf relevante Positionen kamen, sondern vereinzelt auch in der Umweltbewegung.

Heise: Ja. Wie schädlich ist denn diese braune Besetzung ökologischer Themen eigentlich für die Ökobewegung insgesamt, was würden Sie da sagen?

Staud: Das kommt auf die Ökobewegung an. Immer wenn sie es bemerken und herausdrängen, dann gelingt es ihnen tatsächlich, sich abzugrenzen. Aber manchmal sind Leute froh, aus einer Minderheitenposition in einem Kampf gegen ein konkretes Projekt, gegen einen Tagebau in Mecklenburg – sind sie froh über jeden, der irgendwie kommt und hilft, und das ist natürlich dann eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Umweltbewegung.

Heise: Also Aufklärung und Diskussion notwendig, sich der Diskussion stellen vor allem. Ein Argument auch in der Hand haben. Toralf Staud hat mitgewirkt an einem Buch, "Braune Ökologen" in der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit der politischen Bildung und der evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern. Morgen Abend wird das Buch in Rostock vorgestellt und darüber diskutiert. Morgen in Rostock ab 18 Uhr im Haus Böll. Vielen Dank, Toralf Staud, für dieses Gespräch!

Staud: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die verschriftete Fassung des Interviews weicht von der Audio-Fassung ab.

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