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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 26.09.2014

NationalsozialismusFür die Opfer ohne Lobby

Der Israeli erinnert Hagai Aviel an die Euthanasie-Morde der Nazis

Von Igal Avidan

Rosen liegen am Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Morde" in Berlin-Tiergarten. (picture alliance / dpa)
Rosen liegen am Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Morde" in Berlin-Tiergarten. (picture alliance / dpa)

Hagai Aviel stellte die Namen von 30.000 NS-Euthanasie-Opfern ins Netz - illegal. Doch viele Angehörige waren dankbar für die Aktion. Sie gab einen Anstoß zur Errichtung eines Denkmals für Euthanasie-Opfer in Berlin.

Eines Tages im Jahr 2003 begann die Berlinerin Sigrid Falkenstein mit ihrer Ahnenforschung. Sie gab in einer Suchmaschine den Namen Ihrer Großmutter ein:

"…und stieß dann auf den Namen Anna Lehnkering auf einer Liste, die auf einem israelischen Server liegt und las dort, dass sie eine von den vielen hunderttausenden Opfern der NS-Euthanasie geworden ist. Ich habe dann anhand des Geburtsdatums festgestellt, dass es sich um die Schwester meines Vaters handeln musste."

Der Zufall wollte es, dass auch Falkensteins Tante, genauso wie ihre Großmutter, Anna Lehnkering hieß. So erfuhr sie, dass ihre Tante geistig behindert war und von den Nationalsozialsten deswegen ermordet wurde. Das griechische Wort "Euthanasie" bedeutet "guter Tod", als ob diese Tötung eine Art "Sterbehilfe" darstellte.

Sigrid Falkenstein hat sich in einem Runden Tisch für eine würdige Erinnerung eingesetzt, welches der neue Gedenk- und Informationsort in Berlin-Tiergarten auch ist.

Als Jugendlicher durch Mutter zwangsinterniert

Wer ist aber der Israeli Hagai Aviel, der mit der umstrittenen Veröffentlichung der Namen von 30.000 Euthanasie-Opfern im Internet den Stein ins Rollen gebracht hat? Der 56-jährige Gründer und Leiter der "Israelischen Vereinigung gegen Psychiatrie-Missbrauch" wurde als Jugendlicher durch seine Mutter zwangsinterniert und kämpft seitdem für die Opfer der Psychiatrie – auch die der Nazis:

"Ich habe beschlossen, für diese Opfer einzutreten, für die sich sonst keiner engagiert. In Israel glaubt man, dass die Judenverfolgung der Schlüssel zum Verständnis der Nazi-Verbrechen ist. Dann habe ich verstanden, dass die Massenvernichtung mit der pseudo-wissenschaftlich begründeten Verfolgung von Minderheiten durch die Nazis begann."

Die erste Gruppe, die im Rahmen der Schaffung einer erbgesunden "arischen Rasse" zwangssterilisiert, eingesperrt und als "lebensunwert" vergast wurde, waren Patienten deutscher Pflegeanstalten.

Ungewöhnliche Gedenkaktion

Im Jahr 2002 beantragte Hagai Aviel beim Bundesarchiv die Überlassung einer Liste von 30.000 Euthanasieopfern, die aus dem Bestand der "Kanzlei des Führers", stammte. Um die Würde dieser Opfer wieder herzustellen, lasen er und seine Mitstreiter kurz vor Weihnachten im Zentrum Berlins drei Tagen lang deren Namen vor. Es war die erste  Gedenkaktion dieser Art überhaupt, sagt Aviel.

"Mehrere Passanten, darunter ein Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, fragten nach. Denn sie wussten nur, dass ihre Verwandten an einer Krankheit starben, aber nicht, dass sie ermordet wurden. Wir ließen sie die Namen ihrer Verwandten in einem Büchlein mit der Namensliste suchen, das wir für die Vorlesung vorbereitet hatten. Ich habe daher den Vertrag mit dem Bundesarchiv bewusst gebrochen, aber ich fühlte mich verpflichtet, die Menschen über das Verbrechen an ihren Angehörigen zu informieren. Später schrieben mir viele Deutsche, dass sie das nun zum ersten Mal erfuhren. Ich habe Frau Falkenstein, aber auch andere dazu ermutigt, ihre Verwandten im Internet zu verewigen und ich bin froh, dass sie und andere das auch getan haben."

Patientenmorde - Vorstufe der Judenvernichtung

Zur Einweihung des neuen Denkmals für die Euthanasie-Opfer wurde Hagai Aviel nicht eingeladen. Aber seine Veröffentlichung wird inzwischen auch gewürdigt, denn die Patientenmorde waren eine Vorstufe der Judenvernichtung. Nachdem Hitler im August 1941 diese Mordaktion einstellte, wurden viele ehemalige Mitarbeiter der sechs Tötungsanstalten der Patientenmorde als Tötungsspezialisten in die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka versetzt.

Dort führten sie die Ermordung von rund 1,8 Millionen Juden durch. In der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel fand der abgesonderte Massenmord an 836 jüdischen Patienten von Pflegeanstalten statt, die ein Zehntel aller Opfer hier ausmachten. In dieser Gaskammer begann der Massenmord an den europäischen Juden, die Shoah.

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