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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 28.12.2013

NationalsozialismusDas vergessene Lager

Im französischen "Les Milles" wurden deutsche Intellektuelle interniert

Von Dirk Fuhrig

In "Les Milles" nahe der französischen Stadt Aix-en-Provence wurden zuerst "unerwünschte Ausländer" interniert, später wurden von hier auch Juden deportiert. Im vergangenen Jahr wurde das Camp eine Gedenkstätte und zeigt auch, wie eng die Franzosen mit den Nazis zusammenarbeiteten.

Es ist eine gespenstische Atmosphäre. In den kahlen, dunklen Gängen sind an den Wänden immer wieder die Reste von Malereien zu sehen. Fragmente von Gesichtern, von Figuren. Sie haben ein Dreiviertel Jahrhundert überdauert.

"Die Internierten sollten irgendwie beschäftigt werden. Und deshalb wurde ihnen  gestattet, sich auch künstlerisch zu betätigen. Die Kunst wurde für die Häftlinge zu einem Mittel, Widerstand zu leisten."

…sagt Cyprien Fonvielle, Direktor der Gedenkstätte Les Milles, die die Erinnerung an die lange verschwiegene Lager-Vergangenheit der alten Ziegelei wach hält. Das Besondere an den Malereien: Die Kritzeleien stammen zum Teil von "Profis". In Les Milles waren zahlreiche bekannte deutsche Künstler und Intellektuelle eingesperrt. Denn als der Zweite Weltkrieg begann, wurden Deutsche, die sich in Frankreich aufhielten, als feindliche Agenten klassifiziert.

Gedanken auf winzigen Zetteln festgehalten

"Die meisten haben ja gar nicht verstanden, warum Frankreich sie einsperrte. Max Ernst zum Beispiel hatte einige Jahre vorher in Paris eine Ausstellung unter dem Titel 'Die Kunst des freien Deutschlands' organisiert und sich damit als eindeutiger Gegner Hitlers positioniert. Und kurze Zeit später verhaftet Frankreich ihn als Anhänger der Nationalsozialisten."

Maler wie Max Ernst,  Hans Bellmer oder Wols trafen in der Haft auf namhafte Theaterleute, Musiker, Architekten, Wissenschaftler – darunter Nobelpreisträger - , Journalisten und Schriftsteller. Golo Mann wurde in dem Lager bei Aix-en-Provence festgehalten, ebenso Alfred Kantorowicz und Franz Hessel. Ein Großteil der geistigen Elite der 30er-Jahre, die sich nach der Machtergreifung Hitlers nach Frankreich in Exil geflüchtet hatte.

Es ist fast nicht vorstellbar, wie in den feuchten, dunklen Gängen des mit zeitweise 3000 Menschen völlig überbelegten Lagers Maler an Bildern arbeiten konnten und Schriftsteller ihre Gedanken Tag für Tag auf winzigen Zetteln festhielten.

Gelegentlich fanden sogar Theateraufführungen statt. In einem langgestreckten, niedrigen Kellerraum luden Autoren zu Kabarett-Aufführungen. Cyprien Fonvielle liest den erhaltenen Schriftzug über dem Eingang vor:

"Und abends in die Katakombe…"

Die Katakombe war eine berühmte Kabarett-Bühne in Berlin. Und hier in Les Milles haben die Gefangenen diesen Ort wiederbelebt.

Erschütternde Details über die Unterbringung

Der berühmteste Gefangene war der Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Er hat über die grausame Haft in der Provence später die autobiografische Erzählung "Der Teufel in Frankreich" geschrieben. In erschütternden Details schilderte er die Unterbringung, die Demütigungen und katastrophalen hygienischen Zustände, die sich kaum von denen in deutschen Konzentrationslagern unterschieden.

Dabei hatte Feuchtwanger noch Glück: Ihm gelang die Flucht nach New York. Sein Kollege Walter Hasenclever hatte sich, als die deutsche Wehrmacht nach Frankreich vorrückte, in Les Milles das Leben genommen.   

Im Sommer 1942 wurden mehr als 2000 Juden von Les Milles aus in die Vernichtungslager deportiert.

Frankreich ist keine Nation der Résistance-Kämpfer

Über die Existenz des Lagers Les Milles wurde Jahrzehnte in Frankreich kaum gesprochen. Erst in der jüngeren Vergangenheit wurde öffentlich, wie eng viele französische Behörden – gerade auch im von der Vichy-Regierung verwalteten Süden  - mit den Nazis kollaboriert hatten.

Genkstätten-Direktor Cyprien Fonvielle:

"Frankreich wurde uns lange Zeit als eine Nation der Résistance-Kämpfer präsentiert. Aber das stimmt nicht. Frankreich hatte zu jener Zeit viele Gesichter. Es dauerte leider etliche Jahre, bis die Franzosen für die Einsicht reif waren, dass ihre Landsleute an Deportationen beteiligt waren und manchmal sogar von sich aus weiter gingen, als die Deutschen verlangt hatten."

Und so ist es kein Wunder, dass Les Milles erst im Rahmen der Bewerbung der Region Marseille-Provence als Kulturhauptstadt 2013 als Gedenkstätte eingerichtet wurde. Sie wird überwiegend von einer privaten Stiftung getragen. Regelmäßige Wechselausstellungen bringen immer neue Aspekte der Künstler-Biografien ans Licht.

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