Seit 13:30 Uhr Länderreport
 
Dienstag, 31. Mai 2016MESZ13:56 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.08.2011

Naschbär für die Ohren

Harry Rowohlt: "Rumba, Rumba, Rumba ist modern", Kein & Aber Records 2011, 2 CDs

Beim Hören von Harry Rowohlts Live-Lesung kommt in keinem Augenblick Langeweile auf. (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)
Beim Hören von Harry Rowohlts Live-Lesung kommt in keinem Augenblick Langeweile auf. (Stock.XCHNG / Stefan Kuemmel)

Übersetzer, Sprecher, Kolumnist, Schauspieler. Harry Rowolt ist vielseitig, ein bekennender Genussmensch und eine zottelige Rampensau. Seine Lesungen sind meist schon viele Wochen vorher ausverkauft. Jetzt kann man eine als Doppel-CD nachhören.

Mit "Moin, moin!" begrüßt Harry Rowohlt das Publikum seiner Göttinger Lesung. Die wurde für das Hörbuch "Rumba, Rumba, Rumba ist modern" mitgeschnitten:

"Ich sage Ihnen das, damit Sie wissen, dass, wenn Sie zu laut 'Buh' schreien, das nach dem neuesten Stand der Technik alles wieder rausgefriemelt wird."

Das schickt Harry Rowohlt, der dicke Mann mit weißem Rauschebart und Nickelbrille, vorweg. Und auch, dass er schon länger keinen Alkohol mehr trinkt. Der übermäßige Konsum, besonders gerne auch während seiner Lesungen, hat dazu geführt, dass der 66-Jährige nun eine neurologische Krankheit hat, die seine Bewegungsfähigkeit stark einschränkt. Aber selbst darüber scherzt er. Keinen Spaß versteht der Sohn des Verlagsgründers Ernst Rowohlt allerdings, wenn man meint, er selbst sei Verleger:

"Wenn ich irgendwo reinkomme, sage ich als Allererstes: Nein, ich habe nichts mit dem Rowohlt-Verlag zu tun. Nein, ich habe nicht abgenommen. Ja, ich spiele bei der 'Lindenstraße' mit. Da ist dann was für jeden Geschmack dabei. Und wenn mich jemand fragt, was man denn tun muss, um veröffentlicht zu werden - möglichst in meinem renommierten Verlag - sage ich:

Machen Sie es wie ich: Ich schreibe nur auf Bestellung und brauche mir dann um die Veröffentlichung keine Sorgen zu machen! Darauf erwidern die Autoren einer wie der andere, als hätten sie es untereinander abgesprochen: Dädädädädä!"

Übersetzer, Rezitator, Schriftsteller, Schauspieler ist Harry Rowohlt. Und ein äußerst meinungsfreudiger Kolumnist. Das Hörbuch besteht vor allem aus Kolumnen, die Rowohlt für "Die Zeit" geschrieben hat. Allerdings unterbricht er sich laufend selbst. So auch, als er über die Rechtschreibreform und das Magazin "Focus" spricht:

"Ich find' diesen Untertitel, 'Das moderne Nachrichtenmagazin', so albern. Das letzte Mal, als mir das Wort 'modern' eingeleuchtet hat, war in dem Lied (singt wie Max Raabe): Komm, lass uns einen kleinen Rumba tanzen, denn Rumba, Rumba, Rumba, Rumba ist modern … "

Selbst wenn er schief singt, hört man ihm gerne zu. Und man wartet geradezu darauf, dass ihm beim Lesen eine Assoziation kommt, eine Brücke zum Abschweifen. Denn in seinen Anekdoten ist der gebürtige Hamburger mit der voluminösen, rauchigen Stimme noch erdiger, noch komischer als in seinen ohnehin schon großartigen Kolumnen:

"Ich hab' übrigens gestern wieder einen starken Lokalpatriotismus-Schub verpasst gekriegt. Bei Edeka auf'm Eppendorfer Baum habe ich mir lange vor der Zeit, aber mir war so sommerlich, ein Capri-Eis gekauft. Und die Schlange vor der Kasse war so lang, dass ich dachte: Das Ding schmilzt. Ich ess' es schon mal.Und wenn mich die Kassenfee anschnauzt, dann halte ich ihr den abgelutschten Spatel und die Tüte vor und zahle still. Und dann ging es aber etwas schneller. Und statt mich anzuschnauzen, sagte die Kassenfee zu mir: Oller Naschbär!"

Man sieht sie vor sich, die Kassiererin. Harry Rowohlt zieht bei Lesungen alle Register seiner Stimme, scheint sämtliche deutsche Dialekte zu beherrschen und auch andere Sprachen:

"Im Hotelzimmer sehe ich mir einen der 48.000 fabelhaften Fernsehsender an, die man reinkriegt. Auf dem flämischen Kanal Eén einen britischen Krimi mit niederländischen Untertiteln: Der englische Kommissar sagt: Quite frankly, I've got to admit, I am finding it increasingly difficult to get a grasp on all this. Auf Niederländisch steht drunter: Ik pak dat niet!"

Man fasst es nicht, wie Harry Rowohlt es schafft, in keinem einzigen Augenblick seiner Live-Lesung Langeweile aufkommen zu lassen: Egal, ob er einen Witz erzählt oder eine Anekdote, eine uralte Kolumne liest oder einen Nachruf auf seinen Freund Frank McCourt. Wer beim Hörbuch "Rumba, Rumba, Rumba ist modern" nicht lacht, dem ist nicht mehr zu helfen:

""Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof fragt mich ein Mann: Haben Sie mal 80 Cent? Ich gebe ihm eine 2-Euro-Münze. Er betrachtet sie und sagt: Na gut."

Besprochen von Tobias Wenzel

Harry Rowohlt: Rumba, Rumba, Rumba ist modern. Live-Lesung in Göttingen
Kein & Aber Records 2011
2 CDs, Gesamtspieldauer: 1 Stunde 52 Minuten, 19,90 Euro

Service:
Wer Harry Rowohlt nicht nur auf einer Live-CD hören, sondern auch live vor Ort sehen und hören möchte, kann das tun: Am 11.8.2011 liest er um 19.30 Uhr in Kampen, danach unter anderem in Freiburg (13.8.) und Hamburg (23.9.). Weitere Termine finden Sie auf seiner Homepage.

Buchkritik

Moby: "Porcelain"Wie Moby ein Popstar wurde
Elektromusiker Moby bei einem Auftritt auf dem Orange Warsaw Festival in Polen. (picture alliance / dpa / Leszek Szymanski)

Ehrlich und selbstironisch erzählt Moby in seiner Autobiografie wie er Anfang der 90er-Jahre in New York zum DJ-Messias aufstieg. In "Porcelain" schreibt der weltbekannte Techno-DJ und Musiker über sein Künstlerleben in der Metropole und die Underground-Clubszene.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Reform des UrhebervertragsrechtsDavid gegen Goliath?
(Deutschlandradio / Jörg Plath)

Kreative verdienen durchschnittlich weniger als 20000 Euro brutto jährlich. Eine Novelle des Urhebervertragsrechts will nun ihre Position stärken. Bei Verlagen und interessanterweise auch bei nicht wenigen Autoren hat das Vorhaben bereits für starke Unruhe gesorgt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj