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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 25.06.2007

Napoleons Diktat

Der Frieden von Tilsit wurde zur Schmach für Preußen

Von Bernd Ulrich

Napoleon-Porträt von Horace Vernet aus dem Jahr 1815. (AP)
Napoleon-Porträt von Horace Vernet aus dem Jahr 1815. (AP)

Am 25. Juni 1807 begannen in Tilsit die Friedensverhandlungen zwischen Napoleon und Zar Alexander I. Die Verhandlungen besiegelten zugleich die verheerende Niederlage Preußens gegen die französische Armee. Reduziert auf die Hälfte seines Staatsgebiets und seiner Einwohner hatte Preußen seinen Status als Großmacht vorerst verloren.

In Höhe des kleinen ostpreußischen Städtchens Tilsit waren französische Festungspioniere damit beschäftigt, in der Mitte der Memel zwei von ihnen gezimmerte Flöße miteinander zu verbinden. Als der Morgen des 25. Juni 1807 graute, standen auch noch zwei Holzhäuser auf dem Floß, tapeziert und kostbar möbliert. So war alles bereit für Zar Alexander I. und Napoleon, den Kaiser der Franzosen, und für die Friedensverhandlungen, die hier bis zum 9. Juli 1807 geführt wurden. Es war Napoleons Idee, sich mitten auf dem Fluss zu treffen, den er als künftige Grenze zwischen seinem Machtbereich und dem Russlands im Auge hatte. Der Kaiser unternahm alles, um Russland als künftigen Partner zu gewinnen.

Der Dritte im Bunde aber, Preußen nämlich, der Verbündete des Zaren, kam in Napoleons Plänen gar nicht mehr vor und sollte von der Landkarte verschwinden. Eben jenes Preußen, das sich im Oktober 1806, nach dem Scheitern aller Diplomatie, allein der Absicht Napoleons entgegengestellt hatte, aus Europa ein französisch beherrschtes Großreich zu machen. Auch deshalb war der preußische König Friedrich Wilhelm III. den Napoleon für "beschränkt und charakterlos" hielt, zunächst nicht zu den Verhandlungen zugelassen.

Der fürstlich ausstaffierte Flusspavillon wurde zum Symbol für die tiefste Demütigung des preußischen Königreichs. Nur dem Verhandlungsgeschick Alexander I. war es zu verdanken, dass Preußen als Staat überlebte. Alte Herrscherloyalität motivierte den Zaren ebenso wie die pragmatische Absicht, zwischen Russland und dem eroberungssüchtigen Korsen einen Puffer in Gestalt Preußens beizubehalten. Doch angesichts großer Gebietsverluste war die Zukunft Preußens als kleinere Mittelmacht beschlossene Sache. Daran konnte Anfang Juli auch der berühmte Bittgang der populären preußischen Königin Luise zu Napoleon nichts ändern. Die Begegnung wurde, wie es der Historiker Hagen Schulze charakterisiert,

"zu einer Art Vergewaltigung stilisiert und tief in das preußische Selbstgefühl gesenkt. Fortan war der preußische Napoleonhass von besonderer Art, eingebunden in die Idee eines mythischen Gegensatzes zwischen französischem Satan und preußischer Madonna, untrennbar verbunden mit der Legitimation der preußischen Monarchie."

Das Schicksal Preußens schien bereits nach der verheerenden Niederlage seiner sich unbesiegbar wähnenden Armee in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt besiegelt. Doch keimte nach jenem 14. Oktober 1806 neue Hoffnung auf, als der Zar sich an die Seite Preußens und der Grande Armee entgegenstellte. Die Niederlage der Koalitionstruppen bei Friedland beendete auch dieses blutige Zwischenspiel am 13. Juni 1807.

Nach dem Frieden aber, den Napoleon in Tilsit diktierte, wurden vor allem in Preußen Dichter und Gelehrte zu wahren "Franzosenfressern". Verstörend bis heute ist der abgrundtiefe Hass, der dabei zum Vorschein kam, wie etwa in dem Gedicht "Germania an ihre Kinder" von Heinrich von Kleist, das zum Volkskrieg gegen Napoleon und die Besatzer aufrief:

"Dämmt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen
Und ihn dann die Grenze sein!
Eine Lustjagd, wie wenn Schützen
Auf die Spur dem Wolfe sitzen!
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht."

Jenseits solcher Entgleisungen bewirkten nach dem Tilsiter Frieden die preußischen Reformen das Wiedererstarken des kleinen Königreiches. Die politischen Machtverhältnisse änderten sich durch diese Revolution von oben indessen nicht. Der Befreiungskrieg gegen Napoleon wurde ab 1813 unter dynastischen Vorzeichen geführt. Alle Versprechungen eine Verfassung oder die Pressefreiheit betreffend blieben unerfüllt. So hatte während der 100-tägigen Wiederkehr Napoleons - vor seiner zweiten und endgültigen Verbannung nach Helena - der preußische König dem Volk eine Verfassung in Aussicht gestellt, mit der die "Repräsentation des Volkes" garantiert schien. Auch der alles andere als liberale Johann Wolfgang von Goethe gab in einem nachgelassenen Gedicht dem verbreiteten Unmut über die Restauration der Feudalstaaten Ausdruck:

"Gott Dank! dass uns so wohl geschah:
Der Tyrann sitzt auf Helena!
Doch ließ sich nur der eine bannen,
Wir haben jetzo hundert Tyrannen.
Die schmieden, uns gar unbequem,
Ein neues Kontinentalsystem."

Vor allem Preußen wusste die Chancen zur Veränderung, die im Frieden von Tilsit auch lagen, nicht zu nutzen.

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