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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 09.09.2012

Nanoteilchen auf dem Vormarsch

EU will Kennzeichnung von Lebensmitteln regeln

Von Udo Pollmer

Auch feinster natürlicher Zucker wäre laut geplanter EU-Definition "nano". (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)
Auch feinster natürlicher Zucker wäre laut geplanter EU-Definition "nano". (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

Unmerklich dringt die Nanotechnologie in unser Leben und macht auch vor Nahrungsmitteln nicht halt. Die Europäische Union plant umfassende rechtliche Regelungen zum Schutz des Verbrauchers – und kämpft mit Problemen bei der Definition.

Es ist schon merkwürdig: Die Nanotechnologie schreitet mit Riesenschritten voran, immer mehr Produkte enthalten Nanomaterialien und doch hört man herzlich wenig davon. Die Industrie hat offenbar aus dem Gentechnik-Desaster gelernt und hält sich diesmal lieber an das bewährte Sprichwort "Schweigen ist Gold". Da ist es zumindest tröstlich, dass die Europäische Union die Kennzeichnung von Nanomaterialien in Nahrungsmitteln regulieren will.

Die EU hat sich dabei zu einer besonders strengen Definition durchgerungen. Ich zitiere den Amtssprech der Bürokraten: Nanomaterial liegt vor, wenn "50 Prozent der Partikel in der Anzahlgrößenverteilung ein oder mehrere Außenmaße von 1 nm bis 100 nm haben". Was so präzise klingt, alarmiert die Fachwelt. Denn diese Definition ist nicht nur für den Verbraucher verwirrend sondern auch für den Experten unbrauchbar.

Wo liegt das Problem? Es spielt nach dieser Definition keine Rolle mehr, ob das Material natürlichen oder technischen Ursprungs ist. Jetzt ist alles nano, was nur klein genug ist. Und damit steckt auch in Puderzucker und Pulverkaffee Nanotechnologie. Denn sie enthalten staubfeine Zucker- und Kaffeeteilchen. Angesichts dessen will ich mir gar nicht ausmalen, was bei Hempels so alles an deklarationspflichtigem Nanostaub unterm Sofa lauert. Die geplante EU-Definition ist weniger Verbraucherschutz als eine Beschäftigungstherapie für unsere Lebensmittelüberwachung.

Die ganze Chose verdanken wir dem EU-Parlament in Straßburg. Die Abgeordneten bestanden auf einer strengen Regelung. Und die Kommission beugte sich dem Parlament. Axel Preuß, Leiter des Lebensmittel- und Veterinärinstitutes in Oldenburg bemerkte dazu resigniert: "Alle Versuche, die Kommission von einer sachgerechten Begriffsbestimmung mit Augenmaß für das tatsächlich relevante Material zu überzeugen, sind bisher gescheitert." Hoffen wir, dass vielleicht doch die Vernunft siegt.

Von dieser Regelung profitiert die Industrie. Dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Nanotechnologie und altbewährten Lebensmitteln. Wichtiger als die "Anzahlgrößenverteilung" im Pulverkaffee wären jene Nanoteilchen, die aufgrund neuartiger Eigenschaften den Speisen zugesetzt werden oder die als Schadstoffe in die Nahrungskette geraten. Hier gäbe es dringenden Handlungsbedarf! Manche Nanoteilchen reichern sich in Nahrungspflanzen an. So zum Beispiel Nano-Ceriumdioxid aus den Katalysatoren der Pkws oder Nanozink aus Sonnenmilch.

Das sind erst mal nur Einzelbefunde, die noch keine allgemeinen Aussagen erlauben. Denn für die meisten Nanomaterialien fehlen Untersuchungen über ihr Verhalten in der Umwelt. Zu allem Überfluss sind die wenigen Studien, die vorliegen, nach Angaben des Bundesinstitutes für Risikobewertung fachlich wertlos. Häufig sei nicht mal angegeben, wie klein die Teilchen wirklich waren.

Damit ist das Unwissen noch lange nicht erschöpft. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin klagt ihrerseits über eine erschreckende Unkenntnis der Unternehmen im Umgang mit Nanomaterial. Die meisten hätten nicht einmal bemerkt, dass sie längst damit hantieren. So wird denn auch der notwendige Arbeitsschutz unterlassen. Ein skandalöser Zustand, der einfach hingenommen wird.

Für jede Technik – egal ob neu oder bewährt - gilt die alte Regel: Nicht die Technik an sich ist gefährlich, sondern vor allem der gedankenlose und unqualifizierte Umgang damit. Nichts anderes gilt für den Einsatz der Nanotechnologie in Lebensmitteln. Sonst muss der Verbraucher wieder mal eine Suppe auslöffeln, die ihm andere eingebrockt haben. Mahlzeit!

Literatur:
Sifa-news.de: Gefährliche Unwissenheit: Nur wenige kennen die Risiken beim Umgang mit Nanomaterialien

BfR: Sitzung der BfR-Kommission für Bedarfsgegenstände. Protokoll vom 18. April 2012
Empfehlung der Kommission vom 18. Oktober 2011 zur Definition von Nanomaterialien 2011/696/EU; L 275/38 Amtsblatt der Europäischen Union 20.10.2011, L 275/38

Preuß A: Nanomaterial – von Pyrrhus definiert? Deutsche Lebensmittel-Rundschau 2012; 108: 49
Magnuson BA et al: A brief review oft the occurrence, use, and safety of food-related nanomaterials. Journal of Food Science 2011; 76: R126-133

Priester JH et al: Soybean susceptibility to manufactured nanomaterials with evidence for food
quality and soil fertility interruption. PNAS 2012; epub ahead of print

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