Seit 11:35 Uhr Jazz
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:35 Uhr Jazz
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 29.11.2006

Naiver Enthusiast

Wolfgang Harich wollte kein Märtyrer sein

Von Manfred Jäger

Walter Ulbricht wurde vom sowjetischen Botschafter über Harichs Memorandum informiert. (AP Archiv)
Walter Ulbricht wurde vom sowjetischen Botschafter über Harichs Memorandum informiert. (AP Archiv)

Wolfgang Harich zählte zu den schillerndsten deutschen Intellektuellen bürgerlicher Herkunft, die sich den Kommunisten anschlossen. Vor 50 Jahren wurde er in der DDR verhaftet, weil er einen geradezu tollkühnen Plan zur deutschen Wiedervereinigung verfolgt hatte.

"Ich musste mich auch nackend ausziehen, mir haben sie auch in den Hintern geguckt. Ich dachte, die nehmen an, ich hätte da noch etwas im Hintern versteckt gehabt. Über diese Sache war ich nicht besonders gekränkt, die arbeiten eben so, das sind deren Methoden auf der ganzen Welt."

Über solche Details der Verhaftung äußerte sich Wolfgang Harich erst, als es die DDR nicht mehr gab. Die Staatssicherheit nahm auch seine beiden Mitarbeiter Hertwig und Steinberger fest. Die offizielle Nachrichtenagentur ADN teilte lapidar mit, diese Personengruppe habe in Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdienststellen das Ziel verfolgt, die verfassungsmäßige Ordnung in der Deutschen Demokratischen Republik zu untergraben und zu beseitigen. Als Anführer wurde ein "Dr. Wolfgang Harich, von Beruf Lektor beim Aufbau-Verlag im demokratischen Sektor Berlins" genannt,

Das Kommuniqué sparte so die Bedeutung des Inhaftierten aus, Die interessierte "geistige Welt" in Ost und West kannte ihn als brillanten Kritiker und Publizisten; er lehrte an der Ostberliner Humboldt-Universität Philosophie und war auch Chefredakteur der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie".

1956/57 war die Parteiherrschaft in den meisten osteuropäischen Staaten in die Krise geraten, nachdem Chruschtschow auf dem XX. Parteitag in Moskau Stalins Verbrechen angeprangert hatte. Im geteilten Deutschland spielte die Wiedervereinigung damals noch eine wichtige Rolle. Harich, der deutsch-preußische Nationalkommunist aus Königsberg, bekämpfte militant den "Separatisten" Adenauer und wollte eine reformierte SED, die Ulbricht stürzte und die DDR so attraktiv gestaltete, dass zusammen mit der westdeutschen SPD ,die sich freilich "antiamerikanisch" profilieren sollte, ein einheitliches Deutschland erreichbar sei.

Der naive Enthusiast übergab sein Memorandum dem sowjetischen Botschafter Puschkin, der Ulbricht informierte. Harich traf sich mit dem "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein und besprach sich mit dem SPD-Ostbüro in Westberlin, also mit einer im Sinne der SED feindlichen Agentenzentrale. Das sensible Bürgerkind hatte begründete Angst vor der Todesstrafe.

"Die eine Möglichkeit war, die Wahrheit sagen und als Volkstribun auftreten und das Tribunal zur Szene machen. Das wäre tödlich ausgegangen. Die andere Möglichkeit war, die Wahrheit sagen und Reue zeigen. Das hat mir der Generalstaatsanwalt in der Voruntersuchung geraten. Er hat mir gesagt: Ich rate Ihnen sehr dringend, Reue zu zeigen. Das habe ich getan."

Am 9. März 1957 verurteilte das Oberste Gericht der DDR Harich zu zehn Jahren Zuchthaus, von denen er acht Jahre und zehn Monate absitzen musste, zumeist in Einzelhaft. Danach durfte er nur über entlegene historische Themen forschen und schreiben. Der bewegliche hochbegabte Intellektuelle sah darin mit Recht ein über ihn verhängtes Berufsverbot.

Der Altkommunist Walter Janka, Leiter des Aufbau-Verlags und organisatorischer Kopf der Oppositionsgruppe, wurde wenige Tage nach Harich ebenfalls verhaftet; Er hat in seinem Prozess alle Vorwürfe abgestritten und nach 1989 einen späten Streit über Mut und Feigheit vor den Tribunalen des Unrechts ausgelöst Janka hatte verinnerlicht, dass man nichts zugeben darf, bei den Nazis nicht und bei den Stalinisten nicht, ganz gleich, ob es nützt. Wolfgang Harich wollte aber kein Märtyrer und kein moralischer Sieger sein. So war er Opfer und Mittäter zugleich.

"Ich bin verhaftet worden von diesem Apparat. Alles, was ich auch nur im geringsten zu leugnen, abzustreiten, zu verharmlosen suchte, sei es in meinem eigenen Interesse, um meine Lage zu erleichtern, sei es zum Zwecke der Entlastung anderer, erwies sich als völlig sinnlos, weil alles bereits bekannt war."

Kalenderblatt

Vor 500 JahrenDas Ende der Mamluken-Herrschaft in Ägypten
Blick auf das Fort Kait Bey in Alexandria. Der Mamluken-Sultan Kait Bey ließ die dreistöckige Festung 1477 bei einem Besuch in Alexandria erbauen.  (dpa / picture-alliance / Mohamed Hamed)

Durch den Sieg über die als unbesiegbar geltenden Mongolen im Jahr 1260 schafften es die Mamluken, ein Kalifat in Ägypten zu installieren. Die ehemaligen Militärsklaven genossen hohes Ansehen bei der Bevölkerung. Doch vor 500 Jahren wurde ihr Reich vom osmanischen Heer zerschlagen.Mehr

75 Jahre Wannsee-KonferenzDie Vorbereitung des Massenmords
Das Haus der Wannsee-Konferenz (imago/McPHOTO )

Vor 75 Jahren wurde in einer Villa am Wannsee über die Vernichtung der Juden beraten. Knapp zwei Stunden dauerte die Besprechung. Ziel der Wannsee-Konferenz war es, einen Plan zur Deportation und Vernichtung der Juden aus westeuropäischen Ländern festzulegen.Mehr

75. Todestag von Walter SpiesKünstler im Paradies
Kecak (Monkey Dance), created by German artist and choreographer Walter Spies in the 1930s drawing on elements of the Hindu epic the Ramayana, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia  (imago stock&people / Luca Tettoni)

Der Maler und Komponist Walter Spies lebte und arbeitete 16 Jahre auf der indonesischen Insel Bali. Mit seinen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen revolutionierte er die balinesische Malerei und machte das Eiland in Europa und Amerika bekannt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur