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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.07.2014

Nahost-KonfliktMuslime: Mäßigung am israelkritischen Al-Quds-Tag

Nurhan Soykan vom Zentralrat distanziert sich von antisemitischen Parolen

Moderation: Liane von Billerbeck

Teilnehmer einer pro-palästinensischen Kundgebung in Berlin schwenken Palästina-Fahnen (Daniel Bockwoldt / dpa)
Zum Al Quds-Tag gehen viele Palästinenser aus Protest auf die Straße. (Daniel Bockwoldt / dpa)

Die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Nurhan Soykan, hat vor den heutigen Demonstrationen zum Al-Quds-Tag zur Mäßigung aufgerufen. Sie mahnte aber auch zu Verständnis für den Ärger über die Bombardierung von Gaza.

Liane von Billerbeck: Heute ist der Al-Quds-Tag, Al-Quds, das ist der arabische Name für Jerusalem, im Iran ein gesetzlicher Feiertag, und der wird seit 1979 Jahr für Jahr zu Massendemonstrationen gegen Israel genutzt. In vielen Ländern des Nahen Ostens, auch in Amerika und Europa, sind für heute Demonstrationen angemeldet, man fürchtet antisemitische Parolen und Ausschreitungen, auch und besonders in der deutschen Hauptstadt.

Bericht: 

Am Telefon in Köln ist jetzt Nurhan Soykan, sie ist Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Die Rechtsanwältin hat regelmäßig an den Islam-Konferenzen teilgenommen und hat sich schon bei früheren Gelegenheiten wie Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Salafisten und der Polizei für Gewaltfreiheit und gegen Selbstjustiz ausgesprochen.

Frau Soykan, schönen guten Morgen!

Nurhan Soykan: Guten Morgen!

von Billerbeck: Die Polizei in Berlin rechnet heute mit weit mehr Teilnehmern als in früheren Jahren an diesem Al-Quds-Tag. Befürchten auch Sie eine weitere Eskalation auf den Straßen?

Soykan: Ich hoffe es nicht, ich habe von einigen Demonstrationen am Samstag gehört und da haben die Veranstalter auch noch mal sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass man sich mäßigen soll und dass man eben friedlich demonstrieren soll. Und ich hoffe, dass sich die Demonstranten auch daran halten werden.

von Billerbeck: Was wissen Sie da aus Ihren muslimischen Gemeinden, was ist da geplant?

Soykan: Da sind Demonstrationen in Frankfurt und in Berlin geplant.

von Billerbeck: Nun gab es ja auch einen Hassprediger in einer Berliner Moschee, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. Wie wird der Gaza-Krieg in den muslimischen Gemeinden diskutiert?

Entsetzen über Bombardierungen in Gaza

Soykan: Natürlich mit Entsetzen, das ist wirklich eine ganz, ganz schlimme Zeit, gerade im Ramadan, wo wir uns seit über zwei Wochen täglich im Fernsehen angucken können, wie von Tag zu Tag immer mehr Leute sterben, wo Tausende von Häusern niedergebombt werden. Und das ist natürlich für uns eine sehr, sehr traurige Zeit.

von Billerbeck: Nun kann man ja die israelische Politik kritisieren, und das geschieht ja auch in Israel selbst am heftigsten. Man fragt sich aber, warum kommt Israel-Kritik so oft im Gewand des alten Antisemitismus daher?

(picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)Teilnehmer einer pro-palästinensischen Kundgebung demonstrieren am 21.07.2014 vor der Israelischen Botschaft in Berlin. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Soykan: Ja, leider ist es so, dass vieles durcheinandergeworfen wird. Wir haben uns auch immer davon distanziert, Juden allgemein anzugreifen und zu beleidigen. Aber es muss auch möglich sein, die israelische Politik genauso wie die Politik anderer Länder kritisieren zu dürfen. Da muss man wirklich eine Trennschärfe einhalten. Und man muss auch eine Gelegenheit geben vor allem den Jugendlichen und den jungen Leuten in Deutschland, die sich auf diesem Weg der Demonstration Luft machen wollen und ihren Ärger auch mal zeigen wollen, denen muss man auch die Möglichkeit geben, das äußern zu können.

Bei Jugendlichen ist da natürlich nicht so die Reife da, zu trennen und das wirklich nur auf die Politik zu beziehen, aber man sollte auch nicht so einseitig Partei für die israelische Lobby ergreifen und man muss die Jugendlichen auch ernst nehmen mit ihren Sorgen und ihrer Trauer.

von Billerbeck: Aber es sind ja teilweise - und das ist das Erstaunliche daran - immer judenfeindliche Stereotype, die uns natürlich nur an die NS-Zeit erinnern, die jetzt wiederholt werden.

Trauer über niveaulose Parolen

Soykan: Was ich da gehört habe, was da für Parolen gerufen worden sind, das hat mich auch sehr traurig gemacht, und ich finde, das schickt sich nicht. Das ist natürlich niveaulos und ich rufe heute noch mal unsere muslimischen Geschwister auf, das zu unterlassen. Sie sollen sich benehmen, wie es einem Muslim gebührt, und dazu gehört nicht, dass man Angehörige anderer Religionen beleidigt oder irgendwelche Diffamierungen vornimmt. Da sollen sie sich wirklich auf das allgemeine Benehmen konzentrieren und Zurückhaltung üben.

von Billerbeck: Nun ist ja jetzt noch der Fastenmonat Ramadan. Was meinen Sie, spielt das bei den Demonstrationen und auch bei den Emotionen der Demonstranten eine Rolle?

Soykan: Unrecht ist zu jeder Jahreszeit Unrecht. Aber natürlich ist das eine andere Sache oder wird die Wirkung der Angriffe natürlich noch mal verstärkt, wenn gerade im Ramadan - das immer schon die Zeit der Solidarität und das ist die Zeit des Friedens -, wenn gerade dort immer wieder Angriffe durchgeführt werden, wenn Moscheen bombardiert werden. Das ist genauso, wie wenn man Weihnachten Kirchen bombardieren würde. Und da kochen die Emotionen natürlich besonders hoch.

von Billerbeck: Aber die Hamas schickt ja auch Raketen im Ramadan und hält sich da also auch nicht dran.

Kritik an "Willkür der israelischen Politik"

Soykan: Ja, das wird immer als Krieg zwischen Hamas und Israel dargestellt. Ich finde, da muss man aber auch noch mal differenzieren: Das ist keine Auseinandersetzung, die jetzt vor zwei Wochen angefangen hat, die Palästinenser sind seit Jahrzehnten der Willkür der israelischen Politik ausgesetzt, sie sind von einer Besatzungsmacht ja eingekesselt, die Stromzufuhr, die Wasserzufuhr, alles hängt von der Willkür dieses Staates ab. Und da haben sich natürlich Emotionen gestaut. Und es sind viele, viele Handlungen der israelischen Politik vorangegangen, die diese Gewalt geschürt haben.

von Billerbeck: Nurhan Soykan, Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland, die am heutigen Al-Quds-Tag aber zur Mäßigung aufgerufen hat.

Soykan: Ich danke Ihnen, Frau Soykan!

von Billerbeck: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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