Seit 15:30 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:30 Uhr Tonart
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.11.2014

Nahost-KonfliktIsraels Politik verspielt die Zukunft

Vor allem der Siedlungsbau steht in der Kritik

Von Tamar Amar-Dahl

Israelische Fundamentalisten demonstrieren auf dem Tempelberg in Jerusalem (afp / Gali Tibbon)
Israelische Fundamentalisten demonstrieren auf dem Tempelberg in Jerusalem (afp / Gali Tibbon)

Israel will seinen Siedlungsbau rund um Jerusalem fortsetzen - das sorgt für Ärger, Unverständnis und Diskussionen weltweit. Im Politischen Feuilleton analysiert Historikerin Tamar Amar-Dahl die derzeitige Lage in Israel.

In Jerusalem macht sich Ratlosigkeit breit. Eine dritte "Intifada" wird das Land kaum verkraften können. Doch gerade Israels Ignoranz, nicht wirklich auf palästinensische Anliegen eingehen zu wollen, trägt zur Eskalation bei. Das Dilemma dieser Tage ist, die Proteste arabischer Jugendlicher zu stoppen versuchen, ohne sie dadurch erst recht zu befeuern.

Israels Zukunft steht auf dem Spiel

Am Ende des Jahres 2014 steht Israels Zukunft wahrlich auf dem Spiel. Je mehr die Sicherheit bröckelt, umso weniger fähig oder willig zeigt sich die politische Elite, den Konflikt mit den palästinensischen Nachbarn zu lösen.

Sie verweigert die Antwort auf eine Kernfrage. Denn es findet sich niemand in Jerusalem, der sich das Nebeneinander eines israelischen und eines palästinensischen Staates oder alternativ einen gemeinsamen bi-nationalen Staat vorstellen kann, geschweige denn sich für eine Variante einsetzen mag.

Im Gegenteil: nicht Friedensvermittler, sondern radikale, religiös motivierte nationale Kräfte haben in Knesset und Regierung an Einfluss gewonnen. Neuerdings nehmen sie den Tempelberg, die heilige Stätte der Muslime, ins Visier. Auf dem Areal selbst - und nicht nur außerhalb an dessen Sockel, an der Klagemauer - sollen Juden beten dürfen.

Rechthaben und Provokation

Längst haben sie das Projekt vorbereitet, nach den zerstörten beiden Tempeln nunmehr in unseren Tagen den dritten jüdischen zu errichten. Sie setzten auf Rechthaben und Provokation der Muslime, sind weit entfernt von jenem alten Wunsch, alle Religionen mögen sich Jerusalem und die historischen Kultstätten fair teilen.

Derweil hat die israelische Gesellschaft andere Probleme. Sie kämpft ums nackte Überleben. 40 Prozent der Bürger gelten als arm. Und auch der Mittelstand wehrt sich gegen unerträglich hohe Lebenshaltungskosten. Wer es sich leisten kann, denkt daran auszuwandern, oder tut es auch. Berlin oder andere europäische Städte sind beliebtere Wohnorte als Jerusalem, Tel Aviv oder Haifa geworden.

Spannung über Israel und der Region

Die soziale, die gesellschaftliche Debatte wird seit dem Sommer intensiver. Nichts ist geklärt. Auch nach den Militäraktionen im Gazastreifen liegt unverändert Spannung über Israel und der Region. Derweil wird der Aufwand für die Sicherheit zu einer unerträglichen Last.

Es sind nicht mehr die bekannten Friedensaktivisten, es sind die Militärs und die Leute vom Inlandsgeheimdienst, welche die Politiker ausdrücklich davor warnen, an einem symbolträchtigen Ort wie dem Jerusalemer Tempelberg zu provozieren. Besser als andere weiß die Armee, dass die Besatzungsmacht im Westjordanland längst an ihre Grenze gekommen ist.

Kompromisse finden

Der Streit um den Jerusalemer Tempelberg ist einer unter vielen während des 100-jährigen Konfliktes um Palästina. Doch er ist äußerst heikel und gefährlich, gerade weil er an die jüdische Substanz geht. Egal ob sie nun radikal, gemäßigt oder linksliberal sind, die Zionisten werden sich jetzt fragen müssen, welchen Weg ihr Projekt Israel nehmen soll und ob sie dafür bereit sind, einen Konsens untereinander und Kompromisse mit den arabischen Nachbarn zu finden.

Der eine, der anspruchsvolle Weg würde bedeuten, das Heilige Land zwischen zwei Völkern zu teilen, der andere, der erst einmal einfacher wäre es, hieße, weiter eigene Grenzpflöcke einzuschlagen und die nächste palästinensische Intifada in Kauf zu nehmen. Das wäre wie "alles oder nichts". Doch damit würden ausgerechnet Zionisten Israels Zukunft endgültig aufs Spiel setzen.

(Björn Duddeck)Die Autorin Tamar Amar-Dahl (Björn Duddeck)Tamar Amar-Dahl ist israelisch-deutsche Historikerin und assoziierte Wissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin - und Autorin der vielbeachteten Bücher: "Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist" und "Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts" (Ferdinand Schöningh Verlag).

Mehr zum Thema:

Israel - Aggressionen gegen Araber nehmen zu
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 15.11.2014)

Nahost - Viele Baustellen für Steinmeier
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.11.2014)

Nahost - Das Scheitern des israelischen Traums
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 08.11.2014)

Politisches Feuilleton

HomosexualitätIslam ist nicht gleich homophob
Ägypter, die der Homosexualität beschuldigt werden, 2001 auf dem Weg zum Gerichtsgebäude, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll. (picture-alliance / dpa / Andrew Black)

Homophobie unter Muslimen habe durchaus religiöse Gründe, räumt der Islamwissenschaftler Fabian Köhler ein. Und doch gebe es in der islamischen Welt eine Tradition gleichgeschlechtlicher Liebe, die sich nicht mit dem Klischee vom homophoben Moslem vertrage.Mehr

Europäische RusslandstrategieAbschreckung statt Anbiederei
Lufteinheiten am Himmel (Master Sgt. Nick Hodge/U.S. Air force/dpa)

Eine europäische Russlandstrategie müsse die Interessen Osteuropas berücksichtigen, auf militärische Abschreckung setzen und russische Staatpropaganda im Internet entlarven, meint der Publizist Jörg Himmelreich. Nur so komme es dann auch zu Verhandlungen mit dem Kreml.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur