Kritik / Archiv /

Nachwuchwissenschaftler diskutieren ihre Forschung

Max Brockman (Hg.): "Die Zukunftsmacher. Die Nobelpreisträger von morgen verraten, worüber sie forschen", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, 270 Seiten

Wer und was sind wir -  Wissenschaftler beleuchten diese Frage.
Wer und was sind wir - Wissenschaftler beleuchten diese Frage. (Stock.XCHNG / Miranda Knox)

18 jüngere Wissenschaftler zeigen, mit welchen Themen sich die Gesellschaft in Zukunft auseinandersetzen muss. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem Wesen des Menschen.

"What’s next?": Früher hätte man den Seufzer Zukunftsforschern überlassen – in diesem neuen Buch widmen sich 18 jüngere Wissenschaftler dieser Frage. Sie definieren damit, so der Herausgeber Max Brockman, "mit welchen Themen sich die Gesellschaft in Zukunft auseinandersetzen muss".

Nicht wenige zielen dabei mit ihrer Grundlagenforschung auch auf die lange nicht mehr gestellte, bis vor Kurzem angestaubt wirkende Frage nach dem Wesen des Menschen. Sie wollen dazu beitragen, "dass wir neu definieren, wer und was wir sind".

Scheinbar harmlose und akademisch trockene Forschungsfragen entpuppen sich dabei oft als Sprengsätze. Zum Beispiel die Frage nach der zeitlichen Verarbeitung verschiedener Komponenten eines alltäglichen Erlebnisses. Akustische, visuelle, taktile und andere Reize werden jeweils von unterschiedlichen Hirnbereichen verarbeitet, und die funktionieren nicht zeitgleich.

Wie also koordiniert unser Hirn die unterschiedlichen Komponenten, sodass die Reize als ein Ereignis wahrgenommen, gedeutet und in seiner Relevanz beurteilt werden; dass sie mit anderen Gedächtnisinhalten abgeglichen und als Muster für künftiges Handeln gespeichert werden?

Könnte es sein, dass bestimmte Störungen – Dyslexie zum Beispiel, das eingeschränkte Lesevermögen – nicht auf Defekte der Sprachfähigkeit zurückgehen, sondern auf eine gestörte zeitliche Verarbeitung? Möglicherweise werden hier akustische und visuelle Repräsentationen zeitlich nicht richtig koordiniert, vermutet der Neurologe David Eagleman.

Oder ein anderes Beispiel: Unterschiede der Sprache bedingen nachweislich unsere Denkstrukturen, betont die Linguistin Lera Boroditsky. Sprache ist nicht nur Ausdruck von Inhalt, sie hat eine Definitionsmacht. Analog dazu steuern kulturelle Wertvorstellungen und Begriffe jeweils unterschiedliche Evolutionsmuster, zeigt der Oxforder Philosoph Nick Bostrom.

Und längst haben Anthropologen den Nachweis erbracht, dass, umgekehrt, unterschiedliche biologische, etwa genetische Muster wiederum jeweils andere kulturelle und soziale Wertpräferenzen entstehen lassen.

Dass Buddhismus und Konfuzianismus sich im Osten festsetzten und das Christentum im Westen: Dies sei kein Zufall, behauptet der Neuropsychologe Matthew Lieberman – sondern eine Art bio-kognitiver Konsequenz, evolutionär gewachsen, genetisch bedingt, hormonell gesteuert durch den Botenstoff Serotonin.

Überraschend viele Forscher fordern – angesichts der wachsenden Möglichkeiten, in die Natur einzugreifen – eine bewusste Steuerung der Evolution. Experimente an Tieren zeigen, dass Menschen allein durch Änderungen eines Lebensumfelds in wenigen Generationen genetische Veränderungen bewirken können, auch ohne direkt ins Erbmaterial einzugreifen, berichtet der Biologe Brian Hare. Wünschenswerte Menschentypen werden ohnehin längst gezüchtet: Erziehung ist nichts anders als der Versuch einer solchen evolutionären Steuerung.

Zum Thema: Treffen der Nobelpreisträger in Lindau

Besprochen von Eike Gebhardt

Max Brockman (Hg.): Die Zukunftsmacher. Die Nobelpreisträger von morgen verraten, worüber sie forschen
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Mein 2010
270 Seiten, 19,95 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

SachbuchWarum alle Wege nach Rom führen

Rom und seine Prachtbauten waren beispielgebend für den Städtebau in den neu eroberten Gebieten des Imperiums. Neben den "Kopien" in den Provinzen widmet sich Paul Zanker vor allem auch der spannenden römischen Stadtgeschichte.

Science-FictionAm Wochenende nach der Apokalypse

Colson Whitehead gelingt der Science-Fiction-Kick: die mythische Überhöhung des Alltäglich-Banalen.

Das Buch von Colson Whitehead "Zone One" spielt in Manhattan. Es ist eine Kombination aus Science-Fiction und Zombie-Roman, in der alle Katastrophenszenarien vorkommen, die uns beunruhigen.

BelletristikStudien über die Sinnsuche und Sehnsüchte

Blick über eine durch Dauerfrost (Permafrost) gezeichnete Landschaft auf der zur Russland gehörenden Bolschewik Insel, während im Vordergrund noch Packeis herrscht ist im Hintergrund die Landschaft schon aufgetaut und schlammig.  

An 14 Orte und durch menschliche Seelen reist Ilma Rakusa im Roman, und trägt einiges an Träumen, Schicksalen und Verlusten zusammen. So auch eine heimatverbundene Geigenspielerin in Ungarn und hoffnungslose Russen im Dauerfrost.

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin