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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.12.2011

Nachwachsende Todesengel

Mahi Binebine: "Die Engel von Sidi Moumen", Lenos Verlag, Basel 2011, 157 Seiten

Binebines Protagonist erzählt die Geschehnisse des Romans aus der Rückschau – als Toter. (AP)
Binebines Protagonist erzählt die Geschehnisse des Romans aus der Rückschau – als Toter. (AP)

Der Roman von Mahi Binebine erzählt von den Rattenfängermethoden, mit denen fanatische Muslime in Marokko ihren Nachwuchs rekrutieren. Historischer Hintergrund von "Die Engel von Sidi Moumen" ist ein Gruppen-Selbstmordattentat in Casablanca vor mehreren Jahren.

Am 16. Dezember 2003 sprengte sich in Casablanca eine Gruppe von vierzehn Jugendlichen in die Luft. Die Selbstmordattentäter stammten alle, so Regula Renschlers instruktives Nachwort von Mahi Binebines Roman "Die Engel von Sidi Moumen", aus dem gleichnamigen Elendsviertel vor den Toren der Stadt. Das ganze Land, bis dahin unberührt vom Terrorismus, stand unter Schock.

Binebines Roman, 2010 im Original erschienen, ist ein Versuch, die zentrale Voraussetzung eines solchen Terrors zu verstehen: die Bereitschaft zu sterben. In Sidi Moumen, einer riesigen Mülldeponie, lebt auch sein Icherzähler Jaschin alias Muh. Tagsüber spielt er glücklich inmitten der Abfallberge mit seinen Freunden in der Fußballmannschaft "Etoiles des Sidi Moumen". Nachts teilt er sich mit seiner Familie zu sechst ein enges Zimmer voller Schweiß, Naphtalin und Schnarchgeräuschen. Gott, so weiß Jaschin, hat schon lange sein Antlitz von Sidi Moumen abgewandt. Doch das ändert sich, als er und seine Freunde über Jaschins Bruder Hamid die Bekanntschaft von Abu Subair machen. Abu Subair, genannt der Emir, vermittelt Jaschin und seinen Freunden erst einen Job, dann lehrt er sie den rechten Weg Gottes und Kung-Fu, und bald ist zwischen Beten und Arbeiten, Kampfsport und Indoktrination kein Platz mehr für anderes.

Binebine zeigt seinen Lesern also die subtilen Rattenfängermethoden, mit denen zukünftige Dschihadisten – und Jaschin ist einer von ihnen – angeheuert werden. Er zeigt, dass Armut einen günstigen Nährboden für den Terrorismus bilden kann, ohne ihn damit zu entschuldigen. Vor allem aber lässt er uns mit jeder Indoktrination tiefer in Jaschins Denken schlüpfen. Das erlaubt uns nachzuvollziehen, wie die Welt aussieht für eine hungrige Seele, die langsam aber sicher auf den Dschihad gepolt wird: Denn wo wir Hass sehen, fühlt Jaschin zum ersten Mal wieder Würde und Sinn.

Jaschin schildert seinen tödlich endenden Weg – er stirbt mit 18 Jahren – übrigens aus der Rückschau, also als Toter. Dieser Trick erlaubt Binebine, den Terrorismus gleichermaßen von außen wie von innen heraus zu betrachten und zu erklären. Denn Binebine – der nur gegen Ende seines von Regula Renschler überzeugend übersetzten Romans etwas zu dick aufträgt – will weder beschönigen noch verdammen. Nicht zuletzt deshalb schildert er auch die glücklichen Seiten des Lebens in Sidi Moumen. Es sind Kinder, sagt uns sein Roman, die sich nach einem normalen Leben sehnen. Kinder, die zwar zu Tätern werden, aber letztlich Opfer sind von gesellschaftlichen Missverhältnissen. Solange sich diese nicht ändern, so Binebines Warnung, werden immer neue Rekruten für die Todesengel nachwachsen.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen
Roman
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Regula Renschler
Lenos Verlag, Basel 2011
157 Seiten, 19,90 Euro

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