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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.09.2015

Nachtruhe"Wir sollten wieder in zwei Phasen schlafen"

Ernst Peter Fischer im Gespräch mit Miriam Rossius

Eine Sternschnuppe leuchtet am Nachthimmel über Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) auf. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Eine Sternschnuppe leuchtet am Nachthimmel auf. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Erst mit der Industrialisierung ist der ausgiebige Nachtschlaf zur Norm geworden. Davor schliefen die Menschen vermutlich in zwei Phasen. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer plädiert dafür, zu diesem zweiphasigen Schlaf zurückzukehren.

Der sieben- bis achtstündige Nachtschlaf erscheint uns heute als das Natürlichste der Welt. Doch in Wahrheit ist er ein recht neues Phänomen, sagt der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer.

"Die Menschen sind früher nach des Tages Arbeit, also nach der Plage, wenn es dann dunkel wurde, sagen wir mal, gegen sieben, acht Uhr, einfach ins Bett gesunken und haben dann geschlafen, aber nur eine erste Runde. Sagen wir mal, vier Stunden."

Danach habe man Zeit für das Private gehabt. "Man konnte mit seinem Nachbarn sprechen, man konnte mit seiner Frau zusammensein, man konnte zu Gott beten, also die Nachtzeit war eine große, spannende Zeit. Und dann, nach drei, vier Stunden hat man eine zweite Phase des Schlafens angegangen."

Rettet die Dunkelheit!

Er glaube, dass dieser zweiphasige Schlaf der biologischen Neigung des Menschen entspreche, sagt der Autor des Buches "Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit". Insofern wäre es möglicherweise besser, zu diesem zweiphasigen Schlaf zurückzukehren.

Überhaupt sollten wir die Dunkelheit retten, sagt Fischer.

"Denn wir lassen überall nur das Licht leuchten. Das war mal natürlich sinnvoll im Gefolge der Aufklärung, die immer dachte, alles muss erleuchtet werden, überall muss die helle Kerze der Vernunft brennen, um alles rationalisiert durchschauen zu können. Aber tatsächlich merken wir, je mehr wir die Welt erhellen, desto deutlicher treten ihre dunklen Seiten hervor. "

Ernst Peter Fischer: "Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit"
Siedler Verlag 2015, 240 Seiten, 22,99 Euro.
Erscheint am 21. September 2015


Das Interview im Wortlaut:

Miriam Rossius: Der Sommer ist vorbei, es wird wieder früher dunkel – das kann einen wehmütig machen, aber statt sich der Wehmut hinzugeben, könnte man auch das neue Buch von Ernst Peter Fischer lesen, Wissenschaftshistoriker an der Universität Heidelberg. Das Buch heißt "Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit". Es erscheint dieser Tage im Siedler-Verlag, und der Autor kündigt im Vorwort an, er wolle sich liebevoll auf diesen Lebenszustand mit Namen Nacht einlassen. Da bin ich mal gespannt. Ich grüße Sie, Herr Fischer!

Ernst Peter Fischer: Guten Tag!

Rossius: Sie schreiben auf den ersten Seiten auch, "es lohnt sich und ist ratsam, die Dunkelheit zu lieben". Ich habe mir prompt vorgestellt, wie Sie nachts am Schreibtisch sitzen – ist Ihr Buch zum großen Teil tatsächlich nachts entstanden oder dann doch am Tage?

Fischer: Nein, wieder nicht. Ich bin ein disziplinierter Schreiber, ich schreibe in den Morgenstunden, also ich sitze um halb acht am Schreibtisch bis halb zwölf. Das mache ich so wie Thomas Mann, hab ich ein großes Vorbild, da ist die beste Zeit des Schreibens, weil: am Tage die Plage, in der Nacht die Lust. Das Schreiben ist zwar sehr fröhlich und erheitert mich auch und macht mir viel Vergnügen, aber das, was man Lust nennt und was die Nacht bringt, ist was anderes. Also Schreiben ist ja Disziplin, ist Arbeit, und das macht man morgens, und dann wartet man darauf, dass der Tag vergeht, und bereitet sich auf die Nacht vor.

Das Schwarz des Nachthimmels ist eigentlich bunt

Rossius: Sie beginnen Ihr Buch mit der Farbe der Nacht. Da denkt der Laie wahrscheinlich, ja, ziemlich klar, die Farbe der Nacht ist Schwarz. Aber so einfach ist das nicht mit dem Schwarz. Sie stellen nämlich die Frage: Was sehen wir mit der Dunkelheit eigentlich, eine Farbe oder nur nichts. Sagen Sie es uns!

Fischer: Das ist eine nette Frage. Wenn Sie jemanden, der nie über Farben besonders nachgedacht hat, obwohl er sie sehr liebt, fragen, was Schwarz ist, dann sagen sie, das ist kein Licht. Das ist natürlich nicht wahr. Kein Licht ist was anderes als Schwarz. Schwarz ist eine raffinierte Farbe, und es gibt verschiedene Formen von Schwarz. Also zum Beispiel das Schwarz des Himmels ist gar kein Schwarz, sondern es ist höchst bunt, Ihre Augen sind nur nicht in der Lage, alle diese vielen grünen, roten und blauen Farben, die da zu sehen sind, auszumachen, weil wir ein anderes Farbsystem in der Nacht nutzen. Tatsächlich ist der Himmel bunt, nur unsere Biologie macht daraus Schwarz, und das Schwarz ist insgesamt eine sehr komplizierte Konstruktion für das Gehirn. Wo immer Sie hinschauen, wenn Sie das Schwarze sehen, sehen Sie, dass da noch was hinter oder in dem Schwarzen stecken muss, und danach suchen wir automatisch, wenn wir das Schwarze sehen. Insofern ist das Schwarze, die Dunkelheit, die Nacht etwas, was unmittelbar erregt und zum Nachdenken und zum Erleben Anlass gibt.

"Die Nachtzeit war eine große, spannende Zeit"

Rossius: Also Schwarz ist ganz anders, als wir vielleicht denken. Auch was unseren Körper angeht, ist die Nacht ja anders als der Tag, also da passieren im Körper tatsächlich Dinge, die nur im Dunkeln, ohne Licht passieren können. Melatonin zum Beispiel, dieses Nachthormon, wird nur im Dunkeln produziert, da stellen sich Körperfunktionen um auf den Ruherhythmus, das beschreiben Sie. Was ich interessant fand, dass trotz dieser ja eigentlich lebenswichtigen Prozesse der Körper möglicherweise gar nicht dafür geschaffen ist, die ganze Nacht durchzuschlafen, das machen wir erst seit der industriellen Revolution. Was hat die Forschung da herausgefunden?

Fischer: Die soziologische oder die historische Forschung hat bemerkt, dass die Nacht zweiphasig ist. Die Menschen sind früher nach des Tages Arbeit, also nach der Plage, wenn es dann dunkel wurde, sagen wir mal gegen sieben, acht Uhr, einfach ins Bett gesunken und haben dann geschlafen, aber nur eine erste Runde, sagen wir mal vier Stunden. Dann war es elf Uhr, und dann hatte man genug Zeit für das Private. Das Private ist ja das Nichtöffentliche, und das Nichtöffentliche konnte unter der Decke in einem Zimmer stattfinden, man konnte mit seinem Nachbarn sprechen, man konnte mit seiner Frau zusammen sein, man konnte zu Gott beten. Also die Nachtzeit war eine große, spannende Zeit. Und dann so nach drei, vier Stunden hat man eine zweite Phase des Schlafens angegangen, und ich persönlich glaube, dass unsere Neigung eher auch danach liegt, zweiphasig zu schlafen. Ich denke deswegen, dass viele Leute, die Schwierigkeiten haben durchzuschlafen, da eine ganz konkrete biologische Schwierigkeit spüren. Es wäre vielleicht besser, wir würden zweiphasig schlafen – das heißt, man schaltet den Fernsehapparat gar nicht erst an, geht erst mal schlafen, schläft bis elf Uhr, und dann ist man ausgeschlafen und kann eine Menge Sachen machen.

"Wir sollten die Dunkelheit lieben"

Rossius: Schaltet aber nicht den Fernseher an, sondern das persönliche Leben, wie Sie es gerade beschrieben haben.

Fischer: Ja, man schaltet einfach den Fernseher aus und geht einfach in die Dunkelheit. Die Dunkelheit ist dann da, und man lebt in der Dunkelheit. Das meiste von uns ist ein Erleben aus der Dunkelheit, in der Dunkelheit. Wir stammen aus der Dunkelheit, wir kommen aus der Dunkelheit, wir gehen in die Dunkelheit, wir sollten die Dunkelheit lieben. "Ich liebe die Nächte", hat Rilke geschrieben, und er hat recht dabei.

Rossius: Nun haben wir ja die Nacht oder sagen wir die Dunkelheit in vielen Teilen der Welt schon fast verloren. Mit welchen Folgen? Sollten wir uns heutzutage weniger vor der Nacht fürchten als vielleicht vor dem Verlust der Dunkelheit?

Fischer: Ja, ich denke schon. Die Nacht ist ja auch ein Erlebnis. Ich denke, eine Generation, die aufwächst, ohne jemals den Sternenhimmel gesehen zu haben, ohne das Erlebnis dieser glänzenden, wunderbaren Milchstraße, dass die ärmer werden. Menschen sind primär ästhetische Wesen, sie brauchen für ihren sozusagen moralischen Haushalt ästhetische Erfahrungen, und wenn man ihnen eine grundlegende ästhetische Erfahrung, nämlich die des Nachthimmels, nimmt, dann kann das mit den Menschen nicht besser werden.

Um uns herum finden wir nur Dunkelheit

Insofern bin ich sehr dafür, dass wir versuchen, die Dunkelheit zu retten, denn wir lassen überall nur das Licht leuchten. Das war mal natürlich sinnvoll im Gefolge der Aufklärung, die immer dachte, alles muss erleuchtet werden, überall muss die helle Kerze der Vernunft brennen, um alles rationalisiert durchschauen zu können, aber tatsächlich merken wir, je mehr wir die Welt erhellen, desto deutlicher treten ihre dunklen Seiten hervor. Und wenn Sie das erlauben, wenn wir heute in die Welt schauen, in das Weltall schauen, dann sehen wir vor allen Dingen dunkle Energie und dunkle Materie, das heißt, wir sehen seit über 2000 Jahren um uns herum, und das Einzige, was wir finden, ist die Dunkelheit, aus der wir stammen.

Rossius: Ein Plädoyer, diese Dunkelheit ernster zu nehmen, mehr drauf zu schauen: Ernst Peter Fischer. "Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit", so heißt sein neues Buch, erschienen im Siedler-Verlag, die 240 Seiten kosten 22,99 Euro. Vielen Dank, Herr Fischer!

Fischer: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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