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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.11.2012

"Nachspiel" mit Nachspiel

Gespräch über Jürgen Klopps Seitenlinienmeckereien und über ihn als Vorbild für den Umgang mit Schiedsrichtern

Moderation Jörg Degenhardt

Selten nett zum Schiedsrichter - Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp (AP)
Selten nett zum Schiedsrichter - Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp (AP)

Es ist ein Streit um Vorbilder im Fußball und um den Umgang mit den Unparteiischen: In der Sendung "Nachspiel" hatte der DFB-Schiedsrichter-Funktionär Lutz Michael Fröhlich das Verhalten von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp kritisiert und so eine Debatte ausgelöst. Wolf-Sören Treusch, Autor der Sendung, im Gespräch über den Streit um Klopps Verhalten und über Gewalt gegen Schiedsrichter.

Jörg Degenhardt: Jürgen Klopp ist ein erfolgreicher Trainer, auch am Wochenende ging seine Mannschaft, ging der Deutsche Meister und Pokalsieger Borussia Dortmund in Mainz als Sieger vom Platz. Dennoch hatte dieses Wochenende, hatte dieser Bundesliga-Spieltag für ihn auch eine unangenehme Seite. Und an dieser Stelle kommt eine Sendung aus unserem Programm ins Spiel: DFB-Schiedsrichterfunktionär Lutz-Michael Fröhlich hatte in unserer Reihe "Nachspiel" Klopps aufbrausende Art an der Seitenlinie in Verbindung mit Ausschreitungen im Amateurfußball gebracht. Hier die Kritik, die bei uns bereits am 18. November gelaufen ist:

O-Ton Lutz-Michael Fröhlich: Auch wenn der Trainer Klopp sich hinterher dann immer hinstellt und sagt: "Tut mir leid und ich habe mich total daneben benommen, wenn ich die Bilder sehe, kann ich gar nicht verstehen … " und "Sorry noch mal für alles.": Am Ende ist es so: Es bleibt immer irgendwo ein bisschen was hängen. Das Verhalten, was da an den Tag gelegt wird, zum Teil hat so ein aggressives Potenzial, dass daraus gewaltsame Exzesse an der Basis durchaus erwachsen können.

Degenhardt: Im Studio begrüße ich jetzt den Autor der Sendung "Beschimpft und bedroht. Deutschlands Fußballschiedsrichter - die Pfeifen der Nation?", Wolf-Sören Treusch. Herr Treusch, Sie haben mit Fröhlich gesprochen, der hat jetzt seine Kritik relativiert. Zitat: "Der Kontext meiner Äußerungen wird leider völlig außen vor gelassen. Es ging mir um eine grundsätzliche Sensibilisierung für dieses Thema, denn das hat Einfluss auf die Arbeit der Schiedsrichter in allen Bereichen des Fußballs." - Um was ging es denn genau in Ihrer Sendung, was war der Kontext?

Wolf-Sören Treusch: Der Kontext seiner Äußerungen, das waren, das sind die vielen tätlichen Übergriffe, Beleidigungen und Pöbeleien, denen sich die Schiedsrichter auf deutschen Fußballplätzen seit geraumer Zeit ausgesetzt sehen. Zum einen in der Bundesliga - ich erinnere an die skandalösen Umstände des Relegationsspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC vor einem halben Jahr -, vor allem aber im Bereich des Amateurfußballs. Dort sind Spielabbrüche inzwischen an der Tagesordnung. Im Raum Duisburg vor einem Jahr, im Fußballkreis Darmstadt gerade erst an diesem Wochenende boykottierten Schiedsrichter in den Kreisligen komplette Spieltage. In Berlin ist ein Schiedsrichter vor einem Jahr nach einer Attacke eines Spielers fast zu Tode gekommen und in Bayern haben soeben mehrere Schiedsrichter die Pfeife wegen derartiger Übergriffe an den Nagel gehängt. Und in diesem Kontext hat sich Lutz Fröhlich gegenüber Deutschlandradio Kultur geäußert und er hat dabei auf die Vorbildfunktion hingewiesen, die die Trainer in ihrem Verhalten gegenüber Schiedsrichtern haben. Alle Trainer, nicht nur Jürgen Klopp, aber eben auch der.

O-Ton Lutz-Michael Fröhlich: Mit dieser Vorbildfunktion wird so ein bisschen verantwortungslos dann umgegangen an der Stelle, weil, das strahlt aus. Andere Fußballbegeisterte, die gucken sich das an, wie ein Trainer Klopp reagiert, wie Trainer allgemein reagieren, die sagen: "Mensch, der hat Erfolg noch damit, weil, die Mannschaft ist Meister, das ist ja toll." Und dann setzen sie ein solches Verhalten dann eben doch in ihrem Bereich ein. Und meistens aber nicht so kontrolliert. Also, das ist ja noch vergleichsweise sehr kontrolliert. Denn da gibt es ja noch, Gott sei Dank, keine gewaltsamen Exzesse.

Degenhardt: Auch gegenüber der "Bild"-Zeitung hat Fröhlich seine Aussage noch einmal wiederholt. Gestern am späten Nachmittag dann die Relativierung. Jetzt ist von einem Friedensgipfel, von Friedensgesprächen die Rede. Auch eine Folge der heftigen Reaktionen aus der Bundesliga am Wochenende?

Treusch: Möglich. Der Sturm der öffentlichen Entrüstung war aber auch, muss man sagen, ein lokal begrenzter, logischerweise. Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund haben sich natürlich sehr aufgeregt, zum Beispiel Sportdirektor Michael Zorc:

O-Ton Michael Zorc: Ich finde zum einen den Zeitpunkt komplett daneben, in der Sache ist es fast ungeheuerlich, dass da Birnen mit Äpfeln verglichen werden. Natürlich wissen wir, dass Jürgen sehr emotional ist und auch sicherlich das eine oder andere Mal über das Ziel hinausschießt. Aber das dann zu vergleichen mit Gewaltorgien, also, das ist die unterste aller Schubladen, das ist Polemik und das können wir nur aufs Schärfste zurückweisen.

Treusch: Jürgen Klopp selbst, der gab sich übrigens eher kleinlaut: Schön sei es nicht, wenn der eigene Namen in diesem Zusammenhang falle, sagte er, aber viel mehr an Protest kam von ihm nicht. Es sei zwar schade, dass Lutz Fröhlich ihn nicht direkt angesprochen habe, aber er wolle sich nun erst einmal anhören, wer wann was und in welchem Zusammenhang gesagt habe. Rückendeckung für ihn gab es auch noch von Bundestrainer Joachim Löw: Natürlich müssten die Trainer auch mal ihre Gefühle loswerden, sagte Löw, das sei auch völlig in Ordnung. Das haben alle Schiedsrichter, mit denen ich im Laufe meiner Recherche gesprochen habe, bestätigt, aber der Ton macht halt die Musik. Und manches Mal ist der Ton eben zu scharf.

Degenhardt: Schön wäre es ja, wenn jetzt beide Seiten tatsächlich in ein Gespräch hineinfänden, dann hätte Ihre Sendung noch etwas Zusätzliches bewirkt. Haben Sie denn noch einmal probiert, Lutz Fröhlich zu erreichen?

Treusch: Selbstverständlich, aber keine Chance! Lutz Fröhlich und auch andere gingen gestern auf Tauchstation, außer der dünnen Presseerklärung über den DFB kam nichts. Darin teilte Lutz Fröhlich übrigens mit, dass er die entstandenen Irritationen in einem persönlichen Gespräch ausräumen wolle. Man darf davon ausgehen, dass die beiden, also Fröhlich und Klopp, sich demnächst an einen Tisch setzen werden. Aber es bleibt die Frage, ob sich denn letztendlich an dem Grundproblem etwas ändern wird: Werden Trainer, Spieler, Zuschauer unten an der Basis, dort wo jedes Wochenende irgendwo in Deutschland etwas passiert, wo die Schiedsrichter alleine sind, keine Assistenten haben, werden da die Leute friedfertiger? Lutz Fröhlich gab mir daraufhin im Interview, das ich mit ihm für Deutschlandradio Kultur führte, eine eher ernüchternde Antwort:

O-Ton Fröhlich: Schwierig, ganz schwierig. Wie soll man da was machen? Sie sehen mich da einigermaßen ratlos. Also, jeden bestrafen, ausschließen, Exempel statuieren, ich weiß es nicht, ehrlich gesagt.

Degenhardt: "Beschimpft und bedroht. Deutschlands Fußballschiedsrichter - die Pfeifen der Nation?", eine Sendung, die doch für ein gewisses Aufsehen gesorgt hat. Ich sprach mit dem Autor Wolf-Sören Treusch und Sie können die Sendung nachlesen und nachhören auf unserer Website unter www.dradio.de.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links auf dradio.de:

Beschimpft und bedroht Deutschlands Fußball-Schiedsrichter - die Pfeifen der Nation?

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Beschimpft und bedroht

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