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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.10.2012

Nachsitzen für die Bildungspolitiker

Jutta Allmendinger: "Schulaufgaben", Pantheon Verlag, München 2012, 304 Seiten

Ohne guten familiären Hintergrund haben es Schüler schwer.
Ohne guten familiären Hintergrund haben es Schüler schwer. (picture alliance / dpa / Regis Duvignau)

Aufs Gymnasium? Bei den Eltern kein Problem! Wer es im deutschen Bildungssystem "schafft" und wer nicht, das hängt immer stärker vom sozialen Hintergrund ab. Um das zu ändern, schreibt die Bildungssoziologin Jutta Allmendinger der Politik ein paar konkrete "Schulaufgaben" ins Heft.

Ohne Larmoyanz oder Lehrer-Bashing, dafür mit anschaulichen und mit guten Argumenten. Ihr Sachbuch hat Hauptfiguren - vier echte Kinder aus ihrer Umgebung.

Alex hat schlechte Noten. Doch als es um die Schulempfehlung geht, sagt der Lehrer ganz offen: "Du kannst aufs Gymnasium. Bei den Eltern wird das schon." Alex Eltern sind wohlhabende Architekten. Seine Patentante ist die Autorin Jutta Allmendinger. Was sie persönlich für Alex freut, lässt sie beruflich nicht mehr los: Warum bekommt der Junge die Gymnasialempfehlung und Erkan, sein Freund aus Kita-Tagen, nur eine für die Realschule? Denn Erkans Zensuren sind besser als die von Alex.

Vier Kinder und ihre Bildungswege sind der rote Faden des Buchs: Architektensohn Alex, Erkan, Sohn türkischer Einwanderer, Jenny, deren alleinerziehende Mutter Hartz IV bekommt und Laura, leicht geistig behindert. Jutta Allmendinger hat die vier von der Kita bis zur Volljährigkeit begleitet - fast eine private Langzeitstudie.

Was sie dabei beobachtet, stellt sie auf die soliden Füße wissenschaftlicher Recherche. Die geht von den Klassikern bis zur neuesten Studie. Angeregt vom Gedanken des Soziologen Pierre Bourdieu, dass Kinder sehr früh den "Habitus" ihrer sozialen Schicht übernehmen, fragt Allmendinger, wie eine frühe schulische Selektion das kindliche Selbstbild prägt. Vom Bildungsforscher Jürgen Baumert übernimmt sie eine Auswertung der PISA-Daten, die klar zeigt: Bei gleichen Fähigkeiten bekommen Kinder der Oberschicht fast dreimal so häufig die Gymnasialempfehlung wie Kinder aus schlechter gestellten Familien. Das gegliederte Schulsystem würde Allmendinger ohnehin lieber abschaffen. Aber nur, wenn auch genug Geld und Betreuung für hochwertiges gemeinsames Lernen da ist. Und sie sagt deutlich: In einer komplexen Gesellschaft wie heute muss die Schule auch Werte vermitteln.

Jutta Allmendinger ignoriert aber auch die Probleme von Kindern ehrgeiziger Eltern nicht. Und dass Lehrer oft voreingenommen in ihren Schulempfehlungen sind, ist für die Autorin kein Grund, auf die Pädagogen einzuschlagen. Viel lieber entwickelt sie Ideen, wie deren Ausbildung verbessert werden könnte - und das System, in dem sie später arbeiten: So dürften Lehrer nicht nur ihre eigene Schulform kennen, außerdem sollten sich Schulen, Jugendämter und Jobcenter stärker vernetzen. Ein respektvolles, fundiertes und berührendes Sachbuch.

Besprochen von Doris Anselm

Jutta Allmendinger: Schulaufgaben. Wie wir das Bildungssystem verändern müssen, um unseren Kindern gerecht zu werden
Pantheon Verlag, München 2012
304 Seiten, 14,99 Euro