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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.12.2011

"Nachfolgekämpfe" in Nordkorea sind wahrscheinlich

Experte aus Seoul erwartet eine Übergangsphase und sieht die Chance für Reformen

Bernhard Seliger im Gespräch mit André Hatting

Kim Jong II (l.) mit seinem Sohn Kim Jong Un, Nordkorea (AP)
Kim Jong II (l.) mit seinem Sohn Kim Jong Un, Nordkorea (AP)

Die Nachfolge von Kim Jong Il ist offenbar keineswegs geklärt. Der zum künftigen Staatschef von Nordkorea bestimmte Kim Jong Un habe viel geringeren Rückhalt als sein Vater bei dessen Machtantritt, sagte der Leiter des Korea-Büros der Hanns-Seidel-Stiftung, Bernhard Seliger.

André Hatting: Seine Spitznamen in der westlichen Welt sind wenig schmeichelhaft: Dr. Seltsam, Zombie, oder der Verrückte mit der Bombe. Gemeint ist Kim Jong Il, Nordkoreas Staatschef. – Ehemaliger Staatschef, muss es jetzt heißen, denn wie das amtliche Fernsehen aus Pjöngjang am Morgen mitteilte, starb Kim am Samstag im Alter von 69 Jahren. – Am Telefon ist jetzt Bernhard Seliger, er leitet seit 13 Jahren das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul. Guten Morgen, Herr Seliger.

Bernhard Seliger: Guten Morgen.

Hatting: Südkorea, so war zu lesen, hat seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Ist die Stimmung in der Bevölkerung ähnlich nervös?

Seliger: Die Stimmung ist eigentlich sehr ruhig hier. Als 1994 Kim Il Sung gestorben ist, da kam es zu Hamsterkäufen und einer großen Nervosität. Jetzt ist davon nichts zu bemerken. Allein der Aktienindex ist etwas gefallen, das ist so eine Überreaktion der Finanzmärkte. Sonst aber ist die Stimmung sehr ruhig in Seoul.

Hatting: Über Nordkorea wissen wir eigentlich nur das, was uns die Staatsagenturen mitteilen. Herr Seliger, Sie waren an die hundert Mal im Nachbarland Nordkorea, Sie kennen das Land also aus eigener Anschauung. War für die Menschen dort Kim Jong Il wirklich der geliebte Führer?

Seliger: Das ist sehr schwer zu beantworten. Die offizielle Propaganda hat ihn zum geliebten Führer gemacht und so musste jeder Mensch dieser Propaganda folgen, denn wie wohl in keinem anderen Land der Welt war eine Trennung von Privatleben und offizieller Propaganda nicht möglich. In jedem Zimmer, in jedem Privathaus hängen die Bilder von Kim Jong Il und seinem Vater und eine Trennung war selbst in der engsten Familie nicht möglich. Das wäre auch zu gefährlich gewesen. Insofern war er der geliebte Führer. Gleichzeitig hatte jeder Nordkoreaner aber, man könnte sagen, eine zweite Persönlichkeit, die natürlich die ganzen Probleme des Landes wie die schlechte wirtschaftliche Situation, die politische Repression bemerkt, und dort wird sicherlich das Bild der Führung ganz anders gesehen.

Hatting: Hatten Sie auch mal die Chance, an diese zweite Persönlichkeit heranzukommen?

Seliger: Eigentlich nicht, denn wenn man als Gast in Nordkorea ist, wird man sehr gut betreut, andere Leute würden sagen bewacht, und man hat keine Möglichkeit, mit Privatleuten oder in privater Form Gespräche zu führen. Es gilt auch immer dort dann das Prinzip, dass mindestens zwei Nordkoreaner mit einem zusammen sind. Dennoch weiß man natürlich zum Beispiel aus der Zunahme der Flüchtlingsbewegung, dass es sehr viele Probleme und sehr viel Unzufriedenheit gibt.

Hatting: Wie schätzen Sie die Folgen ein, die der Tod Kims für das Land hat? Gibt es möglicherweise eine Chance für Reformen oder geht es jetzt einfach so weiter wie bisher?

Seliger: Eine Chance für Reformen gibt es sicherlich. Allerdings wird zunächst eine Übergangsphase da sein. Es gibt ja einen Nachfolger, den jüngsten Sohn Kim Jong Un, der schon seit zwei Jahren als Nachfolger propagiert wird. Ob dieser sich aber durchsetzen kann, ist sehr unwahrscheinlich, da er eben sehr jung ist – er ist jetzt ungefähr 28 Jahre alt – und man nicht weiß, ob er genug Gefolgschaft in der Armee, in der Partei und in der Regierung finden wird. Es könnte also gut sein, dass es wie in China nach dem Tod Maos zu Nachfolgekämpfen kommt und danach zu einer Phase, die hoffentlich dann zu Reformen führt, in welcher Form auch immer: in Form eines Eingreifens Chinas, vielleicht einer von oben verordneten militärischen Reform, oder in Form eines vom Volk getragenen Reformprozesses. Das ist noch nicht abzusehen.

Hatting: Zumindest die amtliche Agentur hat Kim Jong Un schon mal als "großartigen" Nachfolger bezeichnet. Wie muss man das werten? Ist das schon der Ritterschlag, oder ist es, wie Sie gesagt haben, trotzdem noch ungewiss, weil einfach nicht klar ist, wie viel Rückhalt er hat?

Seliger: Der Ritterschlag ist schon vorher ja erfolgt, im Grunde im letzten Jahr mit dem Parteitag, als dieser damals 27-Jährige auch zum Vier-Sterne-General befördert wurde, zum stellvertretenden Leiter der Militärkommission der Partei. Aber dieser Ritterschlag alleine reicht eben nicht. Er muss sich jetzt sozusagen bewähren im bürokratischen Kampf im Alltag, und wie gesagt: da muss man sagen, dass der Vater Kim Jong Il 30 Jahre lang in der Partei gearbeitet hat, bevor er schließlich zum Führer wurde, davon 15 Jahre schon als offizieller Nachfolger. Bei Kim Jong Un, seinem Sohn, ist das eben so, dass er seit zwei Jahren vorgesehen ist als Führer und vorbereitet wird, also dort überhaupt kein Vergleich ist, und man einfach damit rechnen muss, dass sein Rückhalt viel, viel geringer ist.

Hatting: Wäre er ein "guter" Nachfolger oder würde seine Unerfahrenheit eher eine Gefahr darstellen?

Seliger: Das ist kaum zu beantworten. All das, was wir jetzt wissen, ist, dass er der Linie des Vaters gefolgt ist und auch so ähnlich wie sein Vater versucht hat, seine Stellung zu befestigen mit Taten, die im Ausland eher mit Abscheu gesehen wurden, wie der Artilleriebeschuss auf die Insel Yongpyong, bei der ja vier Südkoreaner im letzten Jahr zu Tode gekommen sind. Ob er aber als Einzelherrscher oder Alleinherrscher, wenn er sich denn durchsetzt, eine andere Haltung einnehmen würde, ist sehr schwer einzuschätzen jetzt.

Hatting: Das war Bernhard Seliger, er leitet das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul. Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Seliger.

Seliger: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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