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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.05.2015

Nach Erdbeben in Nepal Hoffnung auf Wiederaufbau der Tempel in Kathmandu

Christian Manhart im Gespräch mit Ute Welty

Zu sehen ist nur noch der Rumpf des Turms und Stufen, die dorthin führen, drumherum weitere eingestürzte Gebäude und Menschen. (picture alliance / dpa / Narendra Shrestha)
Der eingestürzte Turm Dharahara in Nepals Hauptstadt Kathmandu, auch Bhimsen Tower genannt (picture alliance / dpa / Narendra Shrestha)

Trotz der großen Erdbebenschäden in Nepal zeigt sich der Unesco-Vertreter Christian Manhart optimistisch, dass viele der zerstörten Tempel wieder aufgebaut werden können. Die Kosten dürften allerdings weit in die Millionen Euro gehen.

Zahlreiche Skulpturen und geschnitzte Holzbalken seien gerettet worden, sagte Manhart im Deutschlandradio Kultur. Es gebe gute Dokumentationen der historischen Bauten im Kathmandu-Tal. Experten hätten inzwischen einen ziemlich genauen Überblick über die Schäden in Kathmandu und Umgebung. Außerdem habe ein erstes Koordinierungstreffen von Architekten, Archäologen und anderen Spezialisten stattgefunden. Es werde jetzt eine Datenbank angelegt.

Wiederaufbau nach Erdbeben 1934

"Wir haben jede Menge Leute und auch sehr viel guten Willen hier", sagte Manhart. Der Archäologe erinnerte daran, dass Kathmandu schon immer eine Erdbebenzone gewesen sei. Es habe 1934 ein sehr viel stärkeres Erdbeben gegeben. "Damals ist auch ein Großteil der Tempel wieder aufgebaut worden", sagte er. Es seien jetzt sehr viele Ziegelmauern eingestürzt. "Aber sehr viele architektonische Teile sind relativ gut erhalten noch da und die können wieder verwendet werden." Deshalb sei er optimistisch.

Baufällige Tempel haben Priorität

Es gebe aber bislang noch keine Aufstellung der anfallenden Kosten für den Wiederaufbau. Die Experten erstellten eine Prioritätenliste der Bauten, die nach dem Erdbeben baufällig seien. Diese müssten gesichert werden, um nicht weiter einzustürzen. "Das wird sicher in die zig Millionen, vielleicht sogar Hunderte von Millionen Euro gehen, weil die Anzahl der Tempel einfach so groß ist", sagte Manhart.


 

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Ja, es gibt sie, die guten Nachrichten im nepalesischen Chaos. So sind fünf Tage nach dem Erdbeben zwei Menschen aus den Trümmern in Kathmandu gerettet worden, und die Spendenbereitschaft der Deutschen für Nepal ist groß. Allein beim Bündnis „Deutschland Hilft" sind bislang mehr als vier Millionen Euro an Spenden eingegangen. Geld wird es noch auf lange Sicht brauchen für die sofortige Hilfe und für den nachhaltigen Wiederaufbau. Auch Stätten des Weltkulturerbes sind durch das Beben zerstört worden. Die Unesco hat mit einer Bestandsaufnahme der Schäden begonnen und dafür verantwortlich zeichnet Direktor Christian Manhart, den ich jetzt in Kathmandu begrüße. Guten Morgen!

Christian Manhart: Ja, guten Tag!

Welty: Sie haben Anfang der Woche hier in Deutschlandradio Kultur sehr drastisch geschildert, wie groß das Ausmaß der Zerstörung ist. Inwieweit konnten Sie sich im Verlauf der Woche einen genaueren Überblick verschaffen?

Manhart: Ja, wir haben jetzt einen ziemlich genauen Überblick über die Schäden zumindest hier in Kathmandu und im Kathmandu-Tal, weil relativ viele Teams von Experten, die bereits hier vor Ort sind, aber dann auch Experten von außerhalb, daran teilgenommen haben. Und wir konnten ein erstes Heritage-Koordinierungsmeeting organisieren, in dem wir all diese Spezialisten zusammengebracht haben, unsere Informationen ausgetauscht haben. Wir sind jetzt dabei, eine große Datenbasis anzulegen über die Schäden und eine zweite Datenbank über die verschiedenen Initiativen hier im Bereich von Kulturerbe. Und wir werden jetzt auch eine Prioritätsliste anlegen von den Monumenten, die noch stehen, aber kurz vorm Einstürzen sind, also die ganz dringend Konsolidierung benötigen.

Erstes Expertentreffen

Welty: Wer ist zu diesem Meeting zusammengekommen und worauf hat man sich verständigen können?

Manhart: Wir hatten zum Teil Architekten und Ingenieure, die hier arbeiten, dann auch die nepalesische Denkmalschutzbehörde, den Internationalen Rat für Monumente und Stätten (Icomos) und andere lokale Organisationen. Wir hatten auch die Manager der verschiedenen Welterbestätten fast alle zugegen. Und zum Beispiel zwei französische Architekten, die im Urlaub hier waren und kurzerhand entschlossen haben, uns zu helfen, ein Archäologe, der auch mit teilnimmt an der Bestandsaufnahme, der beschlossen hat, hier in Kathmandu zu bleiben, der für eine andere Forschungsarbeit hier war, mit der er eigentlich fertig war, aber jetzt noch hier bleibt. Also, wir haben jede Menge Leute und auch sehr viel guten Willen hier.

Welty: Wie muss ich mir diese Bestandsaufnahme praktisch vorstellen? Gehen Sie durch die Stadt und machen Sie Fotos oder vermessen Sie etwas?

Manhart: Wir sind noch nicht beim Vermessen. Wir machen nur erst mal einfach eine Textbeschreibung, welcher Tempel in welchem Zustand ist, und dann nehmen wir dazu Fotos. Und haben bis jetzt in ein ganz einfaches Dokument bei uns hier alles gespeichert. Das wird aber jetzt alles viel zu viel. Und haben deswegen beschlossen, das in eine Datenbank einzugeben, die wir Anfang nächster Woche hier installieren werden. Und da können die ganzen ??? direkt von ihrem Smartphone die Informationen auf unsere Datenbank eingeben, und wir überprüfen die dann hier kurz und schalten die frei.

Tausende von Tempeln betroffen

Welty: Alleine im Teil von Kathmandu befinden sich ja sieben Stätten des Weltkulturerbes, was natürlich für Aufmerksamkeit sorgt. Bedeutet diese Aufmerksamkeit auch eine Art Hoffnungsschimmer dahingehend, dass der Wiederaufbau in Nepal besser läuft als zum Beispiel in Haiti? Dort sitzt man ja auch fünf Jahre nach dem dortigen Beben zum Teil immer noch auf den Trümmern.

Manhart: Ja, also, die Arbeitsleistung für den Aufbau ist natürlich in Nepal ungleich höher als in Haiti. Weil also in Nepal Unmengen von Tempeln ... Also, es gibt, Sie sagten ja, sieben Welterbestätten, die alle relativ groß sind, und dann gibt es aber Hunderte von Tempeln, oder vielleicht sogar Tausende von Tempeln in Kathmandu und im Kathmandu-Tal und in den anderen betroffenen Regionen um Kathmandu herum, in die wir bis jetzt noch nicht gekommen sind. Aber auf der anderen Seite gibt es doch relativ viel guten Willen hier, um für den Aufbau ...

Wir haben sehr viele von den originalen Stücken, von den Skulpturen, den geschnitzten Holzbanken, wir haben gute Dokumentation zumindest von den Monumenten im Kathmandu-Tal. Also, die Deutschen zum Beispiel haben seit den 70er-Jahren in Bhaktapur gearbeitet und quasi ganz Bhaktatur ... nicht nur die Tempel, sondern auch alle alten Häuser dort sehr genau dokumentiert, mit Plänen, mit Vermessungen, mit detaillierten Fotos. Also, das stimmt mich dann schon optimistisch, dass wir in der Lage sein werden, das wieder zu restaurieren, wenn natürlich die finanziellen Mittel dazukommen.

Optimismus nötig

Welty: Sie klingen in der Tat optimistisch. Die Bilder, die wir hier in Deutschland vor Augen haben, die lassen ja kaum die Vorstellung zu, dass die Tempel oder auch der berühmte Dharahara-Turm wiederaufgebaut werden könnten. Was muss man leisten, um sich von diesen Bildern auch ein Stück weit zu befreien?

Manhart: Kathmandu ist ja von jeher eine Erdbebenzone. Und Kathmandu hatte ein wesentlich stärkeres Erdbeben 1934, und damals ist auch ein Großteil der Tempel wiederaufgebaut worden. Also, was eingestürzt ist, das sind diese Ziegelmauern, aber sehr viele architektonische Teile sind relativ gut erhalten noch da und die können wiederverwendet werden. Von daher bin ich optimistisch. Aber ich glaube, wenn man in der Situation nicht mehr gewissen Optimismus bewahrt, dass die Arbeit, die man hier durchführt, auch zu Erfolg führen wird, dann, glaube ich, braucht man gar nicht anfangen.

Welty: Haben Sie schon eine ungefähre Vorstellung davon, was das alles kostet?

Manhart: Das ist eine gute Frage! Also, wir haben bis jetzt noch überhaupt keine Kostenaufstellung. Also, ich habe den ganzen Teams, die jetzt arbeiten, allen gesagt, dass wir bei der Bestandsaufnahme Kosten zumindest errechnen sollen für die Prioritätsmonumente, die jetzt alle konsolidiert werden müssen, damit sie nicht weiterhin einfallen. Und habe aber diese Zahl noch nicht, die Leute sind jetzt erst dabei, das alles aufzustellen. Aber das wird sicher in die zig Millionen Euro, vielleicht sogar Hunderte von Millionen Euro gehen, weil die Anzahl der Tempel einfach so groß ist.

Zusammenarbeit mit Bergungsteams

Welty: Wie gehen Sie damit um, dass unter den Trümmern noch mehr Opfer dieses Bebens liegen?

Manhart: Das ist eine Tatsache und die Opfer müssen ja auch geborgen werden. Und unsere Spezialisten arbeiten mit den Bergungsteams zusammen, in den meisten Fällen zumindest.

Welty: Aus Kathmandu Unesco-Direktor Christian Manhart. Ich danke sehr herzlich für dieses Gespräch und ich wünsche einen langen Atem für das, was auf Sie zukommt!

Manhart: Danke sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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