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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.07.2012

Nach dem Beten tanzen bis zum Umfallen

Zu Besuch bei einer Berliner Sufi-Gemeinde

Von Stefanie Oswalt

Sufisten verleihen ihrem Glauben durchs Tanzen Ausdruck.
Sufisten verleihen ihrem Glauben durchs Tanzen Ausdruck. (AP)

Jedes Wochenende treffen sich die Mitglieder des Berliner Sufi-Zentrums, um ausgelassen zu singen und tanzend Allah und den Propheten Mohammed zu feiern. Sie gehören zu einer muslimischen Minderheit - die in streng islamischen Ländern verfolgt wird.

Gencaslan: "Wir haben hier unter uns auch Menschen aus Polen, aus Russland, aus Ghana. Es ist bunter als bloß deutsch-türkisch-arabisch. Das ist so wie ein himmlischer Kindergarten!"

Kuru: "Viele Muslime, die verstehen den Sufismus nicht. Sie sehen es als etwas Separates vom Islam. Aber das stimmt nicht, weil der Sufismus, das ist die Seele des Islams."

Petersen: "Es ist eine himmlische Disco, am Wochenende dahin zu gehen. Früher sind wir in verrauchte Discos gegangen, heute gehen wir dorthin, tanzen am Samstag auch bis zum Umfallen."

Jedes Wochenende treffen sich Funda Gencaslan, Arman Kuru und Susanne Petersen in ihrer Gemeinde im Berliner Sufi-Zentrum: Ausgelassen singend und tanzend feiern sie Allah und den Propheten Mohammed. Die drei sind Muslime und zugleich Sufis und gehören damit zu einer Minderheit, die in streng islamischen Ländern verfolgt wird. Dabei, erläutert Sheikh Esref Efendi, das geistliche Oberhaupt der Berliner Gemeinde, betrachten auch die Sufis den Koran und die Scharia als Basis ihres Glaubens:

"Scharia ist ein arabisches Wort für das Gesetz. Grundgesetz. So ist Scharia das Gesetzbuch Allahs. Und Sufismus ist Liebe. Liebe hat aber Verständnis und Toleranz. Die Schriftgelehrten, sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst und sind sehr fanatisch in ihrer Arbeit. Und so gilt es nur für sie, das Gesetz, und sie haben keine Ahnung von Liebe. Die Liebe ist ihnen fremd. So alles, was ihnen fremd ist, wollen sie vertreiben aus ihrer Nähe."

Die Sufis, erklärt Sheikh Efendi, interpretieren die Heiligen Schriften fundamental anders als der konservative Islam:

"Der Prophet sagte: Dschihad - Heiliger Krieg - ist, mit dem eigenen Ego zu kämpfen. Größter Dschihad ist der Kampf mit dem eigenen Ego. Das ist dein größter Feind, sagte er, nicht der Andere, der Fremde, der Andersdenkende, dein Nachbar. Nachbarsrechte werden hochgehalten im Islam. Solange dein Nachbar oder der Andersdenkende dich nicht angreift, ist er nicht dein Feind. Die Konservativen, also die Scharia-Leute, die gehen in die Moschee und beten normale Pflichtgebete, sie machen alles, was Pflichtgebet ist. Die Sufis sagen: In der Liebe und in der Religion gibt es keinen Zwang. Und alles, was unter Druck gemacht wird, das macht keinen Spaß und es hat keinen Geschmack."

Sheikh Esref Efendi kam 1972 als Kind aus der Türkei nach Deutschland. In den 1990er-Jahren fand er seine spirituelle Heimat in der Naqshibandi-Schule. Sie ist mit geschätzten 100 Millionen Anhängern weltweit die mit Abstand größte der insgesamt 40 Schulen des Sufismus, die sich vor allem in ihren Meditationspraxen unterscheiden. 1995 hat er von seinem Meister, dem auf Zypern lebenden Großsheikh Mevlana Sheikh Nazim El Haqqani El-Rabbani, die Lehrerlaubnis erhalten.

"Die anderen Orden sind ernst in ihrer Arbeit. Wir sind witzig-ernst. Die Europäer, die Deutschen insbesondere, die lieben Theater. Und so unsere Art des Ansprechens ist theatralisch."

Freitagabend: Zum Sohbet, der spirituellen Ansprache, die beim Naqshibandi-Orden eine zentrale Rolle spielt, strömen die Gläubigen ins Sufi-Zentrum, eine mit orientalischen Teppichen, gerahmten Kalligrafien und Blumen geschmückte Erdgeschosswohnung in Berlin-Neukölln. Zum Schutz der Nachbarn vor Lärm sind die Rollläden heruntergelassen. Es duftet nach Rosenöl. Frauen mit Kopftüchern hocken im hinteren Teil des Raumes auf roten Polstern, geschminkte türkische Mädchen in Jeans und blonde Deutsche in kniefreien Röcken. Um den noch leeren weißen Polstersessel sitzen einige Männer. Hier ist jeder willkommen, erklärt Funda Gencaslan:

"Komm, wer immer du bist, woher du auch stammst, welche Sprache du auch sprichst. Komm, du bist willkommen. Als der Prophet zu den Gefährten gesprochen hat, unter den ersten war ja auch seine Frau - die saßen alle beisammen."

Die im Islam verbreitete Geschlechtertrennung kennen die Neuköllner Sufis nicht. Sheikh Esref Efendi legt Wert auf die Achtung der Frauen. Deshalb servieren hier junge Männer in osmanischer Tracht - roter Fez, weißes Hemd, braune Weste, Kinn- und Oberlippenbart - den Ankommenden Tee und Wasser. Eine freudige Erwartung liegt über dem Saal.

Würdevoll hat Sheikh Esref Effendi mit seinem weißen Turban die Menge durchschritten und sich auf den weißen Sessel gesetzt. Nun beginnt die spirituelle Ansprache, türkisch mit deutscher Übersetzung. 90 Minuten lang redet der Sheikh teils ernst, teils amüsant über das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen, über den Raubbau an der Natur und die Pflicht zur Bescheidenheit. Dann gibt es für die Gemeinde ein üppiges gemeinsames Mahl, nach dem der Sheikh bis weit nach Mitternacht individuelle Glaubens- und Lebensratschläge erteilt.

Petersen: "Der Sheikh ist mehr als nur eine Person, die einem etwas über den Sufismus oder über Allah erzählt. Er ist so was wie ein Lehrer fürs Leben. Er zeigt einem den Anstand im Leben. Wie bewegt man sich in dieser Welt, wie verhält man sich den Menschen gegenüber, sich selber gegenüber - um was geht es eigentlich?"

Die Begegnung mit den Lehren des Sufismus hat das Leben von Susanne Petersen verändert. Die ursprünglich evangelisch getaufte Endvierzigerin ist zum Islam konvertiert und Vorsitzende des Vereins "Der wahre Mensch", der die Naqshibandi-Gemeinde in Berlin trägt. Auch der Abiturient Arman Kuru, Spross einer eher liberalen muslimischen Familie, ist bei den Sufis aktiv. Samstagabend, beim Dhikr, der Meditation im Gedenken an Gott, tanzt er als Derwisch.

Wie viele Naqshbandis praktizieren die Berliner Sufis auch Meditationsformen anderer Orden. So beginnt der Abend mit dem Tanz des Derwischs - eine Tradition des Mewlewi-Ordens. Im weiten, weißen Gewand dreht er seine Kreise, später kommen einige Männer hinzu und schließlich gerät der ganze Saal in Ekstase. Körper an Körper bewegen sich die Männer beim Reigentanz in der Tradition der Quadirischule. Außen herum bilden die Frauen einen Tanzkreis.

Keine Frage, die Glaubenspraxis der Sufis vermittelt eine große Lebensfreude. Die deutschen Gemeinden wachsen, sagt Sheikh Esref Effendi, und in der islamischen Welt erwartet er wegen der dortigen Revolutionen bald eine Renaissance des Sufismus:

"Der Prophet - Friede auf ihn - hat das vor 1500 Jahren berichtet, dass nach dem Kalifat die Tyrannen kommen werden und auch 100 Jahre so ihre Zeit leben werden. Und dann sie werden wieder gehen müssen. Und dann kommt Goldenes Zeitalter."


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