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Mythos Marseille - heimliche Hauptstadt französischer Filmkunst

Romanist hat die filmgeschichtlichen Traditionen der Kulturhauptstadt Europas untersucht

Daniel Winkler im Gespräch mit Ulrike Timm

Blick auf Marseille
Blick auf Marseille (Michel Collot)

Als Filmstadt hat Marseille seit den Brüdern Lumière Filmgeschichte geschrieben, mit Filmen wie "French Connection" oder "Borsalino". Dass Marseille zu einem fast schon mythischen Drehort wurde, verdankt die Mittelmeer-Metropole vor allem ihren nordafrikanischen und neapolitanischen Einflüssen, meint Daniel Winkler.

Ulrike Timm: Paris gilt als die Schöne, die Stadt der Liebe, ist das klare, politische und kulturelle Zentrum Frankreichs. Und auch wenn die französische Hauptstadt im Film mitspielt, sieht sie fast immer gut aus. Marseille ist ganz anders – die Millionenmetropole am Mittelmeer hat ein schmutziges, rüdes, ein richtiges Underdog-Image, das natürlich auch auf seine Weise für spannenden Filmstoff sorgt. Derzeit ist Marseille eine der Kulturhauptstädte Europas, und welche Spuren diese Stadt im Film hinterlassen hat und welchen Kinofilm sie Bilder und Themen gibt, das hat der Romanist Daniel Winkler ausführlich untersucht. Daraus ist auch ein Buch geworden: "Marseille! Eine Metropole im filmischen Blick", gerade erschienen. Herr Winkler, ich grüße Sie!

Daniel Winkler: Grüß Sie!

Timm: Herr Winkler, schmuddlig, rau, Hafenstadt, viel Kriminalität, das findet sich ja auch im Film wieder. Es gibt viele Kriminalfilme, die in Marseille spielen. Was macht denn diese Stadt, ja, zum idealen Tatort?

Winkler: Ja, in der Tat gibt es ja auch "Tatorte", die dort spielen, und was vielleicht ein ganz interessanter Punkt ist, um das Thema sozusagen aufzuhängen. Weil wenn man sich diese "Tatorte" anschaut, sind das immer "Tatorte", die ein Marker sind – entweder der letzte "Tatort" eines Kommissars oder eine runde Nummer, so hat zum Beispiel Götz George dort unten einen "Tatort" gedreht. Also man könnte sagen, einerseits ist es so ein Geschenk an die Kommissare, sozusagen am Mittelmeer drehen zu dürfen, und auf der anderen Seite ist es natürlich ein Image, das bis in die Zwischenkriegszeit zurückgeht, wo das nicht nur was Filmisches ist, sondern sozusagen auch auf die Kulturgeschichte der Stadt zurückgreift, sprich, dass natürlich Marseille als Hafenstadt eines ehemaligen Kolonialreiches eine wichtige Transitfunktion eingenommen hat, sprich einerseits für die Migration, aber auch natürlich für einen Warenumschlag. Und damit ist sozusagen dieses Image auch verbunden, sprich Marseille als Umschlagplatz des Drogenhandels, Marseille als Umschlagplatz von Waffen, aber auch Marseille als Ort, der nur so halb französisch ist, der sozusagen einerseits so an dieses nordafrikanische Imaginäre andockt und auf der anderen Seite ein Ort ist, wo ganz früh schon viele Italiener aus dem Süden hierhin immigriert sind, was ein Ort ist der korsischen Mafia und sozusagen dieses Imaginäre, ein bisschen ein neapolitanisches Imaginäres, wenn man so will, ist damit verbunden.

Reizvoll exotisches Mittelmeerambiente, nordafrikanisch geprägt

Junge Männer in MarseilleJunge Männer in Marseille (AP)Timm: Ich meinte den Tatort jetzt auch gar nicht fernsehgemäß, darauf haben Sie mich erst gebracht, sondern ganz filmisch, ganz kinogemäß. Wenn da viele Kriminalfilme spielen, dann muss die Stadt ja auch dafür mehr bieten als die Kulisse, sondern wirklich die Bilder geben und der Geruch, der Geschmack dieser Stadt muss sich dafür besonders eignen. Wie findet sich das im Film?

Winkler: Das findet sich einerseits über diese immens lange Küstenlandschaft und gleichzeitig enge Gassen in Altstadtkernen, die da am Hafen entlang sind, wie dieses Panier-Viertel, das inzwischen völlig saniert ist und sozusagen so ein Touristenanziehpunkt ist, aber das Viertel auf so einem Hügel gelegen ist und wo so ganz enge Gassen herumgehen, was sich natürlich für solche Genres auch gut eignet.

Timm: Was sind denn die großen Marseille-Filme für Sie?

Winkler: Also wenn man jetzt auf das Krimigenre geht, sind zwei Filme sozusagen, die ganz bekannt geworden sind, einmal "French Connection" mit Gene Hackman und einmal "Borsalino" mit Jean Paul Belmondo und Alain Delon, die sozusagen dieses Imaginäre auch total genährt haben – zum Teil indem sie zum Beispiel auf diese Zwischenkriegszeit-Kriminalitätsgeschichten zurückgegriffen haben, wo sozusagen zwei Gangs die Stadt mehr oder weniger unter Kontrolle hatten, oder es ist zumindest der Mythos, der draus entstanden ist, und die das auch geschickt verbinden. Einerseits sozusagen das Krimigenre bedienen und auf der anderen Seite dieses für uns reizvoll exotische Mittelmeerambiente mit reinbringen, dazu noch mit einer Innenstadt, die in den Nachkriegsjahrzehnten sehr stark durch Migration geprägt ist, also auch eine sehr stark nordafrikanisch geprägte Stadt ist.

Timm: Nun haben Sie mit "French Connection" sinnigerweise gleich eine amerikanische Filmproduktion benannt – ist das eine andere Art, die Stadt wahrzunehmen?

Winkler: Eigentlich schreibt sich das in einen Mainstream ein, sowohl einen Mainstream der französischen Produktionen, die von Paris aus auf Marseille blicken – und da ist oft sozusagen der Unterschied, ob man von Amerika, von Paris aus oder von Berlin aus drauf liegt, relativ ähnlich. Es sind oft Produktionen, wo die Leute halt schnell mit einem großen Equipment runterfahren und dort gedreht haben, aber immer wieder die gleichen Orte und sozusagen auch immer wieder diese gleichen Assoziationen einfangen. Damit hängt’s ja auch zusammen, dass es so wahnsinnig viele Kriminalfilme gibt.

Timm: "Ville Noire" ist ein Kinobegriff für den Film der 60er-Jahre aus Marseille. Wirkt denn dieses "Ville Noire" bis heute nach im Kino?

Winkler: Es wirkt ganz stark nach, also ich würde immer noch sagen, dass das sozusagen das Genre ist, das am meisten bedient wird, teils von französischen, von amerikanischen Produktionen oder von Filmen, die gattungsmäßig ein bisschen hybrid sind, aber wo dieser Kriminalitätsplot immer eine wichtige Rolle einnimmt. Aber der große Unterschied ist, würde ich sagen, dass die letzten 25 Jahre Marseille als Filmstadt auch sozusagen für das Autorenkino attraktiv geworden ist.

Marseille - auch für französische Autorenfilmer ein beliebter Drehort

Heruntergekommene Hochhaussiedlung in MarseilleHeruntergekommene Hochhaussiedlung in Marseille (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit Daniel Winkler, der sich intensiv damit beschäftigt hat, wie die französische Hafenstadt Marseille das Kino mitgeprägt hat. Herr Winkler, Marseille ist ja die Stadt am Rand, schon rein geografisch – wie spiegelt sich denn das in der Wahrnehmung des Kinos wider?

Winkler: Es spiegelt einerseits sozusagen über diese Kriminalitätsthematik wider und zum anderen wider, dass auch die Ränder der Stadt eine ganz, ganz wichtige Rolle spielen. Also gerade das, was ich angesprochen habe, dieses Autorenkino, das die letzten Jahrzehnte sehr wichtig geworden ist und wo der prominenteste Vertreter sicherlich der französische Regisseur armenisch-deutscher Herkunft Robert Guédiguian ist, der fast alle seine Filme dort ansiedelt und zum Beispiel ausschließlich von den nördlichen Vierteln aus auf die Stadt blickt, also sozusagen vermeidet diese ganzen provenzalischen, touristischen Klischees um den alten Hafen herum, um den Yachttourismus herum, sondern sozusagen die nördlichen Viertel, die sehr stark durch die Hafenindustrie geprägt waren, heute natürlich auch sehr stark durch die Arbeitslosigkeit geprägt waren und von denen aus auf die Stadt blickt, die natürlich einen ganz anderen Blick ergeben und gleichzeitig aber, was ja für Zentraleuropäer eher ungewöhnlich ist, dass man sozusagen von diesen Vierteln aus gleichzeitig den schönsten Blick auf das Meer hat. Also es gibt immer so diese Ambivalenz da drinnen.

Timm: Marseille ist ja auch eine harte Stadt, also viele Einwanderer, vor allem aus dem Maghreb, eine Stadt der sozialen Spannungen – Sie haben es angedeutet –, eine Stadt der Migration, der Arbeiterkultur. In welchen Filmen spiegelt sich das besonders wider, welche fallen Ihnen ein?

Winkler: Also es gibt zwei prominente Regisseure, den einen hab ich schon genannt, den Robert Guédiguian. Zum Beispiel "La ville est tranquille", "Die Stadt frisst ihre Kinder" auf Deutsch, der sozusagen anhand dieses Arbeitermilieus mehr oder weniger einer Fischhändlerin und ihrem Kind, das in den Drogenkonsum abrutscht, und die Fragmentierung der Stadt zum Thema macht, also ganz unterschiedliche Milieus versucht über diese Autobahnstrecke, die von Nord nach Süd verläuft, das zu erzählen. Eine andere Regisseurin, die, denke ich, auch in deutschsprachigen Raum was sagt, ist Claire Denis, die "Nénette et Boni" dort gedreht hat und sozusagen das auch im Hinterland des Hafens angesiedelt hat, anhand einer Stadtästhetik, wo man jetzt auf den ersten Blick nicht erkennt, was das für eine Stadt ist.

Timm: Sind das Filmemacher, die diese Stadt so gut kennen, weil sie dort zu Hause sind, oder haben die sich, ja, als Künstler in Marseille richtig einarbeiten müssen und kommen gar nicht von daher?

Winkler: Na, das sind wirklich Leute, die dort zu Hause sind oder waren. Und das ist sozusagen das Interessante am Marseiller Kino, dass es neben diesen ganzen Mainstreamproduktionen, die wesentlich von außen kommen, es eine Serie von Filmmachern gibt, die seit den 30er-Jahren immer wieder versucht haben, in der Stadt zu drehen, in der Stadt zu produzieren, um die Stadt mehr oder weniger möglichst authentisch wiederzugeben.

Timm: Und wie stark ist diese besondere, diese lokale Farbe Marseilles im französischen Kino generell, wie würden Sie das sehen?

Winkler: Diese lokale Farbe ist, würde ich schon sagen, in den letzten Jahren stärker geworden, gerade auch über das Migrationskino, weil viele Filmemacher, die man mit dem Begriff Cinema peur oder Bonnieux-Film oder so fasst, die selber eine Migrationserfahrung haben, für die ist Marseille natürlich ein zentrales Thema, weil das natürlich die größte nordafrikanische Community hat, auch eine sehr starke armenische Community hat und von dem her einfach einen wichtigen Referenzpunkt darstellt. Aber es ist nach wie vor so, dass natürlich in vielen Produktionen es dann eine kurze Szene in Marseille gibt, und der Rest spielt in Paris oder woanders. Das ist schon einfach noch ein Defizit, wenn man so will, das sehr stark damit zusammenhängt, dass es zwar in Marseille Filmstrukturen gibt, aber Frankreich derart zentralisiert ist, dass sozusagen auch die Filmemacher, die aus Marseille kommen, sich dann immer wieder in Paris letztlich ansiedeln, um nah an diesen Ressourcen dran zu sein.

Timm: Aber derzeit ist Marseille eine der Kulturhauptstädte Europas, werkelt mit ganz vielen Veranstaltungen an seinem Image, es geht auch viel Geld nach Marseille. Bekommt der Film von dieser besonderen Aufmerksamkeit und vielleicht auch von diesen Mitteln was ab?

Winkler: Er kriegt ein bisschen was ab, wobei sozusagen das zentrale Projekt, das mit der Kulturhauptstadt verbunden ist, eine Sanierung der Museumslandschaft war. Es gibt auch ein Filmmuseum in Marseille, eine Cinemathek, die da auch ein bisschen was abkriegt, aber Marseille versucht über diesen Kulturhauptstadtstatus einerseits ein bisschen dieses negative Image loszukriegen und zum anderen ein bisschen mit anderen Städten gleichzuhalten zu versuchen – in dem Sinn, dass Toulouse oder Arles oder viele Städte auch in Südfrankreich kulturell wesentlich besser ausgestattet sind. Und das hat man jetzt versucht, endlich mal nachzuholen, dieses Image, Marseille als Arbeiterstadt, auch ein bisschen loszuwerden und zu einer Tourismusstadt zu werden, wenn man so will.

Timm: Der Romanist Daniel Winkler. Sein Buch "Marseille! Eine Metropole im filmischen Blick" ist gerade erschienen, und was Marseille betrifft, bleibt Deutschlandradio Kultur am Ball. Am kommenden Dienstag sendet unser Kulturmagazin "Fazit" live aus Marseille. Ein Thema dann zum Beispiel die Einweihung eines neuen Museums der Kulturen, das MUCEM, und auch die spektakuläre Umgestaltung des Hafenviertels der Kulturhauptstadt Europas, Marseille. Herr Winkler, danke fürs Gespräch!

Winkler: Ja, Ihnen herzlichen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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