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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2012

Mythen um das orientalische Kopftuch

"Verschleierter Orient - Entschleierter Okzident? - (Un)Sichtbarkeit in Politik, Recht, Kunst und Kultur seit dem 19. Jahrhundert", Wilhelm Fink-Verlag, München 2012

Der Aufstieg des Kopftuchs zum "Superzeichen islamischer Kultur" verlief oftmals über kulturelle Fantasien. (AP)
Der Aufstieg des Kopftuchs zum "Superzeichen islamischer Kultur" verlief oftmals über kulturelle Fantasien. (AP)

Im Sammelband "Verschleierter Orient - entschleierter Okzident?" werden Vorstellungen hinterfragt, die sich seit dem 19. Jahrhundert um den orientalischen Schleier ranken. Beiträge aus Ägypten und Iran ergänzen die westeuropäische Perspektive der wissenschaftlichen Beiträge.

Das Historiengemälde "Die Freiheit führt das Volk an" des französischen Malers Eugène Delacroix gehört zu den berühmtesten Beispielen für eine westeuropäische Tradition: Werte wie "Freiheit" oder "Nation" werden bevorzugt in Gestalt schöner, halbnackter Frauen präsentiert. Inmitten einer Kampfszene der Julirevolution zeigt Delacroix´ Meisterwerk von 1830 die weibliche Allegorie der "Liberté", Anführerin der bewaffneten Bürger von Paris, mit blankem Busen und der französischen Tricolore in der Hand. Schon seit der Renaissance verbindet die westliche Ikonografie den nackten, weiblichen Körper mit "Wahrheit".

Zum Gegenbild der "nackten Tatsachen" avancierte im 19. Jahrhundert die verschleierte, unterdrückte "Orientalin", die nach dem Ägyptenfeldzug Napoleons und der Kolonisierung des Nahen Ostens Einzug in die französische Malerei fand. Ohne diese bis heute wirkungsmächtigen Metaphern der "nackten Wahrheit" und der "verschleierten Unterdrückung", so zeigt der Sammelband "Verschleierter Orient – entschleierter Okzident?" überzeugend, lässt sich die emotionsgeladene Debatte über das islamische Kopftuch in westeuropäischen Gesellschaften kaum verstehen.

Als 2011 das französische Burka-Verbot in Kraft trat, richtete sich das Gesetz explizit gegen die Verschleierung des Körpers. Doch warum ist die Burka eine solche Provokation? Ein Kleidungsstück, das vor dem Verbot von etwa 0,04 Prozent der weiblichen Muslime in Frankreich getragen wurde? In elf Beiträgen werden im Sammelband "Verschleierter Orient – entschleierter Okzident?" Vorstellungen unter die Lupe genommen, die sich seit dem 19. Jahrhundert um den orientalischen Schleier ranken. Den Texten liegt eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Zürich aus dem Jahr 2010 zugrunde, bei der Kunstwissenschaftler, Religions- und Islamwissenschaftler, Geschichts-, Literatur- und Rechtswissenschaftler diskutierten.

Im jetzt erschienenen Sammelband wird deutlich, dass der Aufstieg des Kopftuchs zum "Superzeichen islamischer Kultur" oftmals über kulturelle Fantasien verlief, die mit der Lebensrealität der dargestellten Muslime wenig gemein hatten. Die für die westeuropäische Rezeption einflussreiche Malerei des Orientalismus etwa gab den Betrachtern zu sehen, was der Künstler selbst nie zu Gesicht bekommen hatte: Zum Beispiel den Einblick in einen Harem auf Eugène Delacroix´ Gemälde "Der Tod des Sardanapal", das die Ermordung der Ehefrauen des letzten Assyrerkönigs im Angesicht seiner Niederlage zeigt. Die dem barbarischen Gemetzel geopferten Frauen erscheinen geradezu als Antithese der französischen "Liberté".

Seit dem 11. September 2001 und dem "Krieg gegen den Terror" ist der Islam zu einem zentralen Feindbild des Westens aufgestiegen. Das Buch "Verschleierter Orient – entschleierter Okzident?" zeigt u.a. mithilfe zahlreicher Abbildungen von Kunstwerken, wie in diesem Feindbild Vorstellungen des "Orients" nachwirken, die sich im Europa des 19. Jahrhunderts herauskristallisiert haben. Beiträge aus Ägypten oder Iran ergänzen die westeuropäischen Perspektiven und zeigen, dass auch völlig andere Lesarten des Schleiers möglich sind: In der Facebook-Kampagne "Men in Hijab" 2009 solidarisierten sich iranische Männer mit einem Demokratie-Aktivisten, indem sie sich mit Kopftuch fotografieren ließen. Verschleierte Männer als Allegorien der "Demokratie"? Diese Verknüpfung wäre in Westeuropa kaum vorstellbar. In seiner umfassenden Darstellung bringt der Sammelband "Licht ins Dunkel", ohne " den Schleier lüften zu wollen". Ein wichtiges, aufklärendes, lesenswertes Buch.

Rezensiert von Tabea Grzeszyk

Bettina Dennerlein, Elke Frietsch, Therese Steffen (Hg): Verschleierter Orient – Entschleierter Okzident? (Un)Sichtbarkeit in Politik, Recht, Kunst und Kultur seit dem 19. Jahrhundert.
Wilhelm Fink-Verlag, München 2012

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