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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.12.2015

Musiktheater in BerlinDrei Opernhäuser − immer im Wettbewerb

Von Jürgen Liebing

West Side Story (Nach einer Idee von Jerome Robbins)Musik: Leonard BernsteinMusikalische Leitung: Koen SchootsInszenierung: Barrie Kosky/ Otto PichlerChoreographie: Otto PichlerBühnenbild: Barrie KoskyKomische Oper BerlinPremiere: 24. November 2013, 18 Uhr Aufnahmen von der Bühnenorchesterprobe am 21. November 2013 (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Für die leichte Muse wie hier die West Side Story in der Inszenierung von Barrie Kosky ist in Berlin normalerweise die Komische Oper zuständig (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Staatsoper, Deutsche Oper, Komische Oper − alles in Berlin. Da bleiben Konkurrenz und Redundanz nicht aus. Jürgen Liebing traf die drei Intendanten zu ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Stelldichein.

Drei Opernhäuser in einer Stadt – ein Luxus?

Nach der Vereinigung gab es in Berlin alles doppelt und dreifach. Das Schillertheater, jetzt Ausweichspielstätte der Staatsoper und einst größte Sprechbühne der Stadt, wurde mit dem Schlossparktheater abgewickelt. Dieses Schicksal drohte auch einem der drei Opernhäuser.

Es gab unterschiedlichste Pläne: Schließung eines Hauses, Umwandlung einer Oper in eine Spielstätte für Gastspiele oder als Ort fürs Tanztheater. Lange wurde auch von der Politik versucht, eine Art Generalintendanz durchzusetzen. Nichts ist davon geblieben, außer einer macht- und kraftlosen Opernstiftung.

"Theater ist ein Wirtschaftsfaktor"

Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper: "Wisst ihr eigentlich, dass der Kulturetat der kleinste Etat des gesamten Berliner Etats ist, wisst ihr das?! Dann sagen die Leute, nein. Ich denke, ihr kriegt so viel, ja, wir kriegen viel, aber geben das auch gut aus. Aber wir geben auch was zurück. Die Häuser generieren Taxis, die generieren Wirtshäuser. Die drei Theater wie die ganze Kultur sind ein Wirtschaftsfaktor. Das muss man mal zur Kenntnis nehmen."

Trotzdem gibt es einen Rechtfertigungsdruck, besonders wenn es um die Spielpläne geht. Wie vermeidet man gegenseitige Doubletten, wie koordiniert man trotz Konkurrenz die Planung? In den ersten Jahren konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass jeder für sich plante, um sich so gut wie möglich darzustellen, ohne Rücksicht auf den anderen. Freilich möchte jedes Haus eine "Zauberflöte" im Spielplan haben.

Aber ansonsten? Nochmals Jürgen Flimm und Barrie Kosky:

Flimm: "Von fünfzig Opern sind das gerade mal drei. Das wird immer hochgespielt." 

Kosky: "Das Orchester kommt jedes Jahr zu mir, können wir nicht Elektra machen. Nein, nein, nein, erstens ist dieses Theater zu klein für diesen Strauss-Klang, es ist eine Folter für die Ohren."

Also gibt es in der Komischen Oper keinen Strauss und keinen Wagner, mit Ausnahme der "Meistersinger von Nürnberg".

Spannungen, wenn einer im Revier des anderen wildert

Aber es gab durchaus auch Spannungen zwischen den drei Häusern und deren Intendanten. Als beispielsweise Barrie Kosky in der vergleichsweise kleinen Komischen Oper Arnold Schönbergs Monumentaloper "Moses und Aron" auf den Spielplan setzte und Bernd Alois Zimmermanns riesige Oper "Soldaten", und umgekehrt missgönnte er den anderen Häusern die leichte Muse.

Dietmar Schwarz: "Wir sind da schon viel entspannter. Früher durfte ich nicht einmal Operette denken, da bist du gleich zu Klaus Wowereit gerannt: Dietmar darf das nicht." 

Kosky: "Ich war früher relativ fundamentalistisch in dieser Sache." 

Flimm: "Jetzt ist er in den Sandkasten zurückgekehrt."

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper, und seine Mitstreiter Barrie Kosky und Jürgen Flimm.

Geeinigt hat man sich beispielsweise auch bei der Oper "Tod in Venedig" von Benjamin Britten. Erst wollte die Staatsoper sie herausbringen. Aber Barrie Kosky erhob darauf Anspruch. Aber er verzichtete dann zugunsten der Deutschen Oper, weil ihr britischer Generalmusikdirektor Donald Runnicles an einem Britten-Zyklus arbeitet. Nach "Peter Grimes" und "Billy Budd" soll demnächst "Tod in Venedig" folgen.

30.000 Karten pro Saison für das junge Publikum

Eines haben sie all drei im Blick: das junge Publikum:

Kosky: "Alle Häuser machen jetzt große Programme für Kinder und für Jugend, jeder auf seine Weise. Wir haben keinen Kindergarten, keine Akademie, wir haben jedes Jahr eine große Oper für Kinder im großen Haus. Und wir verkaufen dreißigtausend Karten pro Spielzeit für Zuschauer zwischen 8 und 12."

Um die Zukunft des jungen Publikums muss es einem also nicht bange sein.

Am ersten Oktoberwochenende gab es in Berlin etwas wohl auf der Welt Einmaliges: An drei Tagen hintereinander präsentierten die drei Opernhäuser jeweils eine Premiere.

Kosky: "In Berlin ist das Publikum so breit und so unterschiedlich. Jetzt ist die Zeit vorbei, dass es wie früher das Deutsche-Oper-Publikum gab, das Staatsoper-Publikum, das Komische-Oper-Publikum. Natürlich, wir haben unser Stammpublikum, aber die Opernfreaks in Berlin haben die beste Situation in der Welt, sie können wandern zwischen drei Häusern, und dieses breite Repertoire sehen. Wir können natürlich nicht unseren Job machen ohne diese Zuschauerlust und Neugierigkeit. Ja, dreieinhalb Millionen in einer Stadt, drei Opernhäuser, ist das jetzt im 21. Jahrhundert zeitgemäß? Eine Dekadenz? Nein, das ist eine unglaublich wichtiger Teil der Identität dieser Stadt."

Gipfeltreffen der Berliner Oper-Intendanten, von links nach rechts: Barrie Kosky / Komische Oper, Dietmar Schwarz / Deutsche Oper und Jürgen Flimm / Staatsoper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gipfeltreffen der Berliner Oper-Intendanten, von links nach rechts: Barrie Kosky / Komische Oper, Dietmar Schwarz / Deutsche Oper und Jürgen Flimm / Staatsoper (Deutschlandradio / Bettina Straub)

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