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Tonart | Beitrag vom 28.05.2015

Musikszene in NordeuropaWie der Blues nach Finnland kam

Von Bernd Gürtler

Lappland, Nordlicht (picture alliance / dpa / Foto: Ismo Pekkarinen)
Der Blues ist aus dem heutigen Finnland nicht mehr wegzudenken. (picture alliance / dpa / Foto: Ismo Pekkarinen)

Trinkfest, schweigsam und introvertiert: Zu den gängigen Klischees über die Finnen passt, dass in dem dünn besiedelten Land tatsächlich eine lebendige Blues-Szene existiert. Aber wie kam der der schwermütige Sound aus den USA in den äußersten Norden Europas?

Die Anfänge des finnischen Blues liegen so weit zurück, dass sich Micke Bjorklof selbst nicht erinnern kann, obwohl der gebürtige Finne die Musik seit einem Vierteljahrhundert spielt. Aus der Überlieferung, wie der Blues nach Finnland kam, kennt er aber immerhin einen Namen.

Ein gewisser Eero Raittinen besorgt nach seiner Kenntnis Anfang der 60er Jahre die erste finnische Blueseinspielung.

Eero Raittinen als Pionier des Genres

Als Facette des Jazz oder im Gewand der Coverversionen britischer Rockbands wie der Rolling Stones, der Animals, der Yardbirds findet der Blues in den 60ern nach Finnland. Eero Raittinen ist der Mann der Stunde, obwohl von Haus aus Schlagersänger. Blues-Experte Esa Kuloniemi kann das Phänomen erklären:

"Eero Raittinen hat wie von selbst eine Blues-Phrasierung drauf gehabt. Als Eero ja Jussi & The Boys bringt er 1965 mit 'Route 66' die erste artgerecht gesungene finnische R&B-Einspielung auf Schallplatte."

Eingegangen in die finnische Populärmusikgeschichte ist auch ein furioses Jimi-Hendrix-Konzert 1967 in Helsinki, sagt Esa Kuloniemi:

"Jimi Hendrix in Aktion zu erleben, das war ein Schock für alle, die dabei sein konnten. Bis dahin hatte niemand eine Vorstellung, was man mit einer Gitarre anstellen kann."

Jimi Hendrix ruft nicht nur spieltechnischen Nachholbedarf ins Bewusstsein, ergänzt Esa Kuloniemi:

"Damals sind in Finnland keine dünnen Gitarrensaiten erhältlich gewesen. Als hohe E-Saite verwendeten finnische Gitarristen eine Banjo-G-Saite. Die tiefe E-Saite ließen sie weg. Diese modifizierte Besaitung erleichterte das Spielen. Das Saiten-Bending, das Dehnen der Saiten ging besser von der Hand."

Finnische Bluesenthusiasten der ersten Stunde neigen nach dem Jimi-Hendrix-Erweckungserlebnis eher zum Progressive Rock. Sogar Blues Section, eine Band, die den Blues im Namen führt, folgt dem Trend.

In den 70ern entsteht die Bluesszene

Eine nennenswerte finnische Bluesszene, die den Namen verdient, entsteht erst Anfang der 70er Jahre, nachdem Muddy Waters den elektrischen Chicago Blues auf eine finnische Konzertbühne bringt. Chicago Overcoat beherrschen als erste einheimische Band den Stil perfekt.

Heute ist Blues aus Finnland nicht mehr wegzudenken, weil Finnen ohnehin empfänglich sind für den Blues, vermutet Esa Kuloniemi:

"Wir Finnen neigen zur Melancholie, wir mögen Tango, russisch-slawisch gefärbte Musik. Der Blues entspricht uns Finnen irgendwie."

Finnen freuen sich in Moll, heißt es. Stimmt, findet Micke Bjorklof:

"Wir reden nicht viel, nur, wenn wir was zu sagen haben. Nicht wie die Amerikaner, die ständig plappern. So sind wir Finnen."

Und von den Amerikanern unterscheiden wollen sie sich.

Eigenständigkeit als Erfolgsgeheimnis

Finnische Bluesbands verarbeiten angloamerikanische Einflüsse auf ihre Art. Davon ist Esa Kuloniemi überzeugt. Der Blues-Experte und Radio-DJ betreibt mit Honey B & T-Bones eine eigene Band:

"Die eigenständigsten finnischen Bluesbands sind die, die sich nicht als reine Bluesartisten verstehen, die sich selbst einbringen, die in erster Linie Künstler sind. Was das Geheimnis jeder guten Musik ist."

Vielfalt jedenfalls ist das, das finnische Bluesbands auszeichnet, ergänzt Micke Bjorklof:

"Uns liegt an interessanter Musik, wir sind auf keinen Stil festgelegt. Blues ist offen für alles. Unsere Band zum Beispiel hat einen Percussionisten, rhythmische Vielfalt ist uns wichtig."

Was das genau bedeutet, auf dem jüngsten Micke Bjorklof & Blue Strip-Album "Ain't Bad Yet" kann man es hören. Die elf Songs klingen amerikanisch, die Atmosphäre ist jedoch sehr eigen. Diese Vielfalt wäre mancher amerikanischen Band durchaus zu wünschen.

Veranstaltungstipp
Micke Bjorklof & Blue Strip spielen live auf dem Muddy-Lives-Bluesfestival am 29. und 30.5. im brandenburgischen Lieberose: Auch noch zu hören sind dort unter anderem Nick Moss, Jürgen Kerth und Chilly Willy.

Mehr zum Thema:

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Tonart

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