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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.12.2010

Musik und Lebensmut in finsteren Zeiten

Regine Beyer: "Abendkleid und Filzstiefel - Die Jazzpianistin und Diseuse Peggy Stone"

International bekannt wurde Rosa Goldstein mit dem singenden Klavierduo "Lil und Peggy Stone" (Stock.XCHNG / Jean-Pierre Ceppo)
International bekannt wurde Rosa Goldstein mit dem singenden Klavierduo "Lil und Peggy Stone" (Stock.XCHNG / Jean-Pierre Ceppo)

Peggy Stone war buchstäblich eine Jahrhundert-Musikerin - auch wenn sie künstlerisch nie in der ersten Reihe stand: 1907 wurde sie als Rosa Goldstein in Berlin geboren. Sie starb 102 Jahre später in New York.

Die spektakuläre Biografie der jüdischen Unterhaltungskünstlerin mit russischen und deutschen Wurzeln ist vom Terror des 20.Jahrhunderts geprägt. Gleichzeitig aber ist ihre Geschichte ein Zeugnis des ungebrochenen Optimismus einer Frau, der die Musik das Leben rettet.

Rosa Goldstein wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Nachdem die Familie vor einem drohenden Juden-Pogrom im damals noch russischen Bialystok 1906 für kurze Zeit zu Verwandten nach Berlin geflohen war, wurde Rosa dort als "Auslandsrussin" geboren. Unzählige Ortswechsel unter wechselnden politischen Koordinaten bildeten fortan eine Konstante ihres Lebens – die Oktoberrevolution ließ die Familie 1918 erneut aus dem russischen Reich (diesmal von Moskau) nach Berlin flüchten. Nach 1933 ging es auf der Flucht vor den Nazis umgekehrt in Richtung Osten. Rosa Goldstein verschlug es in den folgenden zwei Jahrzehnten über Göteborg und Riga nach Moskau, Sibirien, Kasachstan, Czernowitz, Bukarest. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Tel Aviv und fand 1952 in New York eine endgültige Heimat.

International bekannt geworden ist Rosa Goldstein Ende der 20er-Jahre in Berlin - mit dem singenden Klavierduo "Lil und Peggy Stone". Ihr Repertoire umfasste jazzige Tanznummern, amerikanische Schlager und deutsche Lieder in englischer Übersetzung. Peggy Stone alias Rosa Goldstein war eine exzellente, klassisch ausgebildete Pianistin und verfügte mit ihrem tiefen Kontra-Alt über eine ausdrucksvolle Diseusen-Stimme. Und ebenso gut wie die Muttersprache Deutsch beherrschte sie Russisch. Es wurde die Sprache ihrer "zweiten" Karriere. Denn keine zehn Jahre nach ihrem Erfolg in Westeuropa trat Peggy Stone in die Dienste des sowjetischen Musikbetriebs. Deutsch sprach sie nun aus Angst vor Stalinistischer Verfolgung absichtlich mit Akzent.

Das renommierte Studio Nemirowitsch-Dantschenko am Moskauer Künstlertheater hatte ihr ein neues Repertoire auf den Leib geschrieben. Peggy Stone präsentierte nun ausschließlich "sweet jazz": Russische Volksmusik mit Jazz-Elementen, sowjetische, patriotisch angehauchte Unterhaltungsmusik, die sie während des 2.Weltkriegs zur "musikalischen Truppenbetreuung" bis an die Ostgrenze der Sowjetunion führte. Einerseits war dieses Leben geprägt von künstlerischen Kompromissen, von Hunger, Kälte, Elend. Andererseits bedeutete es die Rettung vor dem Holocaust und vor dem Gulag.

Die Journalistin Regine Beyer lernte Peggy Stone mehrere Jahre vor ihrem Tod persönlich kennen. Viele Gespräche (auf 18 Audio-Kassetten festgehalten) bildeten die Grundlage für das Buch. Die Autorin hat die Erinnerungen präzise in die politischen und gesellschaftlichen Umstände eingebettet, die Atmosphäre mit plastischen Anekdoten festgehalten und eine eindringliche Sprache sowohl für Stimmungen, als auch für die individuellen Schicksale vieler Weggefährten gefunden.

Wie das von Peggys späterem Ehemann Hermann Hönigsberg – einem Cousin des großen Cellisten Emanuel Feuermann und Schüler von Pjotr Stoljarski, der aus ihm einen zweiten David Oistrach machen wollte. Hönigsberg war ein hochbegabter Geiger, der die gesamte klassische Violinliteratur auswendig beherrschte, aber mit seinem Czernowitzer Jazz-Orchester sowjetische "Durchhalte-Musik" spielte. Auch später, in New York, blieb ihm nur ein Job als Stehgeiger in noblen Restaurants. Peggy Stones Karriere gelangte auf ähnliche Nebengleise. Trotzdem beschreibt ihre Geschichte vor allem, wie eng Musik und Lebensmut miteinander verquickt waren.

Als Peggy Stone im Jahr 2002 nach knapp 70 Jahren zum ersten Mal wieder in ihre Geburtsstadt Berlin kam, erlebte sie für einen kurzen Zeitraum große mediale Aufmerksamkeit. "Es kommt mir so vor, als ob ich jetzt, mit 94, die Würdigung bekomme, die mir in den 30er-Jahren versagt wurde." sagte sie damals. Mit der Biografie "Abendkleid und Filzstiefel" ist diese Würdigung nun nachhaltig vertieft worden.


Besprochen von Olga Hochweis

Regine Beyer, Abendkleid und Filzstiefel - Die Jazzpianistin und Diseuse Peggy Stone
Aviva Verlag, Berlin
430 Seiten, 24,80 Euro

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