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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.08.2011

Musik an der Mauer

Die Angst der DDR vor Rockmusik und West-Konzerten für Ost-Berlin

Von Martin Böttcher

Die Rolling Stones sollten 1969 auf dem Springer-Hochhaus spielen.
Die Rolling Stones sollten 1969 auf dem Springer-Hochhaus spielen. (AP Archiv)

In den 28 Jahren, in denen die Mauer stand, haben sich dort viele Geschichten abgespielt - bei einigen von ihnen stand die Musik im Mittelpunkt. Denn hören, was sich auf der anderen Seite abspielte, das konnte man.

"Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen."

1965: Walter Ulbricht, DDR-Staats- und Parteichef, begründet das Verbot westlicher Beatmusik. Musik, das sollte spätestens jetzt klar sein, war Teil der sozialistischen Erziehung und hatte sich dementsprechend anzuhören. Den Menschen in der DDR sollte der Musikgeschmack verordnet werden.

Anzukündigen war das einfach, durchzusetzen schon schwerer, wie sich vier Jahre später, 1969, in Ost-Berlin zeigen sollte. Schuld war ein Gerücht: Ganz in der Nähe der Mauer, auf dem Dach des Axel-Springer-Hauses in West-Berlin werde ein Konzert stattfinden, wurde sich erzählt - und zwar ein Konzert der Rolling Stones! Die zum Teil kultisch verehrte Rockgruppe, so hieß es, würde extra für die Ostjugend spielen.

Wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, blieb unklar, aber es machte die Runde. Tausende Jugendliche zogen daraufhin am 7. Oktober 1969, in Ostberlin Richtung Mauer und versammelten sich am Spittelmarkt - und das am DDR-Nationalfeiertag, am "Tag der Republik". Das Konzert allerdings fand nicht statt, war nie geplant. Die Staatgewalt war dennoch vorbereitet, Polizei, Stasi, FDJ-Ordnungsgruppen gingen gegen die Stones-Fans, die sich so zahlreich und aus Sicht der DDR so bedrohlich nahe der Mauer versammelt hatten. Es kam zu Auseinandersetzungen, Knüppeleinsatz, Verhaftungen.

Ähnliche Bilder noch einmal, knapp 18 Jahre später: 1987 feiert Berlin den 750. Geburtstag. Einer der Höhepunke: Drei an den Pfingsttagen organisierte Konzerte mit David Bowie, Eurythmics und Genesis. Die Bühne befand sich auf der Westseite, direkt am Reichstag, ganz dicht an der Mauer.

Auf der Ostseite versammelten sich tausende von jungen Menschen, die so auch etwas von den Konzerten mitbekommen wollten - angelockt auch durch die riesigen Lautsprecher-Türme, von denen einige nach Osten ausgerichtet waren. Am Abend des Pfingstsamstags, als der englische Sänger David Bowie spielte, kommt es auf dem Schiffbauerdamm zu ersten Zusammenstößen mit der Volkspolizei. Am nächsten Abend - während des Eurythmics-Auftritts - greifen Stasi-Mitarbeiter in Zivil einzelne Jugendliche aus der noch einmal angewachsenen Menge, die Unmutsäußerungen werden lauter:

"Bullenschweine. Bullenschweine. Bullenschweine."

Die Lage spitzt sich weiter zu. Westliche Journalisten werden gehindert, die Masse zu Filmen und Interviews zu führen. Flaschen fliegen durch die Luft. Aus den Musikfans sind Demonstranten geworden:

"Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg."

Schließlich treibt die Volkspolizei die Menge mit Schlagstöcken auseinander, jagt sie bis zum Alexanderplatz, es spielen sich brutale Szenen ab. Etwa 200 Personen werden festgenommen.

Am dritten Tag der Konzerte, am Pfingstmontag 1987, sollten ähnliche Szenen verhindert werden, die Sicherheitskräfte versperrten Tausenden, die vom Brandenburger Tor aus Genesis hören wollten, den Zugang. In den DDR-Medien wurden die Verhaftungen, die Zusammenstöße, die Randale geleugnet.

Für die nächsten zwei Jahre, bis zum Fall der Mauer, war Schluss mit West-Konzerten für Ost-Berlin.

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