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Fazit | Beitrag vom 14.01.2016

Multimediale Installation von Heiner Goebbels54 Mal die gleiche Szene

Von Simone Reber

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Die multimediale Installation "Die Provinz des Menschen / The Human Province" des Komponisten und Theatermachers Heiner Goebbels (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
54 Mal dieselbe Szene: Die multimediale Installation "Die Provinz des Menschen" - nach einem Text von Elias Canetti über Barbarei und Zivilisation. (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Ein Mann kommt aus dem Theater und zitiert während einer Taxifahrt Canettis Gedanken zum Entwurf einer Gesellschaft. Diese Szene drehte der Künstler Heiner Goebbels über zehn Jahre an verschiedenen Orten der Welt. 54 Episoden sind – teilweise gleichzeitig - in Dresden zu sehen.

Schafe rasten bei Nacht zwischen den Backsteinmauern einer monumentalen Industriehalle. Über den Köpfen der Tiere schwebt lautlos ein hell erleuchteter Zeppelin. Bei dem Klangbildkünstler Heiner Goebbels ist selbst Landschaftsidylle menschengemacht. Die Tiere nächtigen in der Kraftzentrale Duisburg-Nord. Ursprünglich entstand die Arbeit als 4. Akt der Oper "De Materie" des niederländischen Komponisten Louis Andriessen. Im Dresdner Lipsius-Bau bildet die Schafherde nun das animalisch wärmende Gegenstück zum Hauptwerk der Ausstellung – "Die Provinz des Menschen" – nach einem Text von Elias Canetti über Barbarei und Zivilisation.

In 54 verschiedenen Filmen, die mal gleichzeitig, mal nach einander auf einer Videowand erscheinen, geht ein Mann aus dem Theater, steigt in ein Taxi und zitiert während der Fahrt Canettis Gedanken zum Entwurf einer Gesellschaft. In der Symphonie der Bilder und der Töne lässt sich der Text zunächst kaum verstehen. Hortensia Völckers, Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, kennt das Werk seit 25 Jahren. Für sie besteht in der Irritation der Reiz, sich auf ein anderes Sehen und Hören einzulassen.

Musik mit Bildern

"Das ist Musik mit Bildern, die da passieren. Man ist immer wieder gefangen in dieser Tendenz, zu sagen, wenn einer spricht, möchte ich auch wissen, was er sagt. Und in dem Moment geht es nicht darum, sondern es ist eine Rhythmus-Collage und wenn man sich ein bisschen geduldet, dann fällt das in Einzelteile, die man mitnehmen kann. Und das entdeckt man nach und nach, man muss nur offen sein."

Der Mann fährt kreuz und quer durch die Stadt, steigt aus dem Auto, kauft eine Flasche Wasser, läuft die Strasse hinunter, schließt eine Haustür auf, aber er kommt nie an. Langsam lösen sich einzelne Sätze aus dem Chor. In den unheimlichen Utopien verwandelt sich Menschlichkeit in totalitäre Visionen.

In Entwürfe von einer Gesellschaft, in der Menschen lachen, statt zu essen...

In Machtphantasien von einer Gesellschaft, in der jeder ein Tier zum Sprechen abrichtet....

In Gewaltvorstellungen von einer Gesellschaft, in der die Kinder als Henker dienen.

Der Reichtum und der Abgrund in der Provinz des Menschen kommen in dem Werk zum Ausdruck, sagt Hartwig Fischer, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

"Der Abgrund ist vielleicht, dass wir merken, dass unsere Existenz etwas ist, das in größeren Teilen jenseits unseres Willens liegt und jenseits unserer Macht. Unser Leben ereignet sich und wir stehen darin, wir sind, wie Freud sagt, nicht Herr im eigenen Haus. Die Widersprüchlichkeit, die unauflösbaren Gegebenheiten eines Menschenlebens, die Frage von Freiheit und Unfreiheit, von Selbstbestimmung und Bestimmtheit, die spielen in dieser Arbeit eine ganz große Rolle glaube ich."

Wenn alle 54 Filme synchron laufen, schwellen die Stimmen zu einem bedrohlichen Chor an. Da ist man versucht, die weltläufige Arbeit als punktgenauen Kommentar zu den aktuellen Dresdner "Wir sind das Volk"-Chören zu lesen.

So konkret will Heiner Goebbels seine Komposition allerdings nicht verstanden wissen.

"Ich würde das erstmal offener beschreiben. Weil Provinz des Menschen erstmal sagt, das ist das Territorium, in dem der Mensch glaubt, alles kontrollieren zu können und das ist natürlich der Abgrund, dieser Machbarkeitswahn."

Wahrnehmung im Rhythmus der Symphonie

Der französische Schauspieler André Wilms spielt den Mann, immer mit dem gleichen Hut, immer im gleichen Mantel, in immer der gleichen Szene. Aber immer in einer anderen Stadt, in Zürich oder Athen, in Frankfurt oder Sydney, in Quebec oder Wellington. Während er seine Wege durch die Metropolen webt, wird der Mann älter. Zehn Jahre lang hat Heiner Goebbels mit Andre Wilms die Szene wiederholt. Als Zuschauer sucht man die Bildschirme ab, will wissen, wo der Mann herkommt, wo er zu Hause ist, von wem er sein Wasser kauft. Will verstehen, warum er das immer wieder tut. Aber, sagt Heiner Goebbels, Wiedererkennung ist der Feind künstlerischer Erfahrung.

"Viele Leute benutzen das Wort verstehen, als eine Reduktion auf das, was sie schon kennen. Und Kunst müsste eigentlich das Gegenteil sein, die künstlerische Erfahrung muss eine Erfahrung mit etwas sein, wofür wir noch keinen Begriff haben, was wir so noch nicht erlebt haben, künstlerische Erfahrung ist eigentlich die Erfahrung des Fremden."

So folgt die Wahrnehmung dem Rhythmus der Symphonie. Unverständnis wandelt sich in Neugier, in Ahnung, in Erkenntnis und zerschellt schließlich am Geheimnis. Wie weise wirken da die Schafe im anderen Raum. Im Kraftwerk Duisburg-Nord warten sie auf den Tag und nehmen gelassen hin, dass der Mond ein Zeppelin ist.

 

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