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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.11.2015

MultikulturalitätDer Toleranzgedanke und seine Grenzen

Von Walter van Rossum

Bedeutet Toleranz heute nicht eigentlich Akzeptanz? (dpa/Wolfgang Kumm)
Bedeutet Toleranz heute nicht eigentlich Akzeptanz? (dpa/Wolfgang Kumm)

Die Toleranzdebatten unserer Tage führen meist Leute, die von den Grenzen der Toleranz schwärmen. Besonders dann, wenn der Islam im Spiel ist. Doch was hat es mit Toleranz überhaupt auf sich? Eine Begriffsklärung.

Das waren noch Zeiten! "Endlich Türken!", titelte die "Bild"-Zeitung in der ihr eigenen Unübersehbarkeit. Das war Mitte der 60er-Jahre. Seit über zehn Jahren strömten damals sogenannte Gastarbeiter aus Spanien, Italien oder Griechenland nach Deutschland. Die ausländischen Leiharbeiter des deutschen Wirtschaftswunders. Geheuert auf Zeit und nach Bedarf - gewis­sermaßen fahrendes, vorbeifahrendes Volk. Doch es kam anders. Die Fremdarbeiter holten ihre Familien nach, sie verließen die bewachten Schlafheime neben den Fabriken, mieteten Wohnungen, öffneten Restaurants. Diese "Spaghettis", "Jugos" und "Kanaken" aller Art begannen Ansprüche zu stellen, pochten auf ihre Rechte und meldeten ihre Kinder auf deutschen Schulen an.

"Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von Toleranz. Aber es gibt einen Kern des Begriffs: Wir tolerieren nur Dinge, die andere tun oder sagen, wenn das, was die sagen oder tun, uns stört, mehr noch: Wenn wir da was falsch dran finden",sagt der Philosoph Rainer Forst.

Von Integration durfte nicht mal geredet werden. Deutschland war ja kein Einwanderungsland. Aber Deutsche hatten jetzt ein "Auslän­derproblem". Genüsslich erschrocken verwies man auf die stei­gende Kriminalität. Man hatte Angst vor gewalttätigen ausländischen Jugendli­chen, die angeblich bereit waren, einen zu erstechen, wenn man die Schwester falsch ansah.

"Wenn wir an dem, was andere tun oder denken, nichts auszusetzen haben und das freudig als etwas Fremdes und Bereicherndes begrüßen, dann ist das nicht Toleranz. Wird aber oft verwechselt. Wenn das, was die anderen tun, uns egal ist, wir gleichgültig sind, dann ist das auch keine Toleranz. Auch das wird oft verwechselt."

Deutschland bedroht von all den Fremden, die keine mehr sein woll­ten, begab sich auf die Suche nach richtigen "Ausländern": Fremde, die oft kaum lesen noch schreiben konnten, unseren zivili­satorischen Gepflogenheiten weit entrückt schienen und die be­stimmt keine Ansprüche auf Partizipation irgendwelcher Art stell­ten: Türken eben, bettelarme Menschen aus dem anatolischen Hochland, die über jede Mark glücklich waren, die sie hier verdien­ten. Muslime - Menschen, mit denen uns nichts zu verbinden drohte.   

"Tolerieren kann man nur das, was da steht, was mir missfällt, womit wir ein Problem haben. Also ist Toleranz eine Hal­tung, etwas zu dulden, was man eigentlich falsch findet."

Wie Friedrich Merz die deutsche Leitkultur erfand

Doch mit dem neuen Personal wiederholten sich die Erfahrungen mit der ersten Generation von Gastarbeitern. Und bald verschärften sich die Umstände. Deutschland brauchte keine fremden Handlan­ger mehr. Europa fusionierte und aus den südländischen Arbeitern wurden Europäer - während die Türken immer fremder wurden. In dieser Situation erfand der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz im Jahre 2000 eine Art Toleranzformel, die die Guten von den Schlechten zu scheiden beanspruchte.

"Es geht im Wesentlichen darum, dass die hier in Deutschland lebenden Ausländer auch bereit sind, sich der deutschen Leitkultur anzuschließen."

Friedrich Merz stieß die Debatte um die deutsche Leitkultur an. (imago/Metodi Popow)Friedrich Merz stieß die Debatte um die deutsche Leitkultur an. (imago/Metodi Popow)

Die Sache hatte einen Haken: Die Deutschen verstanden sich traditio­nell eher auf schneidende Definitionen des Undeutschen. Und so begann ein radebrechendes Suchen nach der Leitkultur. Wenigstens Kabarettisten fanden hier Nahrung und Stoff auf Jahre hinaus. Sonst kam dabei selten mehr raus als dumpfes Geblubber aus nationalen Abgründen:

Die Suche nach der deutschen Leitkultur gebar einen grotesk montier­ten Inländer, eine edle Gestalt, die in den Glauben ans Grundgesetz versenkt den Idealen der Freiheit, des Rechts, der To­leranz und des Pluralismus huldigt, Humanismus und Aufklärung in sich trägt sowie das fantastische Amalgam christlich-jüdisches Abendland.

Blieb nur das alte Problem: Diese Lichtgestalt des leitkulturell erleuchteten Abend­landes dürften die mittlerweile Millionen von Immigranten kaum zu Gesicht bekommen haben, geschweige denn seiner Weisheit teil­haftig werden. Kaum kam ein Kopftuch ins Spiel, war man kein Mensch im Sinne jenes Humanismus mehr. Rabeya Müller konvertierte vor vielen Jahren zum Islam und arbeitet heute unter anderem als Imamin:

"Ich habe mittlerweile Kinder und Enkel, die in der zweiten und dritten Generation geborene deutsche Muslime sind, und ich muss sagen, dass zum Beispiel meine Kindern, die ja in diesem Land aufgewachsen sind, in einer interreligiösen Familie – der Großteil meiner Familie ist ja nicht muslimisch – tatsächlich an bestimmten Stellen sagen: Ich bin fassungslos. Alles, was wir in der Schule ge­lernt haben, alles, was wir von dir gehört haben, sagen sie dann zu mir, ist irgendwie weggeblasen. Die Tatsache, dass wir als Muslime erkennbar sind, reicht aus, um uns abzulehnen, um uns zu hassen. Das ist doch unser Land. Und das ist sehr, sehr schwierig."

Das Grundgesetz postuliert etwas anderes:

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schüt­zen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (…) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, sei­ner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."

Sonderbarerweise ist niemand auf die Idee gekommen, aus solchen Sätzen die Prinzipien einer modernen Leitkultur abzuleiten. Rabeya Müller hätte es dann leichter, hier zu leben.

"Es ist ganz logisch, dass Muslime, die nach Deutsch­land kommen, sich den hiesigen Gesetzen unterzuordnen haben. Die müssen auch ein bestimmtes Maß an Toleranz von jedem Ein­zelnen einfordern. Andererseits ist es auch gut, wenn diese Men­schen erfahren, dass bestimmte Güter und Werte auch geschützt sind durch das Gesetz, das wir in Deutschland haben, und dass man, wenn man etwas wirklich als tief beleidigend empfindet, dass man da rechtlich gegen vorgehen kann."

"Toleranz an sich ist keine Tugend, kein Wert"

Der Philosoph Rainer Forst: "Die Toleranz, die wir in Demokratien pflegen, sollte nicht strategischer Natur sein, sondern eher darauf beruhen, dass man den anderen als gleichberechtigt ansieht. Auch wenn man weiß, dass der oder die Gleichberechtigte ein anderes Verständnis vom richtigen oder guten Leben hat."

So gesehen hat der Einzug der Fremde und des bunten Rests der Welt in die Bundesrepublik kei­neswegs zu einer allmählichen Einübung von Toleranz geführt.

"Toleranz an sich ist keine Tugend, kein Wert, wenn man Dinge toleriert, die man nicht tolerieren sollte – etwa wenn andere Menschen gequält werden etc. -, dann ist die Toleranz keine Tugend, auch kein Wert. Sie ist nur dann ein Wert, wenn sie gut be­gründet ist. Die Gründe kommen anderswo her. Aus moralischen Überzeugungen, manchmal aus religiösen Überzeugungen, aus stra­tegischen Überlegungen – etwa um des lieben Friedens willen."

Wenn sich Toleranz also um Anerkennung dreht, wenn Toleranz be­deutet, die Fremdheit des Fremden kritisch und selbstkritisch zu re­flektieren, dann wird niemand behaupten können, Deutschland wäre Toleranzweltmeister. Ra­beya Müller, Imamin und Bürgerrechtlerin, hat da so ihre Erfahrungen gesammelt:

"Es gibt eine Stelle im Koran, wo es heißt, wenn die Leute über dich herziehen, besonders über deine Religion, dann wende dich einfach von ihnen ab, bis sie zu einem anderen Thema übergehen. Ich denke, das ist eigentlich eine ganz gute Me­thode, weil ich persönlich nicht glaube, dass man gegen Vorurteile großartig was machen kann, wenn man darüber ständig argumen­tiert, weil jeder irgendein Einzelbeispiel hat, das das widerlegt."

Multikulti-Bewegte mögen eine Weile lang die Konturen einer dump­fen Konfrontation hinter den Girlanden einer allgemeinen Weltumarmung versteckt haben, doch verdanken wir dieser Bewegung nennenswerte Beiträge zu einem etwas komplexeren Umgang mit dem Toleranzproblem?

Forst: "Manchmal wiegen wir uns in dem Bewusstsein, wir seien Teil einer längeren Fortschrittsgeschichte und unsere Zeit sei die toleranteste, die jemals existiert habe. Da muss man vorsichtig sein, bevor man sich auf die Schultern klopft. Es kann durchaus sein, dass die Religionen im mittelalterlichen Andalusien friedlicher mit­einander ausgekommen sind als in vielen Teilen der Welt, vielleicht auch in Teilen unserer Gesellschaft."

Dem 800-seitigen Buch "Toleranz im Konflikt" von Rainer Forst kön­nen wir entnehmen, dass das Thema Toleranz zu gewissen Zeiten eines der heißesten Eisen war und zu einer Reihe von epochema­chenden Werken geführt hat. Die Toleranzdebatten unserer Tage führen stattdessen meist Leute, die ausschließlich von den Grenzen der Toleranz schwärmen oder "null Toleranz" einfordern.

Henryk M. Broder badet im Gefühl der Überlegenheit

"Tödliche Toleranz. Die Muslime und unsere offene Gesellschaft" heißt ein Buch des Journalisten Günter Lachmann, das 2005 er­schien. Henryk M. Broder folgte 2006 mit einer "Kritik der reinen To­leranz" und schaffte es damit bis auf die Bestsellerlisten. Thilo Sarra­zins Buch "Deutschland schafft sich ab" erschien 2010 und wurde zu einem der meistverkauften Bücher in Deutschland schlechthin. Alice Schwarzer erklärt in mehreren Büchern Muslima mit Kopftüchern kurzerhand zu Sendboten der Scharia. Emanzipation ausgeschlos­sen.

Der Titel "Kritik der reinen Toleranz" könnte glauben machen, Broder suche eine philosophische Annäherung an die Toleranzproblematik unserer Tage. Nichts liegt diesem Autor ferner. Er sagt:

"Zunächst einmal ist der Begriff unglaublich schwammig. So wie ein Stück Kernseife oder Schmierseife. Es ist na­türlich Schwäche."

Der Publizist Henryk M. Broder (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)Der Publizist Henryk M. Broder (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Broder badet im Gefühl der Überlegenheit unserer Moderne über den steinzeitlichen Islam. Doch dass die Zentralbegriffe jener Moderne – sagen wir mal: Freiheit, Toleranz, Gleichheit, Ver­nunft – gerade nicht wie die Suren eines Handbuchs funktio­nieren, scheint ihn zu überfordern.

Forst: "Es gibt keine Gebrauchsanweisung, denn die Überle­gung, was habe ich eigentlich gegen dies und das und was spricht trotzdem für Toleranz, diese Überlegung muss man immer wieder neu vollziehen. Weil die Herausforderungen immer wieder unter­schiedlicher Art sind."

Broder verwirft lieber gleich die Toleranz bzw. was er dafür hält. Sonderbare Geschichtsbücher haben ihm sonderbare Geschichten erzählt:

"Toleranz ist ein Begriff der Postkutschenzeit, als es darum ging, bestimmte Rechte von Minderheiten zu verteilen. Die heutige Wertschätzung der Toleranz beruht auf einem Missver­ständnis."

Wenig könnte abwegiger sein als diese Kurzgeschichte der Toleranz. Tatsächlich gab es im 17. und 18. Jahrhundert eine Reihe von Toleranzedikten: Duldungsgarantien, die Könige religiösen Minderheiten gewährten. Doch nicht die haben den Begriff geprägt, sondern Denker von Platon bis Rainer Forst.

"Faszinierend sind sehr viele. Aber an historisch erster Stelle würde ich Augustinus nennen wollen und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil er Argumente für Toleranz, also die Gewissensfreiheit und viele andere Argumente entwickelt, aber zweitens ab einem gewissen Zeitpunkt, wo er Bischof in Nordafrika ist und konfrontiert mit einem Schisma, also einer Kirchenspaltung einer religiösen Gruppe, die Donatisten, die eine andere Auffassung der christlichen Lehre hatten, aber auch der sozialen Implikationen dessen, was Christentum besonders für die ärmeren Schichten bedeutete. In der Situation nimmt er seine eigenen Toleranzargumente auf und widerlegt sie. Das ist faszinierend und hier lernen wir sehr viel über die Toleranz wie über die Intoleranz, über die Auffassung, dass eine bestimmte Form der Intoleranz ein Gebot ist, um den Verlust des ewigen Seelenheils zu vermeiden."

Voltaires wütende Anklage gegen die Intoleranz

Der Kampf ums Seelenheil gab den Gedanken und Disputen über Toleranz ihre Sprengkraft. Genau das machte das Ringen um Toleranz oft so unerbittlich. Noch schlimmer wurde es, wenn Religion und Macht fusionierten. Wie im Siebenjährigen Krieg, der Europa Mitte des 18. Jahrhunderts verwüstete. In dieser Situation ergriff Voltaire das Wort. Zündfunke seines berühmten "Traktat[s] über die Toleranz" von 1763 war ein Justizskandal, der als "Affäre Calas" in die Geschichte einging. Jean Calas war ein redlicher protestantischer Kaufmann aus Bordeaux, dem man vorwarf, den eigenen Sohn ermordet zu haben, weil der zum Katholizismus konvertieren wollte. Penibel belegt Voltaire, dass der Vorwurf nicht nur nicht zutraf, sondern von Fundamentalisten der Intoleranz vorsätzlich konstruiert worden war. Und er machte der Intoleranz den Prozess, insbesondere rechnete er mit der Intoleranztheorie des Heiligen Augustinus ab.

"Das Recht der Intoleranz ist also ebenso unvernünftig als barbarisch. Es ist das Recht der Tiger; ja noch schrecklicher als dies. Die Tiger zerreißen nur, um ihren Hunger zu stillen; wir vertilgen einander um Paragraphen."

Voltaires Schrift ist eine wütende Anklage gegen die Intoleranz und ein leidenschaftliches Plädoyer, Konflikte stillzustellen, die sich vernünftig nicht lösen lassen. Es geht ihm um die gegenseitige Anerkennung im Konflikt. Und es ist dieser Toleranzbegriff, der die europäische Moderne geprägt hat.

Zeitgenössischer Stich des französischen Schriftstellers und Philosophen Voltaire. (picture alliance / dpa)Zeitgenössischer Stich des französischen Schriftstellers und Philosophen Voltaire. (picture alliance / dpa)

Diese Toleranz fordert allen Beteiligten etwas ab. Sie relativiert alle Ansprüche und Perspektiven. Und das macht sie in den Augen ihrer Kritiker zu einer Haltung der Schwäche. Das lässt sich in gewisser Weise sogar nachvollziehen: Labile Charaktere könnte die Tole­ranz irritieren. Da gibt es Leute oder Zustände, die mich stören – Schwule zum Beispiel oder Muslime oder Facebook –, aber Toleranz hat mich dahin gebracht, ihre Existenz anzuerkennen, also etwas an mich ranzulassen, was ich selbst nicht will. Die intime Mühsal der Tole­ranz. Man kann sich tatsächlich vorstellen, dass die Zumutung der Toleranz der dröhnenden Heiterkeit eines Stammtischlers Blei in die Flügel gießt. Denn die ist aus einem Guss.

Ganz so wie die Programme der Intoleranz. Das Problem ist nur: Auch die Intoleranz wird erst durch komplexe Begründungen zu einem Wert.

Forst: "Es gibt drei Bestandteile des Begriffs. Erstens: Man hat ein Problem, mit dem, was andere tun oder denken. Zweitens: Es gibt Gründe, es dennoch zu tolerieren bis, drittens, eine Grenze der Toleranz erreicht ist."

Und daran erkennt man die Fundamentalisten der Intoleranz. Sie brauchen keine Gründe: Ihnen genügen bereits die Aufzählungen von Differenzen, sie addieren ganz alltägliche Konflikte und vermeintliche Störfälle und toupieren sie zur Verschwörung gegen das Abendland hoch. Ressentiments ersetzen Argumente.

Broder: "Wir hören nicht von indischen, russischen oder chine­sischen Schülern, die einen eigenen Gebetsraum haben wol­len. Alle die Probleme, so leid es mir tut, erleben wir nur im Zu­sammenhang mit dem Islam."

Der Journalist Günter Lachmann sammelt in seinem Buch "Tödliche Toleranz". Die Muslime und unsere offene Gesellschaft Dutzende von angeblichen Beweisen islamischer Unterwanderung.

Lachmann: "Die Türken sehen sich Fußballspiele lieber in ihrem Lo­kal an. Sie jubeln auch nicht für Deutschland, obwohl sie hier leben und einige ihrer Jungs Oliver Kahn 'echt krass' finden. Sie applaudie­ren lieber bei jedem Tor, das die deutsche Nationalmannschaft kas­siert."

Alice Schwarzer fürchtet Unterwanderung durch Islamisten

Was ist daran beunruhigend? Fußballfans von Borussia Dortmund und Schalke 04 sitzen auch nicht im selben Lokal oder jubeln über die Tore, die ihre eigene Mannschaft einstecken muss. Insofern ist die Duldung des zitierten Phänomens nicht einmal eine Frage der Toleranz.

Für Lachmann ist auch klar, dass Richter, die den Klagen einiger muslimischer Eltern gegen gemischtgeschlechtlichen Sportunter­richt recht gegeben haben, dem Unvorstellbaren Tür und Tor öffnen werden:

"Mit solchen Richtern im Rücken setzten die Muslime den Bau von Moscheen, notfalls gar den von Minaretten mit Laut­sprecheranlagen durch."

Deshalb erklärt Alice Schwarzer, dass die deutsche Rechtsprechung kurz vor der Übernahme durch die Scharia steht.

Schwarzer: "Es ist allerdings zu konstatieren, dass es sich nicht nur um Ausnahmen handelt, dass diese falsche Toleranz bei deut­schen Gerichten grassiert. Und dass es mittlerweile den Versuch ei­ner systematischen Unterwanderung des deutschen Rechtssystems durch Islamisten gibt."

Günter Lachmann legt den Finger auf die entscheidende Wunde:

"Der Islam unterscheidet sich in einem Punkt gravierend von anderen Religionen: Er hat ein eigenes religiöses Recht entwi­ckelt, das alles menschliche Handeln nach islamischer Ethik bewer­tet und durch Gesetze regelt."

Der Blick in ein Jugendlexikon der Weltreligionen hätte Lachmann darüber informiert, dass fast alle Religionen ihre eigenen Rechtsvostellungen haben. Insbesondere die christliche und die jüdische Re­ligion. Aber heute hat sich das religiöse Recht in den meisten Staaten dem weltlichen Recht untergeordnet.

Wie steht es mit dem Selbstbestimmungsrecht der jüdischen Frau?

Man fragt sich, was würden die glühen­den Abendländer eigentlich sagen, wenn in Deutschland noch in nennenswerter Zahl orthodoxe Juden lebten? Selbstverständlich darf ein Jude nicht am Samstag arbeiten, eine bestimmte Gruppe von Juden darf über­haupt nicht arbeiten. Selbstverständlich haben amerikanische, fran­zösische oder belgische Juden Anspruch auf eigene Gebetsräume, selbstverständlich müssen sie nicht an einem gemischtgeschlechtli­chen Sportunterricht teilnehmen, sie brauchen nicht einmal auf die üblichen Schulen zu gehen, sondern haben eigene. Selbstverständ­lich würde ein orthodoxer Jude, wenn er denn meiner Einladung zum Abendessen folgte, sein eigenes, sein koscheres Geschirr und Besteck mitbringen. Und wie steht es eigentlich mit dem Selbstbestimmungsrecht der jüdischen Frau?

Mit anderen Worten: Die meis­ten Verbrechen und Zumutungen, die leitkultivierte Europäer heute Muslimen vorwerfen, haben ihre Großeltern bereits Juden vorge­worfen – mit den bekannten Folgen. Es genügt, einen Film wie der Ewige Jude anzuschauen. Da hat eine erschreckend ähnliche Rheto­rik bloß einen anderen Gegenstand. In dieser Sicht der Dinge hat der Jude die Generosität und Arglosigkeit des Ariers ausgenutzt und jetzt hat der Arier die Ratten im Haus.

Müller: "Es steht auch im Koran als eine Anordnung für uns, wenn wir uns irgendwohin aufmachen, wenn wir irgendwie neu sind, dann sollten wir uns erst mal gehörig informieren und niemanden in irgendeiner Weise beschuldigen, zum Beispiel dass er kein Gläubiger oder Ähnliches sei. Ich glaube, das ist etwas, das für die andere Seite ge­nauso gelten sollte, dass man sich erst einmal informiert."

Um zu prüfen, ob man etwas tolerieren kann oder will, muss man sich damit auseinandersetzen. Insofern ist Toleranz immer ein mühsamer Prozess: Ich muss mich einer Sache annähern, die mich spontan stört. Ich muss einen Konflikt annehmen. Das heißt aber nicht, dass ich das Störende oder Irritierende am Ende tolerieren muss. Beide Seiten müssen bereit sein, das Konflikthafte des Konflikts zu verstehen. Und das setzt elementare Informiertheit voraus. Die Rabeya Müller vermisst:

"Ich bin jetzt seit 40 Jahren in der Dialogarbeit tätig in Deutschland. Aber dass immer noch so wenig wirkliches Interesse daran ist, was es denn nun mit einzelnen Fakten im Islam auf sich hat, das ist schon etwas, was einem manchmal auf die Nerven geht."

Wo Fremde aufeinanderstoßen, sind Konflikte eigentlich ganz normal. Glücklicherweise sind Minderheiten in diesem Land nicht von zwischenmenschlichen Toleranzverhältnissen völlig abhängig. Unsere Verfassung macht Toleranz gewissermaßen zu einem Ordnungsanspruch. Wo es eine Synagoge geben darf, darf es auch ein Minarett geben. Türken, die in Deutschland leben, müssen nicht für die deutsche Nationalelf schwärmen. Vergewaltigung in der Ehe ist nach langem christlichem Widerstand auch in Deutschland seit knapp 20 Jahren strafbar. Ehrenmorde sind Morde. Allerdings wird von deutschen Richtern erwartet, Motive einer Straftat zu berücksichtigen. Dass Muslime den deutschen Rechtsstaat systematisch unterwandern, ist ausschließlich ein absichtsvoll böses Phantasma. Mit einiger Sicherheit aber verstoßen zahlreiche Propheten der Intoleranz gegen deut­sches Recht. Wer die Religionsfreiheit abschaffen will, ist ein Verfas­sungsfeind.

Wo es eine Synagoge geben darf, darf es auch ein Minarett geben. Oder?Wo es eine Synagoge geben darf, darf es auch ein Minarett geben. Oder?

Müller: "Man muss einfach überlegen, warum rege ich mich darüber auf, wenn ich da eine Frau mit Kopftuch sehe. Auf der anderen Seite, wa­rum rege ich mich darüber auf, wenn ich eine junge Frau mit einem entsprechenden Ausschnitt sehe. Und dass man sich darüber klar wird, was einen da ängstigt und was einen da aufregt und ob das wirklich etwas ist, das einem auch persönlich zu nahe tritt, womit ich mich nicht abfinden kann."

Wieso bedroht ein Minarett die Fundamente des Abendlandes?

Forst: "Und es kann sein, dass die Vorstellung, dass die eige­nen Kinder von einer Lehrerin unterrichtet werden, die ein Kopftuch trägt, einem, wenn man christlicher Überzeugung ist, ein biss­chen was abverlangt. Aber das genau ist die Toleranz, weil man sich fragen muss: Ist die Tatsache, dass es für mich ein Problem ist, wenn eine Lehrerin ein muslimisches Kopftuch trägt, Grund genug, ihr das zu untersagen? Wenn man dann zu dem Schluss kommt, nein, sie sollte nicht verboten werden, weil die Religionsfreiheit etwa der Lehrerin freistellt, ob sie ein Kreuz um den Hals oder ein Kopftuch um den Kopf tragen will, dann heißt das nicht, dass man glücklich ist mit einem Lehrer, der ein Kreuz oder Kopftuch trägt. Aber das ist eben die Toleranz. Die Toleranz macht einen nicht unbedingt glücklich. Sie sagt einem nur in einer Demokratie, was es heißt, andere als gleichberechtigt zu akzeptieren."

Müller: "Ich glaube, dass wir uns immer auf unsere demokrati­schen Grundüberzeugungen und Werte zurückbesinnen müssen. Und diese Rückbesinnung wäre in erster Linie zu sagen: Wir fördern es, dass Frauen die Möglichkeit haben, sich für oder ge­gen das Stück Stoff zu entscheiden, und wirklich diese Toleranz auf beiden Seiten einzufordern. Denn auch muslimische Gemeinschaf­ten müssen lernen, dass es möglich sein soll, dass Frauen das Recht haben, Nein zum Kopftuch zu sagen. Aber die nichtmuslimische Ge­sellschaft muss auch verstehen, dass nach unserer Verfassung eine Frau auch durchaus ein Kopftuch tragen kann und dabei keinesfalls die schlechtere Demokratin ist, während eine Frau ohne Kopftuch noch lange keine schlechtere Muslima ist."

Was macht die Toleranz eigentlich so schwer? Wieso bedroht ein Minarett die Fundamente des Abendlandes? Wie modern sind wir eigentlich am Beginn des 21. Jahrhunderts, wenn man bedenkt, dass in der Hafenstadt Hamburg Ende des 18. Jahrhunderts über 400 unterschiedliche Religionen offiziell ihre Gebete in ihren eigenen Kirchen verrichten durften? Warum verglüht das Selbstbewusstsein etlicher Zeitgenossen bei Forderungen nach einem koscheren Grill? Was ist das für eine Toleranz, die sich erlaubt, muslimische Frauen mit Kopftuch umstandslos zu vormodernen Gespenstern zu erklären? Warum dürfen es sich die Intoleranten eigentlich so verdammt einfach machen?

Die Intoleranz wird von Ängsten und Störungen befeuert

Forst: "Die Komplexität, die sie einfordern, müssen die Bür­ger selbst leisten. Sie müssen in der Lage sein, und das muss Teil der öffentlichen Diskussion sein, zu unterscheiden zwischen der Kri­tik an einer Lebensform und der Frage, warum so eine Lebensform verboten oder eingeschränkt werden soll. Keine Gesellschaft kann Toleranz leisten, wenn diese Differenzierungsfähigkeit fehlt, so­dass Mehrheiten glauben, ihre Hausordnung dürfte mehr oder we­niger bestimmen, wie alle zu leben haben, wenn die also nicht bereit sind, diese Hausordnung mal zu befragen, dann wird es schwierig."

Es ist schwierig. Man weiß doch, dass es etwa in den Schweizer Kanto­nen, die eine Volksbefragung über den Bau von Minaretten durchgesetzt haben, gar keine Minarette gab. In Dresden, wo der Antiislamismus sich in unerträglichen Parolen auf der Straße äußert, gibt es nur eine verschwindende Zahl von Muslimen. Die Intoleranz unserer Tage kommt weitgehend ohne reale Konflikte oder auch nur Erfahrungen im Umgang mit dem angeblich Unerträglichen aus. Diese Intoleranz wird vermutlich vor allem von ihren eigenen Ängs­ten und Störungen befeuert. Aber wir sollten uns nicht täuschen, die Intoleranz ist mehr als nur gesellschaftsfähig. Ihre Aktivisten kommen aus der berühmten Mitte der Gesellschaft.

Es ist wahr: Eine Verfassung, die Toleranz zum Grundrecht und zur Grundpflicht macht, ist eine gewaltige historische Errungenschaft. Aber sie kann nur einen Rahmen definieren. Sie entbindet nicht von der Toleranz, die durch Begründungsarbeit zum Wert wird – und notfalls auch ziemlich genau weiß, was nicht zu tolerieren ist.

Forst: "Dann ist Toleranz nur noch als die Form möglich, die Goethe meinte, wenn er sie als Beleidigung bezeichnete oder Kant als arrogant. Das ist nämlich die Haltung von Mehrheiten, die sagt, was Ihr macht, gefällt uns nicht, und wir hätten eigentlich die Mög­lichkeit einzuschreiten, aber weil wir großzügig sind, lassen wir Euch das mal machen und wir sagen Euch, bis zu welchem Punkt. Das ist eine Form von Toleranz, die Minderheiten klar das Signal gibt, Ihr gehört eigentlich nicht hierher, aber wir lassen Euch jetzt mal in den Freiräumen, die wir Euch ziehen, leben. So kann man in einer De­mokratie nicht argumentieren."

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