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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.01.2007

Mütter, liebt Eure Söhne!

Alain Braconnier: "Mutterliebe. Warum Söhne starke Mütter brauchen". Deutsche Verlags-Anstalt 2006. 349 Seiten

Alain Braconnier ermutigt Mütter, ihre Söhne von ganzem Herzen zu lieben.
Alain Braconnier ermutigt Mütter, ihre Söhne von ganzem Herzen zu lieben. (AP)

Muttersöhnchen das klingt unsexy. Denn Muttersöhne gelten als zu weich, verzärtelt und ängstlich. Und all das darf ein echter Kerl schließlich nicht sein. Das Problem dabei: Jeder Mann ist Sohn einer Mutter. Sie bringt ihn zur Welt, versorgt ihn und ist auch heute noch hauptsächlich für seine Erziehung verantwortlich. Wie aber passt das zusammen? Wie vermitteln Mütter, also Frauen, ihren Söhnen männlich zu sein? Geht das überhaupt? Ja, sagt der französische Psychologe Alain Braconnier in seinem neusten Buch. Und geht sogar noch weiter: Nur Dank einer starken Mutter können Söhne überhaupt echte Männer werden.

"Meine Mutter ist wie ein Nachtlicht, sie ist immer da, und wenn ich traurig bin, kann sie schnell zu leuchten beginnen, um mein Herz zu wärmen", beschreibt der siebenjährige Julien die Beziehung zu seiner Mutter.

Eine schönere Liebeserklärung kann es wohl kaum geben an die erste Frau im Leben eines Knaben und so steht sie auch stellvertretend gleich am Anfang dieses gelungen Buches. Ein Buch, das Frauen förmlich zuruft: Mütter traut euch! Liebt eure Söhne, seid für sie da und gebt euch warmherzig! Denn Mutterliebe ist das beste Dopingmittel fürs Leben und wirkt wie ein Zaubertrank, jeder Schluck davon macht stark für das spätere Leben. Alles andere vergesst! Die Warnung "Achtung, kastrierende Mütter", die Freud und co. in die Welt trugen, vergesst! "Die Liebe einer Mutter macht stark. Außer in Fällen übermäßiger Anhänglichkeit hindert sie einen Jungen keineswegs daran, ein Mann zu werden - ganz im Gegenteil", bringt Alain Braconnier sein Plädoyer für Mutterliebe auf den Punkt.

Über dreihundert Seiten widmet sich der französische Psychologe diesem spannenden Thema. Er taucht ein die ägyptische und die griechische Mythologie, er erklärt die gängigen psychoanalytischen Erklärmuster und beschreibt Studien zum Thema. Darüber hinaus nennt Alain Braconnier Fallbeispiele aus seiner eigenen Praxis.

Denn auch heute noch fürchten viele Mütter, ihre Söhne zu verweichlichen, wenn sie sie zu sehr lieben. Klischees wie "Er wird kein richtiger Mann, er wird immer ein Kind bleiben oder er wird homosexuell" bestimmen dabei ihr Handeln. Etwa das von Carole. Aus Sorge, dass ihr Sohn zu schüchtern ist, schleppt sie "ihren Kleinen" von Arzt zu Arzt. Sie sucht nach einer Ursache für seine Schüchternheit, sie will ihm helfen, dominanter, sprich: männlicher aufzutreten. Doch muss sie das überhaupt? Oder ist ihre Sorge an sich schon ein Zeichen dafür, dass sie ihren Sohn mit ihrer Liebe erstickt und der Junge sich daher zurückzieht und schüchtern auftritt?

Patentrezepte auf solche Fragen bietet Alain Braconnier zwar keine, aber es gelingt ihm anhand solcher Beispiele, die Bandbreite der unterschiedlichen Muttertypen aufzuzeigen. Dabei gelingt es ihm, deutlich zu machen, dass Söhne eine starke Mutter brauchen, die trotz aller Zuwendung und Liebe auch in der Lage ist, Grenzen zu ziehen. Mütter "müssen zugleich liebevoll und stark sein, um ihrem Sohn zu ermöglichen, gleichzeitig stark und sensibel zu werden".

Damit dies wirklich gelingt, sollten Mütter möglichst viel zum Thema wissen und verstehen lernen, wie ihr Sohn tickt. Und genau das bietet Braconnier in diesem gut lesbaren Buch, in dem man oft auch Überraschendes findet. Denn welche Mutter weiß schon, dass sie - unbewusst - auf ihren Sohn anders reagiert als auf ihre Tochter. Das fängt schon beim Stillen an. Mütter drücken den Sohn fester an sich und richten sich viel eher nach seinem Körperrhythmus, seinen Schlafphasen und seinen Wünschen als bei einer Tochter.

Außerdem müssen Mütter verstehen lernen, dass Jungs sich anders artikulieren als Mädchen. Sie sind weniger in der Lage, über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen. Worte sind ihnen eher fremd, sie drücken sich stärker durch ihr Handeln aus. Zudem sind sie stärker konkurrenzorientiert, sie messen sich gerne mit anderen und lieben es zu gewinnen.

Wollen Mütter ihre Söhne erreichen, müssen sie diese für eine Frau nicht unbedingt nachvollziehbare Verhaltensweise im Hinterkopf behalten. Anstatt zu schimpfen ist es daher ratsamer, Jungs auf den Erfolg oder den Misserfolg ihrer Handlungen anzusprechen und damit an ihren Ehrgeiz, der Beste sein zu wollen, zu appellieren.

Trotzdem, ganz ohne Reibung geht es nicht. Spätestens in der Pubertät muss eine Mutter akzeptieren, dass ihr Sohn eine - vorübergehende - Distanz braucht, um seine männliche Identität zu finden. In dieser Phase sind jetzt vor allem die Väter nötig, um dem Sohn zur Seite zu stehen. Etwa durch ein gemeinsames Hobby oder eine gemeinsame Leidenschaft.

Dennoch verliert die Mutter samt ihrer Liebe auch in dieser Phase nicht ihre Wichtigkeit, wie Alain Braconnier betont: Sie bleibt die Basis, von der aus ihr Sohn agiert. Indem sie die emotionale Stütze im Hintergrund bleibt, motiviert sie den Sohn in die Welt zu gehen - immer mit dem Wissen: Meine Mutter liebt mich. Bedingungslos.

Und genau das macht Alain Braconnier Buch "Mutterliebe" so wichtig, denn es hilft dabei, das Loslassen zu lernen und die eigenen Gefühle sowie die des Sohnes besser zu verstehen. Ein Muss für alle Mütter mit Söhnen!

Rezensiert von Kim Kindermann


Alain Braconnier: Mutterliebe. Warum Söhne starke Mütter brauchen
Übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy
Deutsche Verlags-Anstalt 2006
gebunden, 349 Seiten, 19,90Euro