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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2010

Müßiggang macht glücklich

Karlheinz A. Geißler: "Lob der Pause" Oekom Verlag, März 2010, 108 Seiten

Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In seinem Buch "Lob der Pause" beschreibt Karlheinz A. Geißler, dass ein erfülltes Leben durch ein Miteinander vielfältiger Zeitqualitäten bestimmt ist. Doch einige Zeitformen sind immer stärker vom Aussterben bedroht: die Langsamkeit, die Wiederholung, das Warten und die Pause.

Höher, schneller, weiter – schon lange ist der ruhige Rhythmus der Natur der kapitalistischen Beschleunigung zum Opfer gefallen. Zeit ist Geld, heißt es, und nur genutzte Zeit ist gute Zeit. Doch welchen Einfluss hat unsere Hochgeschwindigkeitsgesellschaft auf unserer Wohlbefinden?

Diesen Fragen widmet sich der renommierte Zeitforscher Prof. Karlheinz A. Geißler in dem kleinen Buch "Lob der Pause". Doch klein ist nur das Format – auf knapp hundert Seiten gibt der Autor einen fundierten, umfassenden und unterhaltsamen Einblick in das Verhältnis von Mensch und Zeit, gespickt mit wunderbaren Zitaten aus Literatur, Wissenschaft und Philosophie.

Geißler geht davon aus, dass ein erfülltes Leben durch ein Miteinander vielfältiger Zeitqualitäten bestimmt ist. Doch viele der unverwertbareren Zeitformen sind immer stärker vom Aussterben bedroht: die Langsamkeit, die Wiederholung, das Warten und die Pause. Ein zentrales Konzept von Geißler ist, dass Lebensrhythmus erst durch Lehrstellen entsteht. Fehlen diese Inseln der Untätigkeit oder des Dazwischen, verwandelt sich alles in eine unübersichtliche Anhäufung – von einem aus dem Takt gekommenen Leben hin zu den in Lichtgeschwindigkeit über den Globus jagenden finanziellen Transaktionen, die sich längst der menschlichen Kontrolle entziehen.

Kluge Entscheidungen müssen reifen, Informationen müssen verarbeitet werden – ohne Bedenkzeit werden sind wir dem Terror der Machbarkeit hilflos ausgeliefert. Deshalb stellt Geißer die Frage: Wann können wir damit aufhören, Qualität und Quantität zu verwechseln, und uns wieder den Zeitformen widmen, die für Erfüllung, Selbstgewahrwerdung und Lebenssinn unabdingbar sind? Hier geht der Autor auch auf die Rolle des Staates ein – Zeit ist immer auch Zeitpolitik. Das beginnt schon mit der öffentlichen Architektur – es gibt Gebäude, Parks und öffentliche Plätze, die zum Verweilen einladen, während andere nur dazu gemacht scheinen, alle Besucher schnellstmöglich abzufertigen. Laut Geißler ist es die Aufgabe des Staates, Räume zu schaffen oder zu schützen, die der kapitalistischen Beschleunigungs- und Verwertungsideologie entzogen sind. Denn alles, was unser Leben kostbar macht, braucht Zeit, sich zu entfalten: Liebe, Bildung, Freundschaft, Genuss, Kultur und Kunst.

Geißlers Perspektive auf die Zeit ist stets um Differenziertheit bemüht. Immer wieder betont er, dass es keinesfalls darum gehe, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Deshalb spricht er auch nicht von Entschleunigung, sondern von "Enthektigung". Und betont, dass es keinesfalls um ein temporales "entweder - oder" geht, sondern um ein produktives Miteinander von Langsamkeit und Schnelligkeit, Tätigkeit und Pause, Mobilität und Sesshaftigkeit.

Sein Buch ist ein kluges Plädoyer für eine Zeitkultur, die dem Menschen dient, anstatt ihn zu unterwerfen. Erst durch vielfältiges Zeithandeln können wir den Reichtum des Lebens voll ausschöpfen und dadurch allen Aspekten des Lebens die ihnen jeweils angemessene Geschwindigkeit geben.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Karlheinz A. Geißler: Lob der Pause - Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind
Oekom Verlag, März 2010
108 Seiten, 8,95 Euro

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