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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.06.2013

Mündige Bürger oder hörige Gefolgsleute

Die Proteste in der Türkei und das Ringen nach Freiheit

Von Zafer Senocak

Demonstration in Istanbul (picture alliance / dpa / Tolga Bozoglu)
Demonstration in Istanbul (picture alliance / dpa / Tolga Bozoglu)

Kann ein Politiker wie der türkische Premier Erdogan sich in ein demokratisches politisches Gesellschaftssystem integrieren? Der Berliner Schriftsteller Zafer Senocak hat da so seine Zweifel - und hofft auf die Überwindung des autoritären Denkens in der islamischen Welt.

Wer gehorcht wem? Diese Frage ist in Rudeln eindeutig geklärt. Doch nicht nur in der Tierwelt, sondern auch in der menschlichen Gesellschaft gibt es einen Hang zur Eindeutigkeit. Alleinherrscher sind Rudelführer. Es gibt diese Fantasie der autoritären Disziplinierung einer Gesellschaft, eine Fantasie der hierarchischen Ordnung, des militärischen Gehorsams unter Menschen.

Diese Fantasie ist schon im Klassenzimmer vorhanden und bahnt sich ihren Weg durch die Institutionen. Aus der Beschränkung und verfassungsrechtlichen Strukturierung dieser Fantasie schöpfen Demokratien ihren Atem. Das Gehorchen als Norm ist dabei keineswegs verschwunden.

Die Parteidisziplin, die Rechtsordnung, die Anerkennung der Ergebnisse von freien Wahlen sind mehr oder weniger festgeschriebene Regeln, die das Zusammenleben, die das Entscheiden und Regieren in einer freiheitlichen Gesellschaft erst ermöglichen.

Doch dieses Einüben in die Gehorsamkeit in einer freiheitlichen Gesellschaft muss erlernt sein wie eine Schrift, die das Lesen und Schreiben erst ermöglicht. Das Alphabet der Demokratie kann von Kultur zur Kultur unterschiedlich sein. Doch der Text, der geschrieben wird, ist immer der gleiche.

Es handelt sich um den Text, der freie Meinung erlaubt und Minderheiten ihre Rechte sichert, der den Einzelnen gegenüber Übergriffen des Staates schützt, der das Recht des Stärkeren, innerhalb der Grenzen des Rechts einschränkt.

Die Idee der Folgsamkeit ist in der islamischen Kultur tief verankert

Doch die Kulturen ringen um ein Alphabet, um diesen Text der freiheitlichen Ordnung schreiben zu können. Die deutsche Kultur hat mehr als ein Jahrhundert um dieses Alphabet gerungen. Schließlich war man gezwungen, ein von außen diktiertes Alphabet zu übernehmen.

Viele Muslime stehen heute vor der Frage, ob sie ein Alphabet besitzen, um den Grundtext der freiheitlichen Ordnung zu schreiben. Anders als die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg scheinen sich viele gegen die Übernahme eines fremden Alphabets zu sträuben.

Und auch in der Türkei steht man heute in der Gestalt des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan vor dieser Frage: Kann ein Politiker, der in einer autoritären islamischen Partei sozialisiert worden ist, sich in ein demokratisches politisches Gesellschaftssystem integrieren? Kann er sich in einer freiheitlichen Gesellschaft verwirklichen? Oder wird er, seiner politischen Erziehung folgend, von allen Menschen in der Gesellschaft Folgsamkeit fordern?

Diese Idee der Folgsamkeit ist in der islamischen Kultur tief verankert und verhindert bis in unsere Zeiten die Etablierung demokratischer Systeme in den islamischen Ländern. Freiheit oder Islam wird heute immer mehr zu einer unüberhörbaren Herausforderung, überall dort wo Menschen als mündige Bürger und nicht als hörige Gefolgsleute leben wollen.

Die Sprache der Mündigkeit ist die Muttersprache der Aufklärung. Doch sie konnte auch in die christliche und jüdische Kultur erfolgreich übersetzt werden. Diese Übersetzung steht für den Islam noch aus. So sind die Muslime oft mit einer Fremdsprache und manchmal auch mit misslungenen Übersetzungen konfrontiert.

Die muslimischen Kulturen und Gesellschaften brauchen heute mehr denn je Übersetzer und sie brauchen ein Alphabet, um den Text der Freiheit lesen zu können. Sonst droht den islamischen Gesellschaften die Diktatur der politischen Mehrheit.

Denn Parteien, die sich auf den Islam berufen, haben bislang nur hierarchische Strukturen hervorgebracht, die demokratiefeindlich sind. Die Regierungspartei in der Türkei ließ eine Hoffnung auf etwas anderes aufkommen, Hoffnung auf die Überwindung des autoritären Denkens, Hoffnung auf Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen, Hoffnung auf eine freiheitliche, demokratische, offene Gesellschaft. Diese Hoffnung steht in der Türkei heute auf dem Spiel.

Der türkischstämmige Schriftsteller, Lyriker und Publizist Zafer Senocak. (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)Der türkischstämmige Schriftsteller, Lyriker und Publizist Zafer Senocak. (picture alliance / dpa / Hermann Wöstmann)Zafer Senocak, 1961 in Ankara geboren, seit 1970 in Deutschland, wuchs in Istanbul und München auf, studierte Germanistik, Politik und Philosophie in München. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seit 1979 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Prosa in deutscher Sprache und schreibt regelmäßig für Tageszeitungen. 1998 erhielt er den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis. Die mehrsprachige Zeitschrift "Sirene" wurde bis 2000 von ihm mitherausgegeben. Veröffentlichungen u.a.: "Zungenentfernung. Bericht aus der Quarantänestation" (2001), "Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch" (2006), "Deutschsein - Eine Aufklärungsschrift" (Edition Körber-Stiftung, 2011).

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