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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2016

Münchner VolkstheaterSchauspieler gehen baden

Von Christoph Leibold

Blick von oben auf das Müllersche Volksbad in München (dpa / picture alliance / Marc Müller)
Blick von oben auf das Müllersche Volksbad in München (dpa / picture alliance / Marc Müller)

Die Erzählung "Für immer ganz oben" von David Foster Wallace spielt in einem Freibad - Regisseur Abdullah Kenan Karaca hat das Stück auch tatsächlich in ein Schwimmbad verlegt. Und er hat noch mehr eigenartige Einfälle.

Die Szene: Ein sommerliches Freibad. Die Situation: Ein Junge am Anfang des Pubertät hoch oben auf dem Sprungturm. Um die Geschichte von David Foster Wallace' Erzählung "Für immer ganz oben" theatertauglich zu machen, hat sich das Münchner Volkstheater in ein Schwimmbad begeben. Im Jugendstil-Ambiente des Müller'schen Volksbades hat Regisseur Abdullah Kenan Karaca ein interdisziplinäres Projekt zwischen Sprech- und Musiktheater realisiert. Die Aufführung ist eine Koproduktion des Volkstheaters mit der Münchener Biennale.

Auch wenn das Müller'sche Volksbad in München kein Freibad ist wie der Schauplatz der Erzählung: Beim vollbekleideten Zuschauer oben auf der Galerie, die rings um die Schwimmhalle des Jugendstilbades verläuft, stellt sich in der feucht-warmen Luft durchaus so etwas wie hochsommerliche Sehnsucht nach dem kühlen Becken ein, in dem schon beim Einlass zwölf Jungen des Münchner Knabenchors plantschen.

Es entspinnt sich ein lautmalerischer Disput

Sie könnten die Freunde des 13-Jährigen sein, der in der Erzählung seine Geburtstag im Freibad feiert. Zugleich aber artikuliert sich in ihnen auch die innere Stimme des Protagonisten. Zwischen Solist Joel Beer und den übrigen Knaben vom Chor entspinnt sich ein zunächst wortloser, rein lautmalerischer Disput, in dem die Zerrissenheit des Jungen Klang wird: der pubertäre Zwiespalt zwischen nagendem Selbstzweifel und gnadenloser Selbstüberschätzung, die den Buben nach oben aufs Zehnmeterbrett treibt, um sich mit kühnem Sprung zu beweisen - während die Stimmen der anderen unten im Becken wie ein verführerischer Sirenengesang zu ihm hinaufdringen.

In Ermangelung eines Sprungturms im Volksbad steht Joel Beer zu Beginn auf der Galerie der Schwimmhalle, später dann setzt Abdullah Kenan Karaca ihn auf einem Rasenquadrat aus, das auf Pontons im Becken schwimmt. Der sehr konkreten Schwimmbad-Kulisse wollte der Regisseur offenbar ein paar weniger eindeutige Bilder und szenische Momente entgegensetzen. Das führt zu mitunter eigenartigen Einfällen. Dass Schauspielerin Mara Widmann als Mutter des Jungen halb angekleidet ins Becken steigt und ihr Volkstheater-Ensemblekollege Oliver Möller als Vater hineinhechten und herumtauchen muss, während sein Sohn mit ihm über seine Pubertätsnöte spricht, ist so eine eher beliebig wirkende Idee.

Wellenartig an- und abschwellender Gesang

Problematisch auch die Akustik des Schwimmbads. In Hall und Wasserplatschen saufen die Reden der Elterndarsteller regelrecht ab. Vielleicht hätte sich mancher Regieeinfall im Zusammenhang mit dem Text erschlossen. So aber: nichts davon. Besser behauptet sich die Musik von Brigitta Muntendorf, die die Stadt München eigens zur Biennale in Auftrag gegeben hat. Der wellenartig an- und abschwellende Gesang des Knabenchors bekommt durch den Hall zusätzliche Suggestivkraft. Seine relative Gleichförmigkeit allerdings sorgt selbst innerhalb der nur knapp eine Stunde kurzen Aufführungsdauer dafür, dass der Sog bald wieder verebbt.

Und so steht dem Zuschauer am Ende zwar der Schweiß auf der Stirn, das Bedürfnis nach einem kalten Bad bleibt. Die Begeisterung für das ungewöhnliche Raumkonzept aber ist merklich abgekühlt.

Informationen des Münchner Volkstheaters

 

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