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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.09.2012

Mühsame Selbstfindung

Lily Brett: "Lola Bensky", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 302 Seiten

Das Figurproblem der Romanheldin Lola hängt mit ihrer Familiengeschichte zusammen.
Das Figurproblem der Romanheldin Lola hängt mit ihrer Familiengeschichte zusammen. (picture alliance / dpa - Armin Weigel)

Trotz seiner schockierenden Thematik ist "Lola Bensky" auch komisch. Der Roman von Lily Brett springt durch die Lebensstationen seiner übergewichtigen Protagonistin – und verbindet die wilde Welt der Hippies und Rockstars mit der Erinnerung an den Holocaust.

Lola Bensky ist 19, übergewichtig und führt Interviews mit den großen Rockstars der späten 60er- und frühen 70er-Jahre für ein australisches Rock-Magazin. Manchmal erzählt sie in ihren Interviews mehr, als sie hört – über ihre ständigen (und fruchtlosen) Diät-Versuche, über die schrecklichen Erfahrungen ihrer Eltern, polnische Juden, die Auschwitz überlebt haben. Das tut sie ganz unsentimental; es ist Teil ihres Lebens. Erst später begreift sie, dass die Kinder von Überlebenden selbst Überlebende sind. Sie leben mit den Toten. Denn die Eltern kommen nie von den Toten los und haben deshalb keine Zeit für die Gegenwart und damit für ihre Kinder.

Vielleicht macht das Lolas Erfolg aus: ihre scheinbar naive Art, ein Gespräch zu beginnen und Dinge zu sagen, die sie eigentlich nicht sagen möchte, statt ihre Interviewpartner einfach nur auszufragen. Drogen und Alkohol abhold und von ständigen Selbstzweifeln geplagt, bewegt sie sich wie ein Fremdkörper und doch auch völlig selbstverständlich in der Welt von Mick Jagger, Jimi Hendrix, The Mamas and the Papas, Janis Joplin und all den anderen großen oder künftigen Stars, erlebt deren Exzesse aus nächster Nähe und hat doch nie teil daran. (Zuweilen allerdings geraten die ausgedehnten Schilderungen von Lolas Bekanntschaft mit den Stars doch etwas selbstzweckhaft, und die Betonung von deren "Normalität" jenseits der Bühne macht alle recht ununterscheidbar.)

Der Roman springt durch die Zeit. Entscheidende Stationen aus Lolas Leben zwischen Kindheit und dem Alter von 63 werden aufgerufen: Stationen einer mühsamen Selbstfindung, die durch viele Krisen (und Diäten) führt, auch Stationen einer Karriere als Autorin. Wie in ihren anderen Romanen re-inszeniert und variiert Lily Brett Aspekte ihrer eigenen Biografie.

Auch dieser Roman bezieht seine Wirkung aus der holzschnittartigen Erzählung, die ohne Aufregung und Pathos die junge und wilde Welt der Hippies und Rockstars, die gegen die saturierte Überflussgesellschaft der 60er-Jahre rebellieren, mit der omnipräsenten Erinnerung an das Grauen der Vernichtungslager kontrastiert. Wenig davon wird konkret erzählt, es genügt, es immer aufzurufen in den Erinnerungen an eine Kindheit, die im Schatten des Grauens und der Abwesenheit stand.

Der Effekt ist erzählerisch klug gesetzt. Er macht die groteske Rätselhaftigkeit einer Welt spürbar, in der Millionen Menschen systematisch gequält und vernichtet wurden und in der kurz danach das Problem, zu dick zu sein, ein Leben dominiert. Als Leser begreifen wir freilich früher als Lola (die dafür Jahrzehnte braucht), dass ihr Figurproblem mit dieser Vergangenheit ganz unmittelbar zu tun hat. Trotz der schockierenden Thematik ist der Roman auch komisch in seiner unkommentierten Gegenüberstellung der Extreme, in der Schlichtheit seiner Sprache, die fast banal einfach nur zu schildern vorgibt, was geschieht und was Lola denkt, und schließlich auch aufgrund der schlafwandlerischen Naivität, mit der Lola wie eine tumbe Törin durch eine fremde Welt irrt, die doch immer auch die ihre ist.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Lily Brett: Lola Bensky
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Heinrich
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
302 Seiten, 19,95 Euro