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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.03.2013

Mozart, Beethoven und das Glück

Die Dirigentin Zahia Ziouani stammt aus der Pariser Banlieue

Sergiu Celibidache: Dem Dirigenten fiel auf, wie neugierig Zahia Ziouani auf die klassische Musik war. (picture alliance / dpa)
Sergiu Celibidache: Dem Dirigenten fiel auf, wie neugierig Zahia Ziouani auf die klassische Musik war. (picture alliance / dpa)

Sie wollte unbedingt Dirigentin werden. Doch sie war ein Mädchen und noch dazu ein algerisches Einwandererkind. Dann traf die Pariserin Zahia Ziouani den berühmten Dirigenten Sergiu Celibidache. Ihm fiel ihre Begabung auf und er förderte sie.

"Einige Musiklehrer entmutigten mich. Nicht aus Bosheit, sondern weil es eine Tatsache ist: Frauen dirigieren nicht."

Zahia Ziouani, 34 Jahre alt, mittelgroß, sehr rundlich. Schwarze krause Haare, die zum Pferdeschwanz gebändigt bis tief in den Rücken fallen.

"Sie sagten: Du hast praktisch keine Chance, Dirigentin zu werden. So als ob ich einem völlig irrealistischen Traum nachhinge, wie Staatspräsidentin oder Astronautin zu werden. Die Schwierigkeiten des Berufs standen mir also klar vor Augen. Ich habe trotzdem an mein Ziel geglaubt."

Die junge Frau hat ein freundliches Gesicht mit leicht geröteten Backen. Dahinter verbirgt sich ein eiserner Wille. Jetzt steht sie auf dem Dirigentenpodest. Vor ihr: 80 Musiker. Geigen, Bratschen, Celli, Flöten, Pauken und Trompeten. Zahia Ziouani schaut aufmunternd in die Runde, lächelt, dann hebt sie den weißen Dirigentenstock.

Nicht nur das Geschlecht, auch die Herkunft sprach dagegen, dass sie es schaffen würde. Zahia wuchs in der Pariser Banlieue auf. Als Immigrantenkind. Die Eltern waren aus Algerien eingewandert. Weit und breit gab es keinen Musiker in der Familie, aber die Eltern liebten Musik.

"Bei uns zu Hause wurde ständig Klassik gehört, vor allem Symphoniekonzerte von Mozart und Beethoven. Das war ein Glück für mich. Die Welt der Orchester war Teil meiner Kindheit."

Als Zahia acht Jahre alt war, schrieb die Mutter sie in der städtischen Musikschule ein. Das Mädchen lernte klassische Gitarre, und weil es unbedingt im Orchester spielen wollte, später auch noch Bratsche. Aber insgeheim träumte sie vom Dirigieren. Sie fing an, Orchesterpartituren zu lesen. Die Ferien verbrachte sie häufig in Musikfreizeiten, wo sie auch das Dirigieren üben konnte. Dort machte sie eine Begegnung, die über ihre Zukunft entschied. Zahia war gerade 17 Jahre alt.

"Ich lernte Sergiu Celibidache kennen. Dem berühmten Dirigenten fiel auf, wie neugierig ich auf diesen Beruf war, er wollte sehen, wie ich es anging. Ich sollte den Anfang der 9. Symphonie von Bruckner dirigieren. Der Meister fand, dass ich ein angeborenes Talent besaß, er nahm mich in seine Klasse auf. Zugleich warnte er mich: Frauen, sagte er, fehle es oft am nötigen Durchhaltevermögen, aber er glaube an mich. Das hat mich angespornt, diese Kunst zu studieren und wirklich Dirigentin zu werden."

Ein Jahr später starb Sergiu Celibidache. Aber Zahia war sich ihres Wegs nun sicher. Bereits während des Hochschulstudiums konnte sie in einer städtischen Musikschule von Paris die Leitung eines Jugendorchesters übernehmen. Sie hat es in ein Berufsorchester von Erwachsenen verwandelt, leitet es immer noch: das Symphonieorchester Divertimento.

"Ich liebe meinen Beruf, weil ich als Dirigentin eines eigenen Orchesters vielfältige Projekte entwickeln kann. So programmiere ich ganz unterschiedliche Musikstile, auch Jazz und Filmmusik. Dabei können die Musiker ihre Talente verwirklichen, zum Beispiel Improvisation. Deshalb will ich diesen Musikrichtungen ihren Platz geben."

Zahia Ziouani hat noch eine weitere Leidenschaft: Die Ausbildung von Nachwuchsmusikern liegt ihr am Herzen. Vor allem Kinder, die wie sie aus benachteiligten Familien in der Banlieue stammen, will sie für die klassische Musik begeistern. Deshalb leitet sie seit acht Jahren die städtische Musikschule von Stains, so heißt eine Vorstadt nördlich von Paris.

Im Gang des Konservatoriums drängen sich Schüler und Eltern. Sie sind überwiegend schwarz, arabisch, asiatisch – wie die Bevölkerung der Stadt. Im Konzertsaal der Schule sitzen 15 Kinder vor ihren Streichinstrumenten. Alle sind Anfänger, dennoch spielen sie schon im Orchester. Die Dirigentin geht durch die Reihen, stimmt die Instrumente

"Als Dirigentin habe ich das Glück, dass ich in vielen Konzertsälen und vielen Ländern auftreten kann. Trotzdem bewahre ich eine enge Bindung zu der Banlieue. Es ist so wichtig, dass die klassische Musik hier präsent ist und dass sie von kompetenten Musikern unterrichtet wird."

Zahia Ziouani erinnert die Kinder, dass sie aufrecht auf der Stuhlkante sitzen sollen. Die Schüler verbessern ihre Haltung. Zahia gibt den Einsatz.

"Oft wird in der Banlieue vor allem Hip Hop, Rap und Slam entwickelt, was ich durchaus schätze. Aber ich finde es ungerecht, wenn man den Menschen keine Auswahl lässt und ihnen erst gar keine Klassik anbietet. So als ob das nichts für die Einwandererfamilien wäre. Mir hat noch nie ein Kind gesagt: Ich verabscheue klassische Musik."

Bogenführung, Fingersatz, Musikalität … Mit ruhiger Stimme und unendlicher Geduld erklärt Zahia ihren Schülern, was sie verbessern müssen. Immer wieder lobt sie die Kinder.

Ihr habt gut gearbeitet, sagt sie, jetzt müsst ihr fleißig üben. Abschließend fordert sie die Schüler eindringlich auf, in ihr nächstes Konzert zu kommen.

"Mir ist ganz wichtig, dass die Konzerte, die wir hier geben, das gleiche Niveau haben wie anderswo. Unsere Solisten treten in großen Konzertsälen im In- und Ausland auf. Für viele Zuhörer hier in Stains ist es der erste Konzertbesuch. Sie erleben einen magischen Augenblick. Er kann darüber entscheiden, ob sie in Zukunft weiter in Konzerte gehen werden oder nicht. Auch deshalb müssen wir hier einen ganz hohen künstlerischen Anspruch anlegen."

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