Kritik / Archiv /

Mosaik aus Erinnerungssplittern

Vladimir Jabotinsky: "Die Fünf", Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 350 Seiten

Odessa war schon immer bekannt als freigeistige Vielvölkerstadt.
Odessa war schon immer bekannt als freigeistige Vielvölkerstadt. (Stock.XCHNG / Michaela Kobyakov)

In seinem 1936 veröffentlichten und nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman "Fünf" lässt der Autor Vladimir Jabotinsky den Glanz seiner Geburtsstadt Odessa auferstehen. In einer bilderstarken Sprache hält er ein einzigartiges Kapitel jüdischen Lebens in Russland fest.

Um 1900 liegt der Anteil der jüdischen Stadtbevölkerung Odessas bei 30 Prozent. Die Hafenstadt am Schwarzen Meer beherbergt ein reiches Vielvölkergemisch aus Russen, Polen, Ukrainern, Deutschen, Griechen und anderen Nationalitäten und gilt als freigeistig und modern. Viele jüdische Odessiten sind säkular gebildet und vermögend - sie haben sich über die Jahrhunderte einen festen Platz im gehobenen Bürgertum der Stadt erobert. Auch der namenlose Ich-Erzähler des Romans, alter ego des Autors, gehört dieser Schicht an: Er schreibt für das Feuilleton, fährt für längere Studienaufenthalte nach Italien oder in die Schweiz. Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs verlässt er Russland für immer. Jabotinskys Roman "Die Fünf", 1936 in Paris veröffentlicht und jetzt erstmalig in deutscher Sprache erschienen, ist eine tiefe Verbeugung vor seiner Geburtsstadt:

"Ich werde Odessa wahrscheinlich nie wiedersehen. Schade, denn ich liebe die Stadt. Russland war mir schon in meiner Jugend gleichgültig: Ich erinnere mich, dass ich immer freudig erregt war, wenn ich ins Ausland fuhr und stets ungern zurückkehrte. Aber Odessa - das war etwas anderes. Wenn ich mich der Bahnstation Rasdelnaja näherte, erfasste mich bereits jubelnde Erregung."

Es ist ein elegischer, teilweise nostalgischer Ton, mit dem Jabotinsky hier im Geiste - und mit dem zeitlichen Abstand von rund drei Jahrzehnten - zurückkehrt ins Odessa des beginnenden 20. Jahrhunderts. Zugleich ist das Buch eine Rückkehr in seine Jugend und in die Jugendjahre seiner Protagonisten. Das Schicksal von fünf jungen Odessiten steht im Zentrum des Romans: Marussja, Serjosha, Marko, Lika und Torik. Sie sind Geschwister und wachsen in der wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie Milgrom auf. Man geht ins Theater, führt einen regen Salon, verbringt die Sommerfrische miteinander.

Jabotinsky präsentiert ein lose verbundenes Mosaik aus Erinnerungssplittern und plastischen Szenen rund um seine Freundschaft zu den Milgroms über einen Zeitraum von wenigen Jahren. Ausführlich und voller Sympathie beschreibt er, unter welchen Umständen er den Geschwistern jeweils begegnet ist und welche Charakterzüge sie kennzeichnen. Besonders nahe stehen dem Ich-Erzähler die warmherzige Marussja, ("die Blüte der Dekadenz") und Serjosha, ein liebenswerter Scharlatan mit zahllosen Begabungen, aber wenig Moral.

Im Eiltempo geht ihre sorglose Jugend ("eine Allmacht, dank der einem Hunderte Türen offen stehen") ebenso zu Ende wie die goldenen Zeiten Odessas. "Pistolen, Galgen, Pogrome" markieren die Veränderungen überall im Land, es gibt Generalstreiks und Aufstände. Odessa erlebt 1905 die gewaltvolle Meuterei der Schwarzmeerflotte auf dem Panzerkreuzer Potemkin. Der russisch-japanische Krieg hinterlässt seine Spuren. Dennoch bleiben die historischen Ereignisse überwiegend atmosphärische Kulisse für das ganz persönliche Schicksal der fünf Milgroms - auch wenn es durch politische Ereignisse maßgeblich geprägt wird. Das Spannungsfeld zwischen jüdischer Identität, revolutionärem Geist und wachsendem Druck zur Assimilation betrifft jedes der fünf Geschwister. Die Mutter der Milgroms muss am Ende wie die antike Niobe den Verlust all ihrer Kinder beklagen. Marussja und Marko sterben einen sinnlosen Tod. Lika bricht den Kontakt zur Familie ab und arbeitet für den Geheimdienst. Serjosha wird kriminell und Torik, der Strebsame in der Familie, entscheidet sich zur christlichen Taufe.

In einer bilderstarken facettenreichen Sprache, die virtuos sowohl die romantisierte Beichte im Stil des 19. Jahrhunderts beherrscht als auch volkstümliche Anekdoten und Wortwitz, hält Jabotinsky ein einzigartiges Kapitel jüdischen Lebens in Odessa fest. Es hat auch nach einem Jahrhundert nichts von seiner Unmittelbarkeit eingebüßt.

Besprochen von Olga Hochweis

Vladimir Jabotinsky: "Die Fünf"
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Die Andere Bibliothek, Berlin 2012
350 Seiten, 36 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

SachbuchSchicksal eines Berufskillers

Das Beil eines Scharfrichters in einer Ausstellung im Ephraim-Palais in Berlin

Das spannende Buch über den Nürnberger Henker Schmidt offenbart das gewaltvolle Durchgreifen der damaligen Staatsgewalt. Er zeichnet das anrührende Schicksal dieses zerrissenen Mannes nach, der sich zu seinem Beruf gezwungen sah.

BildungsromanAm Ende aller Melodien

Violin. Copy of Stradivarius violin.

Vordergründig wird die Geschichte eines Musikers erzählt. Dieser wird konfrontiert mit dem mörderischen Hass der Nazis. In der Tiefe reflektiert Svenja Leiber in ihrem neuen Roman über das Verhältnis von Kunst und Moral.

AntikriegsromanWie Menschen zu Mördern geformt werden

Wie ein bedrohliches Ungetüm in der Ferne wird er inszeniert: der Erste Weltkrieg. Auch wenn der Krieg in dem Roman "Das Salz der Erde" kaum erwähnt wird, der 1976 verstorbene polnische Lyriker Joseph Wittlin rechnet mit ihm ab.

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin