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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.06.2009

Mordende Cops und gierige Gangster

Nick Stone: "Der Totenmeister", Goldmann Verlag, München 2009, 636 Seiten

Für bares Geld drücken die Cops in "Der Totenmeister" auch mal ein Auge zu. (Stock.XCHNG / Mateusz Atroszko)
Für bares Geld drücken die Cops in "Der Totenmeister" auch mal ein Auge zu. (Stock.XCHNG / Mateusz Atroszko)

Die Polizei ist korrupt und übt Selbstjustiz, während der Drogenhandel auf den Straßen Miamis floriert: In diesem Milieu spielt Nick Stones Thriller "Der Totenmeister". Im zweiten Band seiner Kriminalsaga um den Polizisten Max Mingus schreibt der britische Schriftsteller über die Verstrickungen zwischen großer Politik und organisiertem Verbrechen.

Miami, die frühen 1980er Jahre. Kokain-Geld strömt in die Stadt, der schnelle Dollar winkt. Die CIA macht Geschäfte mit den Drogenbaronen, um schmutzige Kriege in Mittelamerika zu finanzieren. Die Polizei ist total korrupt. Gleichzeitig ist Miami Sprungbrett für alle Operationen gegen Kuba, im Gegenzug schickt Fidel Castro seine freigelassenen Verbrecher nach Florida. Ethnische Konflikte brechen immer gewalttätiger aus. Eine durchaus relevante Ethnie dabei sind die Haitianer, deren tyrannisches Heimat-Regime einerseits eine wichtige Station der Drogenroute ist, andererseits - weil antikommunistisch - von den USA gestützt wird. Mit anderen Worten: Moral und Recht, Ordnung und Stabilität sind leere Worthülsen.

In diesem Vakuum operiert die "Miami Task Force", eine elitäre Polizeitruppe, die aufräumen soll: jenseits der Legalität, brutal, gnadenlos selbstgerecht. Die aufrechten weißen Ritter in einem Sumpf aus Verbrechen. Die einst idealistischen Cops üben Selbstjustiz, weil das Rechtssystem in ihren Augen schon längst aufgehört hat, einsehbar zu funktionieren. Der ganz gewöhnliche Rassismus tritt unverhohlen zu Tage. Die Cops morden, um gute Polizisten zu sein - und stehen am Ende als die Deppen mit blutigen Händen da. Selbst ihr fataler "Idealismus" ist schon längst von höheren Stellen an den Meistbietenden verkauft und versilbert worden. "Die Fäkalienfee" nennen die Cops den politischen Strippenzieher, der die wirklich üblen Deals zwischen Washington und Miami vermittelt.

Zu dieser Truppe gehört Max Mingus - die Hauptfigur einer Saga, die der britische Autor Nick Stone gerade zu einem der spannendsten Projekte der zeitgenössischen Kriminalliteratur macht. "Der Totenmeister" ist der zweite Band, aber erzählt - chronologisch gesehen - den Anfang der Geschichte von Mingus. Wir treffen auch auf Solomon Boukman, einen haitianischen Gangster mit gespaltener Zunge, der, so munkelt man, über Voodoo-Kräfte verfügt und aus Toten mörderische Zombies machen kann. Boukman wird zum großen Gegenspieler von Mingus. Zwei Besessene, zwei Charismatiker, zwei Gewaltmenschen, beide rational berechnend, beide irrational handelnd und in einem Duell miteinander verhakt, das den ganzen Wahnsinn noch einmal potenziert.

Boukmans unheimliche Voodoo-Kräfte, die er für ganz normale Verbrechen mobilisiert, und Max Mingus' jäh aufflackernde Brutalität und Besessenheit spiegeln zwei Konzepte von Irrationalismus, die beide funktionieren: Mingus ist als Selbstjustiz ausübender Polizist so effektiv wie Boukman als profitorientierter Gangster.

Eingelagert in dieses breitleinwandformatige Duell hat Nick Stone eine Unzahl krasser und bizarrer Geschichten aus dem Gangsterleben der Zeit, scharfe Momentaufnahmen der Alltagsgewalt auf den Straßen, kluge analytische Passagen über den Zusammenhang von organisiertem Verbrechen und großer Politik - und eine Reihe von extrem schrägen, wunderlichen und erstaunlichen Menschen, Vignetten, die dem Buch seine unendlichen Facetten geben - von schrillbunt bis tiefschwarz.

Wer wen warum ermordet - das ist in diesem Panorama schon fast nebensächlich (obwohl die einzelnen Handlungsstränge logisch ineinander gefügt sind). Wichtig ist die Dynamik und erzählerische Wucht, mit der Stone alle Bereiche einer Gesellschaft durchdringt, und damit gesellschaftliche Totalität erzählbar macht, ohne dem psychologischen Realismus des 19. Jahrhunderts zu folgen. Denn niemand weiß am Ende, wer Max Mingus ist. Niemand will es auch wissen, nicht mal er selbst, nicht mal Solomon Boukman. Und wer der ist, weiß erst recht niemand. Wir wissen, dass wir noch viel mehr über beide lesen wollen.

Besprochen von Thomas Wörtche

Nick Stone: Der Totenmeister. Roman.
Deutsche Übersetzung von Heike Steffen
Goldmann Verlag, München 2009
636 Seiten, 9,95 Euro

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