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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2012

Mord und Fußball

Roberto Costantini: "Du bist das Böse", C. Bertelsmann, München 2012, 575 Seiten

Im Fußball-Fieber vergisst man schonmal, was wichtig ist.
Im Fußball-Fieber vergisst man schonmal, was wichtig ist. (AP)

Nachdem ein italienischer Polizist eine Mordserie während der Fußball-WM 1982 belanglos abgetan hat, bekommt er 2006 noch einmal die Chance, den Fall zu lösen. Ein Epos von literarischem und intellektuellem Gewicht.

Die zeitliche Klammer bilden die Fußballweltmeisterschaften 1982 und 2006. Während des Endspiels 1982 in Spanien verpfuscht die Hauptfigur dieses Romans, der italienische Commissario Michele Balistreri, eine Morduntersuchung, weil er nur Frauen, Fußball und Saufen im Kopf hat. Er geht wichtigen Spuren nicht nach, folgt seinen Instinkten nicht, schaut nicht genau hin und richtet damit im Leben von Menschen viel Unheil an. Unbewusst, indolent, gleichgültig. 2006, während die WM in Deutschland auf das Endspiel Frankreich gegen Italien hinläuft, geschehen wieder Morde, die an den alten, nie gelösten Fall von damals anknüpfen. Ein inzwischen vom Leben und Schuldkomplexen schwer gebeutelter, beinahe geläuterter Balistreri muss aufräumen.

Es gilt Schuld in rauen Mengen abzutragen, Menschen und Konstellationen von damals neu zu betrachten. Auch wenn das neue Schuld und neue Opfer bedeutet. Anständige Menschen, darunter Mitarbeiter des unglücklichen Balistreri müssen sterben, weil er die ganze Tragweite der Vorgänge immer noch nicht begreift. Wie auch - ist doch Balistreri kein Held eines Pizza- und Pasta-Krimis, sondern die Hauptfigur eines auf drei Teile angelegten Epos von erklecklichem literarischen und intellektuellen Gewicht: Trotz des leicht albern anmutenden Titels "Du bist das Böse", ist dieser Kriminalroman von Roberto Costantini ein beeindruckender Wurf.

Das Buch verzahnt sehr dicht Privates und Politisches, ein paar paranoide Grundhypothesen. Dass etwa Italien von konservativen Kräften noch mehr ins Chaos gestürzt werden soll, um eine autoritäre Regierung zu legitimieren, teilt Costantini zum Beispiel mit seinem Kollegen Giancarlo de Cataldo, dessen Einfluss besonders im ersten Teil des Buches spürbar ist. Bei Costantini wird diese Position umso akzentuierter, weil sein problematischer Polizist Balistreri früher selbst dem Faschismus nahe stand, bevor er bei der Polizei Karriere machte.

Wie Politik polizeiliche Ermittlungen lenken und blockieren kann, wie einerseits verwoben, andererseits konkurrenzhaft die verschiedenen Eliten agieren, wie Xenophobie und Rassismus (populistische Kampagnen besonders gegen Roma spielen im zweiten Teil eine erhebliche Rolle) funktionalisiert werden können und wie Italien immer noch mit seinen alten afrikanischen Kolonien verbunden ist, das alles integriert der Roman geschickt in seinen Plot.

Erfreulich ist dabei auch, dass mit Autoren wie Roberto Costantini eine sehr politisch engagierte, intellektuell sehr ernsthafte italienische Kriminalliteratur bei uns allmählich wieder sichtbarer wird. Wenn es eine Achillesferse gibt, dann die: Weil "Du bist das Böse" als Whodunit bis zur letzten Seite überraschen möchte, wirkt der Roman leicht überkonstruiert. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Besprochen von Thomas Wörtche

Roberto Costantini: Du bist das Böse
Roman. Aus dem Italienischen von Antje Nattefort.
C. Bertelsmann, München 2012,
575 Seiten, 19,99 Euro