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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.01.2016

Moraltheologe Schockenhoff"Reduzierung von Flüchtlingszahlen ist nicht zu missbilligen"

Eberhard Schockenhoff im Gespräch mit Christopher Ricke und Anke Schaefer

Eberhard Schockenhoff, Theologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Eberhard Schockenhoff, Theologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Die geplante Kooperation mit der Türkei zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen ist umstritten. Für Eberhard Schockenhoff ist sie gleichwohl geboten: Moral schreibe nicht vor, dass jeder einzelne Schritt in einer komplexen Situation "vollumfänglich gerechtfertigt" sei.

Die Verhandlungen über eine Kooperation mit der Türkei, die Flüchtlinge davon abhalten soll, illegal nach Europa einzureisen, stoßen angesichts der prekären Menschenrechtssituation in der Türkei bei vielen auf Kritik.

Nach Ansicht des Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff sprechen die Verhältnisse in der Türkei nicht gegen ein solches Abkommen.

"Moral schreibt nicht vor, dass man jeden einzelnen Schritt, den man tut in einer bestimmten, sehr komplexen Situation, daraufhin überprüft, ob er vollumfänglich gerechtfertigt ist", sagte Schockenhoff am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Es gehe auch nicht darum, auf einem Auge blind zu sein. "Sondern man hat langfristige Ziele, die müssen wir in der Kooperation mit der Türkei in der Menschenrechtspolitik, mit der Demokratisierung natürlich im Auge behalten." Aber im Augenblick gehe es eben darum, dass man eine Kooperation mit der Türkei erreichen müsse.

Obergrenze für Flüchtlinge "nicht ratsam"

Schockenhoff warnte ferner davor, eine Obergrenze für Flüchtlinge festzulegen. Dies sei nicht ratsam, da man eine solche Obergrenze im Zweifelsfall nicht einhalten könne: "Wir können nur versuchen, diese Zahl zu reduzieren. Das ist auch ethisch nicht grundsätzlich zu missbilligen. Aber dazu müssen wir eben mit vielen Menschen sprechen."

Letztlich könne nur eine gesamteuropäische Lösung die Flüchtlingskrise lösen. Das Problem sei, dass eine solche Lösung nicht in sechs bis acht Wochen zu erzielen sei, die Bevölkerung in modernen Demokratien aber nicht den dafür erforderlichen langen Atem hätte. Schockenhoff riet, die Situation den Bürgern als Folgewirkung der Globalisierung zu erklären, von der man bisher oft genug profitiert habe.

"Dann sieht man auch, dass die Handlungsfähigkeit der Regierung, der Politik, eingeschränkt ist. Und dafür muss die Bevölkerung Verständnis aufbringen. Das muss man ihr allerdings auch erklären." Wer rasche Lösungen verspreche, werde am Ende an diesen Versprechen gemessen, warnte der Moraltheologe.

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