Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 22.01.2016

Moraltheologe Schockenhoff"Reduzierung von Flüchtlingszahlen ist nicht zu missbilligen"

Eberhard Schockenhoff im Gespräch mit Christopher Ricke und Anke Schaefer

Eberhard Schockenhoff, Theologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Eberhard Schockenhoff, Theologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Die geplante Kooperation mit der Türkei zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen ist umstritten. Für Eberhard Schockenhoff ist sie gleichwohl geboten: Moral schreibe nicht vor, dass jeder einzelne Schritt in einer komplexen Situation "vollumfänglich gerechtfertigt" sei.

Die Verhandlungen über eine Kooperation mit der Türkei, die Flüchtlinge davon abhalten soll, illegal nach Europa einzureisen, stoßen angesichts der prekären Menschenrechtssituation in der Türkei bei vielen auf Kritik.

Nach Ansicht des Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff sprechen die Verhältnisse in der Türkei nicht gegen ein solches Abkommen.

"Moral schreibt nicht vor, dass man jeden einzelnen Schritt, den man tut in einer bestimmten, sehr komplexen Situation, daraufhin überprüft, ob er vollumfänglich gerechtfertigt ist", sagte Schockenhoff am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Es gehe auch nicht darum, auf einem Auge blind zu sein. "Sondern man hat langfristige Ziele, die müssen wir in der Kooperation mit der Türkei in der Menschenrechtspolitik, mit der Demokratisierung natürlich im Auge behalten." Aber im Augenblick gehe es eben darum, dass man eine Kooperation mit der Türkei erreichen müsse.

Obergrenze für Flüchtlinge "nicht ratsam"

Schockenhoff warnte ferner davor, eine Obergrenze für Flüchtlinge festzulegen. Dies sei nicht ratsam, da man eine solche Obergrenze im Zweifelsfall nicht einhalten könne: "Wir können nur versuchen, diese Zahl zu reduzieren. Das ist auch ethisch nicht grundsätzlich zu missbilligen. Aber dazu müssen wir eben mit vielen Menschen sprechen."

Letztlich könne nur eine gesamteuropäische Lösung die Flüchtlingskrise lösen. Das Problem sei, dass eine solche Lösung nicht in sechs bis acht Wochen zu erzielen sei, die Bevölkerung in modernen Demokratien aber nicht den dafür erforderlichen langen Atem hätte. Schockenhoff riet, die Situation den Bürgern als Folgewirkung der Globalisierung zu erklären, von der man bisher oft genug profitiert habe.

"Dann sieht man auch, dass die Handlungsfähigkeit der Regierung, der Politik, eingeschränkt ist. Und dafür muss die Bevölkerung Verständnis aufbringen. Das muss man ihr allerdings auch erklären." Wer rasche Lösungen verspreche, werde am Ende an diesen Versprechen gemessen, warnte der Moraltheologe.

Mehr zum Thema

Türkei und EU - "Ankara braucht den Beitrittsprozess"
(Deutschlandfunk, Interview, 22.01.2016)

Shermin Langhoff initiiert Aufruf - Solidarität mit türkischen Kollegen
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 22.01.2016)

Regierungskonsultationen in Berlin - Türkei: Drei Milliarden Euro für Flüchtlinge reichen nicht
(Deutschlandfunk, Die Nachrichten, 22.01.2016)

Obergrenzen für Flüchtlinge - "Es gibt keinen Rechtsbruch von Angela Merkel"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 21.01.2016)

Streit um Flüchtlingspolitik - Seehofer sieht ernste Lage der Großen Koalition
(Deutschlandfunk, Die Nachrichten, 21.01.2016)

Österreichische Obergrenze - Dominoeffekt auf der Balkanroute
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 21.01.2016)

Interview

Erhard Eppler SPD-Urgestein und Vordenker wird 90
Der frühere Bundesminister Erhard Eppler (SPD) nimmt am 15.05.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) an der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2015 teil. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Der SPD-Politiker Erhard Eppler wird am Freitag 90 Jahre alt. Wir gratulieren - und sprachen mit dem früheren Entwicklungsminister über Ideale in der Politik, deren Umsetzung und was Kanzlerin Merkel diesbezüglich lernen musste.Mehr

Mensch und NaturIst Artensterben wirklich schlecht?
Giraffenweibchen Gaia im Giraffenhaus im Zoo in Dresden (Sachsen) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Dass einzelne Tierarten aussterben, habe es immer gegeben und sei nicht gravierend, meint der Biologe Josef Settele. Derzeit finde allerdings ein vom Menschen verschuldetes Massenartensterben statt, das dem Menschen auch selbst schade.Mehr

Mariä EmpfängnisVom Mythos Jungfrau im 21. Jahrhundert
Bildnis von Maria, die Jesus die Brust gibt. (Imago / robertharding)

Geht der Jungfräulichkeitsmythos auf einen Übersetzungsfehler zurück? Am 8. Dezember feiern Katholiken Mariä Empfängnis. Kulturwissenschaftlerin Anke Bernau erklärt die Hintergründe und warum Jungfräulichkeit vor allem in patriarchalischen Kulturen wichtig ist.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur