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Moralist mit Alkoholproblem

Jo Nesbo: "Das fünfte Zeichen"

Rezensiert von Andrea Fischer

Jo Nesbo ist neben Anne Holt der wohl gefeiertste norwegische Krimi-Schriftsteller.
Jo Nesbo ist neben Anne Holt der wohl gefeiertste norwegische Krimi-Schriftsteller. (AP)

Wie in allen Kriminalromanen von Jo Nesbo ist der Osloer Polizist Harry Hole die Hauptfigur auch in "Das fünfte Zeichen". Anders als in den klassischen Kriminalromanen, in denen die Helden ihre Männlichkeit mit permanenten Drinks unter Beweis stellten, ist Hole so elend und erbärmlich, wie es ein Alkoholiker eben ist. Aber wenn er nicht mit Hilfe des Alkohols flieht, dann sieht er sehr klar und hat ein gutes Gespür für das, was hinter den Fassaden steckt.

In Oslo werden in einem heißen Sommer zwei Frauen ermordet. Ein Finger fehlt ihnen jeweils, dafür liegt ein Diamant auf ihren Augen. Als eine dritte Frau spurlos verschwindet, wird die Polizei nervös: Sollte tatsächlich ein Serienmörder in Oslo sein Unwesen treiben? Weil alle im Urlaub sind, darf auch Harry Hole ermitteln, der eigentlich kurz vor der Entlassung steht. Zu viel Alkohohl, zu viele Alleingänge und dann verdächtigt er auch noch seinen Kollegen Waaler, den hochdekorierten designierten Nachfolger des Chefs, Waffenschmuggel zu betreiben und Kollegen und Zeugen ermordet zu haben. Ausgerechnet mit ihm zusammen soll Hole jetzt den Mörder finden.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Spurensuche. Was sagen die ungewöhnlichen Todesumstände über den Mörder? Welche Zeichen legt er? Aber daneben ist es auch eine Geschichte über Polizisten, die am Rechtsstaat so sehr zweifeln, dass sie die Gerechtigkeit selber in die Hand nehmen wollen. Hole wird aufgefordert, sich an einer solchen "Selbstjustizgruppe" zu beteiligen. Und der Roman handelt von diesem Harry Hole, der immer noch nach dem wahren Mörder seiner Kollegin sucht und vor dem Ende seiner bürgerlichen Existenz steht. Und diese doch bewusst wieder riskiert.

"Das fünfte Zeichen" ist ein Polizeiroman mit einer außergewöhnlichen Hauptfigur. Er ist komplex, aber nie entgleitet Nesbo ein Faden der vielen einzelnen Handlungsstränge. Er versteht es meisterhaft, uns einen tiefen Einblick in seine Hauptperson Hole zu geben und dadurch zugleich die moralischen Fragen, vor denen der Held steht, spannend aufzuwerfen.

Harry Hole ist der Held sämtlicher Romane von Jo Nesbo. In allen bisher erschienenen vier Romanen ist er uns als Quartalssäufer begegnet. Immer wieder stürzt er ab, weil er nicht mit den Dämonen der Vergangenheit leben kann: Im Laufe der Jahre hat er einige ihm wichtige Menschen verloren; sie wurden ermordet. Dazwischen ist Hole – ganz Suchtcharakter – ein besessener Arbeiter, einer der besten Polizisten der Osloer Polizei. Deshalb konnte ihn sein Chef auch seit Jahren vor jeder Entlassung bewahren, aber diesmal sieht es danach aus, als sei selbst dessen Geduld vorbei.

Anders als in den klassischen Kriminalromanen, in denen die Helden ihre Männlichkeit mit permanenten Drinks unter Beweis stellten, ist Hole so elend und erbärmlich, wie es ein Alkoholiker eben ist. Aber wenn er nicht mit Hilfe des Alkohols flieht, dann sieht er sehr klar und hat ein gutes Gespür für das, was hinter den Fassaden steckt. Die Figur Hole gibt Nesbos Romanen Tiefe, gibt ihnen eine moralische Dimension.

Vor rund zehn Jahren hat Nesbo, 45, seinen ersten Roman mit Harry Hole als Hauptfigur veröffentlicht, der damals sofort ein großer Erfolg in Norwegen wurde. Der erste Roman spielt in Australien, der zweite in Asien, die nächsten drei nennt Nesbo seine "Oslo-Trilogie". Sämtliche Bücher standen monatelang auf den Bestsellerlisten und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Vier sind inzwischen auf Deutsch zu haben – übrigens hervorragend übersetzt von Günter Frauenlob. Sein sechster Roman erscheint im Herbst in Deutschland, der noch fehlende zweite Roman im nächsten Frühjahr. Jo Nesbo ist aber nicht nur der inzwischen wohl neben Anne Holt gefeiertste norwegische Krimi-Schriftsteller, er hatte auch großen Erfolg als Popmusiker und als Börsenmakler.

Jo Nesbo: Das fünfte Zeichen
Übersetzt von Günther Frauenlob
Claassen Verlag, Berlin 2006
496 Seiten

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