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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

"Moralisch-geistiger Führer" der russischen Opposition

Sohn von Michail Chodorkowski sieht seinen Vater als Gegenspieler zu Putin

Pavel Chodorkowski im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Michail Chodorkowski, Ex-Chef des Ölkonzerns Yukos, im Jahr 2004 vor einem Moskauer Gericht
Michail Chodorkowski, Ex-Chef des Ölkonzerns Yukos, im Jahr 2004 vor einem Moskauer Gericht (AP)

Pavel Chodorkowski hält seinen 2003 inhaftierten Vater Michail nach wie vor für einen "moralisch-geistigen Führer" der russischen Opposition. Nach seiner Entlassung, ob 2014 oder 2016, werde Michail Chodorkowski die Arbeit seiner Stiftung "Offenes Russland" weiter vorantreiben und am "Aufbau einer Demokratie" mitwirken.

Jan-Christoph Kitzler: Für Michail Chodorkowski ist 2013 kein besonders einfaches Jahr: In diesem Jahr wird er 50, und er wird, soviel steht fest, seinen Geburtstag im Gefängnis verbringen – wie die letzten Jahre auch.

Fast zehn Jahre ist der Mann nun schon in Haft, der einst der reichste Russe war, der dafür stand, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion alles möglich war, auch schnelles Zusammenraffen von Milliardenreichtümern ohne Rücksicht auf Verluste. Als einer der ersten Oligarchen hatte Chodorkowski viele Neider, viele Feinde, und als er vor fast zehn Jahren inhaftiert wurde, da sagte mancher: Das geschieht ihm recht.

Inzwischen hat Chodorkowski aber viele Unterstützer in der ganzen Welt, nicht nur in Russland, die sagen: Michail Chodorkowski ist Opfer einer politischen Justiz. Jetzt hat er ein Buch veröffentlicht, in dem er zusammen mit der Journalistin Natalija Geworkjan seine Sicht auf die Dinge beschreibt.

Gestern Abend wurde es in Berlin vorgestellt, und darüber habe ich mit seinem Sohn Pavel Chodorkowski gesprochen, der in Berlin war, aber sonst in New York lebt. Als Erstes wollte ich von ihm wissen, wie es denn seinem Vater gerade geht.

Pavel Chodorkowski: Ich freue mich, sagen zu können, dass mein Vater so gelassen und so gesammelt ist wie immer. Ich konnte mit ihm sprechen vor zwei Wochen, telefonisch – das war bereits nach der Entscheidung, als die Moskauer Amtsgerichtsbehörde veröffentlichte, dass seine Haftstrafe um zwei Jahre verkürzt wird.

Ich hatte schon befürchtet, er würde sich falschen Hoffnungen hingeben und eine ehere Freilassung im Sommer 2013 erhoffen. Leider arbeitet die russische Regierung nicht nach dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Unsere Hoffnungen sind immer wieder enttäuscht worden: In diesen vergangenen acht oder neun Jahren sind ständig neue Beschuldigungen aufgetaucht, der Prozess zog sich hin. Ich war sehr erfreut, zu hören, wie kühl und rational das Gericht in Moskau den Fall geprüft hat.

Kitzler: Wie machen Sie das eigentlich praktisch: Wie halten Sie Kontakt mit Ihrem Vater?

Chodorkowski: Wir haben schriftliche Briefe ausgetauscht, es war uns möglich, alle zwei Wochen am Samstag etwa fünf bis zehn Minuten miteinander zu sprechen.

Kitzler: Das Buch ist ja zum Teil, habe ich gelesen hier, aus dem Gefängnis geschmuggelt worden in einigen Kapiteln. Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Geht es um den Fall Chodorkowski selbst oder doch eher um den aktuellen Zustand Russlands?

Chodorkowski: Das Buch dreht sich um diesen Übergang von einer staatsgesteuerten Wirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft, die wir bereits in Ansätzen hatten, als das Land seinen demokratischen Übergang begann. Es ist die Geschichte der Demokratieerfahrung meines Vaters, all die Wechselfälle, all die Widrigkeiten, die er durchstehen musste in dieser Übergangszeit, zusammen mit dem Land.

Kitzler: Für Menschenrechtsaktivisten ist Chodorkowski ein politischer Gefangener. Die russischen Behörden sagen, er habe unter anderem Steuern hinterzogen und betrogen. Ich nehme an, Sie sind der ersteren Ansicht. Warum sind Sie sich da eigentlich so sicher?

Chodorkowski: Mein Vater hegt größte Wertschätzung für politischen Pluralismus. Immer wieder hat er beschlossen, seine Grundsätze nicht zu opfern, um irgendwelche Bevorzugungen beim Urteil zu bekommen. Das ist so geblieben. Er ist bereits seit mehr als neun Jahren im Gefängnis.

Kitzler: Aber es gibt ja trotzdem ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem: Da ist ja einer, der sich nach dem Zerfall der Sowjetrepublik in großem Stil bereichert hat, der damals nicht besonders als moralische Instanz aufgefallen ist und der nun eine Ikone derer sein soll, die sich für Rechtsstaatlichkeit einsetzen. Ist das nicht ein großes Problem?

Chodorkowski: Und genau deswegen bin ich ja so dankbar, dass dieses Buch in vielen verschiedenen Sprachen auf den Markt gekommen ist, weil genau diese Fragen angesprochen werden. Es gibt natürlich sehr viele Fragen in Zusammenhang mit dem unternehmerischen Erfolg meines Vaters. In diesem Buch wird klar herausgearbeitet, dass der Grund für seinen außerordentlichen Erfolg und für seinen Wohlstand nicht eine Art Betrug ist, sondern das Ergebnis harter Arbeit und auch gewisser glücklicher Umstände.

Kitzler: Stimmt eigentlich der Eindruck, dass der Fall Chodorkowski mehr Menschen im Ausland interessiert, zum Beispiel hier bei uns in Deutschland oder in den USA, wo Sie leben, als in Russland?

Chodorkowski: Das hat sich sehr geändert im Laufe der letzten neun Jahre. Es stimmte ganz zu Anfang durchaus, als mein Vater hinter die Gefängnisgitter geworfen wurde im Jahr 2003. Damals wussten die meisten Menschen in Russland nichts über ihn oder machten sich keine Gedanken. Das aber hat sich geändert, nachdem er zwei politisch motivierte Prozesse durchstehen musste.

Die Russen konnten erkennen, dass dieser Prozess nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, sondern darauf abzielte, einen politischen Gegner des russischen Präsidenten Vladimir Putin mundtot zu machen. In anderen Ländern haben wir, also meine Familie und ich, großes Glück gehabt und wir sind auch sehr dankbar dafür, dass Menschen außerhalb Russlands sich Gedanken um das Schicksal meines Vaters machen. Ich glaube aber wirklich, dass nach diesen fast zehn Jahren der Ungerechtigkeit die russische Gesellschaft versteht, was mein Vater alles erleiden musste, und gegenüber seinem Schicksal nicht weiter gleichgültig bleiben.

Kitzler: Russlands Präsident Putin sitzt fest im Sattel, man kann sagen, er ist vielleicht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Warum ist eigentlich ein Chodorkowski für ihn immer noch so gefährlich?

Chodorkowski: Also da würde ich Ihnen widersprechen: Ich glaube nicht, dass Putin immer noch auf dem Höhepunkt seiner Macht steht. Ich glaube, er wird sich dessen bewusst, dass seine Tage nach und nach im Bewusstsein der russischen Bevölkerung gezählt sind. Mein Vater war und ist politisch gesehen eine Bedrohung für Herrn Putin, weil er als ein moralisch-geistiger Führer der russischen Opposition gilt und auch für einen großen Teil der russischen Gesellschaft als solcher gilt. Und leider ist das der Grund, weshalb er immer noch im Gefängnis sitzt.

Kitzler: Und das wird noch dauern: Bis voraussichtlich 2016 sitzt Ihr Vater im Gefängnis. Was macht er eigentlich danach? Welche Perspektive hat Ihr Vater in diesem Land, in Russland? Oder ist das gar nicht mehr sein Land?

Chodorkowski: Es gibt tatsächlich eine Möglichkeit, dass mein Vater früher aus dem Gefängnis entlassen wird, dank dieser Strafminderung durch das Amtsgericht Moskau. Er könnte wohl im Oktober 2014 entlassen werden, wenn dieser neue Spruch Bestand hat, wenn das so geschieht, und meine Familie ist bester Hoffnung, dass wir ihn vor dem Sommer 2016 des ursprünglichen Urteils wiedersehen können.

Dann wird er wahrscheinlich mit seiner Arbeit fortfahren, das, was er schon angeschoben hat mit dieser Stiftung "Offenes Russland" - vor seiner Verhaftung war er damit befasst. Er möchte die Bausteine, die notwendig sind zum Aufbau einer Demokratie, zusammenbringen, nämlich die Bürgerrechte, Meinungsfreiheit und Erziehung zur Freiheit.

Kitzler: Das heißt, er will Russland weiter verändern aus Russland heraus?

Chodorkowski: Er hat immer eine Vision für unser Land als ein demokratisches Land gehabt, deswegen hat er auch die Opposition unterstützt, damals im Jahr 2003, ehe er verhaftet wurde. Deshalb hat er auch so viel in dieses Projekt "Offenes Russland" investiert.

Er glaubt, dass die Menschen, insbesondere die erfolgreichen Menschen, sich ihrer Verantwortung stellen müssen, dass sie nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Zeit und ihre Mühe investieren müssen, und in meines Vaters Fall auch seine Freiheit, um das Land zum Besseren zu bringen.

Kitzler: Das war Pavel Chodorkowski über den Fall seines Vaters Michail Chodorkowski. Thank you for being with us!

Chodorkowski: Thank you very much for having me in your program!

Kitzler: Und das Buch "Mein Weg", das Michail Chodorkowski zusammen mit der Journalistin Nataija Geworkjan geschrieben hat, ist im DVA-Sachbuchverlag erschienen und kostet 22,99 Euro.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Lesen Sie ein weiteres Interview mit Pavel Chodorkowski auf dradio.de:

"Er hat einen ungebrochenen Kampfgeist" - Pavel Chodorkowski über seinen Vater Michail (26. Mai 2011)