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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.12.2008

Monika Hauser: Mehr als Lippenbekenntnisse

Trägerin des Alternativen Nobelpreises fordert deutsche Hilfe für Frauen im Kongo

Monika Hauser im Gespräch Liane von Billerbeck

Die Frauenärztin Monika Hauser, Gründerin der Hilfsorganisation "Medica Mondiale" (AP)
Die Frauenärztin Monika Hauser, Gründerin der Hilfsorganisation "Medica Mondiale" (AP)

Die Gründerin der Hilfsorganisation "Medica Mondiale", Monika Hauser, hat die Bundesregierung zu konkreter politischer Einmischung hinsichtlich der Situation von Frauen im Kongo aufgefordert. Hauser wird am 8. Dezember für ihre Arbeit gegen sexualisierte Gewalt in Krisenregionen mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Liane von Billerbeck: "Meine Unbedarftheit hat mich davor geschützt, Zweifel zu hegen." Die das sagt, reist im Winter 1992/93 während des Bosnien-Krieges nach Zenica ins bosnische Kriegsgebiet, um dort vergewaltigten Frauen zu helfen. Wenig später gründet sie dort ein Therapiezentrum, in dem diese misshandelten Frauen nicht nur medizinisch, sondern auch psychologisch betreut werden. Das ist inzwischen 15 Jahre her. Seitdem kämpft Monika Hauser mit ihrer Organisation "Medica Mondiale" gegen sexualisierte Gewalt in Krisenregionen. Am 8. Dezember wird sie für ihre Arbeit mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, und in Köln bin ich jetzt telefonisch mit ihr verbunden. Frau Hauser, ich grüße Sie!

Monika Hauser: Ja, guten Tag!

von Billerbeck: Zu erst einmal ganz herzliche Gratulation!

Hauser: Vielen, vielen Dank!

von Billerbeck: Seit 15 Jahren engagieren Sie sich mit "Medica Mondiale" gegen sexualisierte Gewalt, anfangs in Bosnien, inzwischen auch in Afghanistan, Liberia und auch im Kongo. Wie erreichen Sie die Frauen dort, die ja nicht nur in einer Krisensituation sind, sondern in einer akuten Kriegssituation?

Hauser: Unser Prinzip ist immer, vor Ort mit einheimischen Mitarbeiterinnen zu arbeiten, diese fortzubilden in dieser schwierigen Arbeit, denn sie wissen, wo die Frauen zu finden sind, sie wissen, wie sie mit ihnen ins Gespräch kommen können. Aber tatsächlich ist es sehr, sehr schwierig, gerade jetzt aktuell im Kongo. Aber man muss auch sehen, dass viele Frauen über Mund-zu-Mund-Propaganda von unseren Projekten, von den Zentren erfahren und dann selber es schaffen, auf den oft abenteuerlichsten und sehr gefährlichen Wegen zu den Kolleginnen vor Ort durchzukommen.

von Billerbeck: Wie sieht die Hilfe konkret aus, die "Medica Mondiale" da leistet, beispielsweise jetzt im Kongo?

Hauser: Die Hilfe jetzt im Kongo im Akutfall ist natürlich etwas anderes als zum Beispiel im Kosovo in Nachkriegsgebieten, wo es ja um langjährige therapeutische und medizinische Unterstützung geht und eben auch natürlich den Frauen Lebensperspektiven wieder zu ermöglichen, indem sie ökonomische Materialien bekommen. Gerade im Kosovo haben wir auf die therapeutische Arbeit immer auch aufgebaut, dass sie zum Beispiel im landwirtschaftlichen Projekt dort eine Kuh, einen Traktor, Bienenstöcke bekommen, dass sie wirklich, ausgegrenzt in ihren Gesellschaften, wie sie sind, eine Möglichkeit haben, wieder ins Leben zurückkehren zu können. Und dort können sie tatsächlich heute für sich und ihre Kinder 300, 400 Euro im Monat verdienen, was dort sehr, sehr viel Geld ist, und eben wieder ihren Platz im öffentlichen Leben so auch beanspruchen. Im Kongo in der akuten Phase ist das natürlich eine andere Situation. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit unserer Partnerorganisation PAIF dort zusammen, die Frauen auch unterstützt durch psychosoziale Begleitung, die Trainings macht, dass die Frauen wieder Geld verdienen können mit diesen Fertigkeiten, die sie dort lernen. Das alles ist zurzeit in Goma nicht möglich. Dort geht es um Akutintervention, um Akuthilfe, das heißt, die Frauen, die zu den Kolleginnen vor Ort kommen, werden ins Krankenhaus begleitet, um dort eben ihre schweren Verletzungen zu behandeln, oft sind auch Operationen notwendig, aber auch, dass sie mit vergewaltigten Frauen vors Militärgericht gehen und dort die Fälle vorstellen. Denn gerade kürzlich haben wir miterlebt, dass eine Frau, die ins Lager der Regierungssoldaten verschleppt worden ist, von einer Kollegin von PAIF befreit werden konnte. Sie hat also mit den Soldaten in dem Lager verhandelt und sie rausbekommen. Und der Fall ist jetzt vors Militärgericht gebracht worden, weil die Militärgerichte natürlich auch kein Interesse von absoluter Disziplinlosigkeit ihrer Soldaten haben.

von Billerbeck: Wie gewinnen Sie eigentlich das Vertrauen dieser vergewaltigten Frauen, dieser traumatisierten Opfer?

Hauser: Ja, das ist oft eine langfristige und sehr geduldige Arbeit. Aber wichtig ist, den Frauen von vorneherein zu zeigen, dass wir ihnen glauben, dass wir an ihrer Seite stehen. Und die Frauen sind sehr froh, dass es solche Organisationen, solche Personen gibt, wo sie wirklich eine solidarische Unterstützung sofort spüren können. Das Problem ist ja in all diesen Gesellschaften, dass die Frauen ausgegrenzt werden, dass ihre Familien, die Umgebung, das Dorf sie als "dreckige Frau" bezeichnet und sie deswegen zusätzlich traumatisiert werden durch diese Isolation. Und bei den Projektkolleginnen spüren die Frauen sofort, dass es hier um sie geht, dass sie im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Und daher, wenn sie denn einmal den Weg zu uns gefunden haben, sind die weiteren Schritte sehr viel einfacher, als wenn die Frauen eben monatelang in ihren Dörfern ausharren und dort weiter ausgegrenzt und stigmatisiert werden.

von Billerbeck: Vergewaltigungen, die passieren in allen Kriegen, sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart, dennoch sind sie, Sie haben es ja auch eben geschildert, immer ein Tabu, über das es unglaublich schwer ist zu sprechen. Wo können Sie und Ihre Helferinnen da ansetzen?

Hauser: Auf allen Ebenen. Wir setzen bei den Frauen selber an und zeigen ihnen, dass sie trotzdem natürlich ihren Wert haben, dass sie wieder für sich verstehen können, dass sie zwar schwerste Menschenrechtsverletzungen überlebt haben, dass sie aber weiterhin Respekt vor anderen Menschen bekommen können, dass sie das Recht haben, wieder eine Lebensperspektive zu bekommen. Dann setzen wir bei der Familie, bei den Gemeinden an, sprechen dort, machen Aufklärungskampagnen, dass die Frauen doch natürlich nicht selber schuld sind, sondern dass der Finger auf die Täter zeigen muss und nicht auf die Frauen. Wir setzen an den Krankenhäusern an, an der Justiz, auch Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Trotz einiger Fortschritte dort sehen wir immer wieder, dass auch diese nationalen und internationalen Institutionen versuchen, nichts mit diesen Frauen zu tun haben zu wollen. In den Prozessen wird schlampig ermittelt, sodass der Prozess oder der Fall wieder fallengelassen wird. Das heißt, wir müssen auch hier immer wieder ansetzen und auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von solchen internationalen Institutionen immer wieder aufklären und sensibilisieren. Wir setzen aber auch bei der internationalen Politik an. Schauen Sie, aktuell erwarten wir doch sehr wohl von der Bundeskanzlerin und dem Außenminister, dass hier konkret gehandelt wird. Es gäbe einige Ansatzpunkte, wo gerade jetzt die Bundesregierung einmal ein Zeichen setzen könnte, dass für sie die Menschenrechte der Frauen nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern dass sie es ernst meinen.

von Billerbeck: Was würden Sie da fordern?

Hauser: Wir fordern, dass sie hier sehr konkret sich politisch einmischen, dass sie auch eine Person mit einem Mandat vor Ort schicken, die in Goma sich noch mal umschaut, wo konkret unterstützt werden kann. Wir fordern, dass hier auch ganz klar EU-Truppen vor Ort sind, eine EU-Mission, das wünschen sich unsere lokalen Kolleginnen. Sie haben alle noch die Erinnerung an die EU-Mission damals 03, Artemis, die sehr, sehr schnell für Ruhe gesorgt hat vor Ort. Hier könnte die Bundesregierung auch ganz eindeutig auch in Richtung Brüssel dies fordern, aber leider sehen wir da nur Untätigkeit derzeit.

von Billerbeck: Monika Hauser ist meine Gesprächspartnerin, die Gründerin von "Medica Mondiale", die seit 15 Jahren gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen in Krisengebieten kämpft und dafür demnächst mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird. Nur ein Bruchteil der Frauen, Frau Hauser, die erfährt später Gerechtigkeit nach so einer Vergewaltigung, die viele ja als den Verlust des Grundvertrauens in die Welt empfinden, sei es nun, ob in Form einer Verurteilung der Täter oder in Form finanzieller Entschädigung. Entmutigt Sie das nie?

Hauser: Natürlich habe ich oder meine Kolleginnen immer wieder Momente, wo wir Sisyphusarbeit geleistet haben und für unsere Ziele, dass Frauen eben endlich entsprechend unterstützt werden, dass die Täter verurteilt werden, dass wir da immer wieder auch Einbrüche haben in unserer schweren Arbeit, in unserer Kraft. Aber ich sage Ihnen, es passiert dann auf jeden Fall am nächsten Tag wieder etwas, wo wir wissen, dass es sich lohnt, weiter zu agieren. Und was wäre denn die Alternative dazu? Die Alternative hieße, dass es nicht diese dezidierte Lobbyarbeit für die Frauen gäbe, dann sähe die Welt für die betroffenen Frauen noch sehr viel düsterer aus.

von Billerbeck: Etwas, das in der Arbeit mit Vergewaltigungsopfern und schwer traumatisierten Frauen immer selten erwähnt wird, ist, was mit den Helferinnen geschieht, also den Ärztinnen, den Psychologinnen, Menschen wie Ihnen. Können Sie die Bilder, das, was Ihnen da erzählt wurde, eigentlich vergessen? Wer hilft den Helfern?

Hauser: Ja, ich hatte ja '95 damals gerade deswegen einen schweren Zusammenbruch und musste danach sehr schmerzhaft lernen, dass ich auf mich aufpassen muss. Und mittlerweile haben wir natürlich sehr viel Erfahrung darin, wie wir selber für uns sorgen müssen, dass wir langfristig diese Arbeit tun können. Und wir müssen für uns sorgen! Wir brauchen professionelle Supervisorinnen, Therapeutinnen, denen wir eben genau diese Geschichten erzählen können, wenn wir von den Reisen zurück sind, damit eben nicht immer wieder die Bilder im Kopf sich drehen, sondern dass man auch mal was abschließen kann. Und daher sind mehrere Maßnahmen notwendig, damit man gesund bleiben kann. Aber das haben wir schmerzhaft lernen müssen. Und trotzdem ich hier eine gewisse Erfahrung habe, kann ich Ihnen sagen, dass es oft immer wieder eine tägliche Aufgabe ist.

von Billerbeck: Gibt es auch Dinge, die Sie niemandem sagen können?

Hauser: Es ist mir etwas einfacher gefallen, mit der Übung über die vielen Jahre mit Therapeutinnen, mit Fachfrauen darüber zu sprechen. Zu Beginn direkt nach Bosnien empfand ich das sehr schwer und habe viele Geschichten in mir eingeschlossen. Heute geht das etwas einfacher.

von Billerbeck: Die Gründerin von "Medica Mondiale", Monika Hauser, war meine Gesprächspartnerin, die seit 15 Jahren sexuelle Gewalt gegen Frauen in Krisen- und Kriegsgebieten bekämpft und dafür mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wird. Frau Hauser, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hauser: Ich danke Ihnen!

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